Betriebsrat spricht von "Kahlschlag" : Spiegel Online International droht radikale Kürzung

Das englischsprachige Angebot von Spiegel Online soll eingedampft werden. Dabei ist die Seite gerade während der Aufdeckung der NSA-Affäre so gefragt wie nie zuvor.

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Trotz der großen Nachfrage nach "Spiegel Online International" soll das Angebot verkleinert werden.
Trotz der großen Nachfrage nach "Spiegel Online International" soll das Angebot verkleinert werden.Screenshot: Tsp

Die Redaktion von Spiegel Online ist stolz auf diese Zahlen. Fast 500 000 Nutzer allein aus den USA zählte das Nachrichtenportal im Juli auf seiner englischsprachigen Website, bei Google suchten so viele Nutzer wie nie zuvor nach „Spiegel english“, wie die Zahlen des Analysedienstes compete.com zeigen. Das Ressort International profitiert von dem Interesse an der NSA-Affäre, über die sich die Nutzer hier offensichtlich teils besser informiert fühlten als von der US-amerikanischen Presse oder anderen internationalen Portalen. Doch trotz dieses Erfolgs soll das Ressort nun verkleinert werden, der Betriebsrat spricht von einem „Kahlschlag“.

Redaktion mit 1,4 Stellen

Fünf Redakteure stehen derzeit im Impressum, jetzt soll die Redaktion auf 1,4 Stellen schrumpfen, heißt es in einem Schreiben des Betriebsrats, das dem Tagesspiegel vorliegt. Betroffen seien auch die freien Mitarbeiter. Dabei habe die Chefredaktion gerade erst den Redakteuren vom Ressort International bestätigt, dass sie „ihren publizistischen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit erfüllt“ haben. Es sei „erstaunlich“, so der Betriebsrat, dass den Kollegen „sehr gute Arbeit attestiert“ und gleichzeitig deren Kündigung gerechtfertigt werde. Das zeige: „Jeden Mitarbeiter des Spiegel-Verlags kann es jederzeit erwischen, völlig unabhängig von seiner Leistung.“

"Der redaktionelle Aufwand ist zu groß"

Der Verlag begründet die Kündigungen damit, dass SpOn International mehr Kosten produziere als Erlöse. „Wir sind erfolgreich in der Vermarktung, aber der redaktionelle Aufwand ist zu groß, um das Angebot in seiner bisherigen Form aufrechtzuerhalten“, teilte eine Verlagssprecherin mit. Problematisch sei unter anderem die heterogene Zielgruppe – was als Erklärung merkwürdig wirkt, da auch die Portale von Zeitungen wie der „New York Times“ oder dem „Guardian“ global gelesen werden. Wie viele Besucher Spiegel Online International insgesamt zählt, gibt der Verlag nicht bekannt. Keine Kündigungen soll es dagegen beim deutschsprachigen Angebot geben. Spiegel Online schreibe weiterhin schwarze Zahlen.

Anfindungsangebote beim "Spiegel"

Doch auch beim Print-Heft versucht Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe, die Kosten angesichts sinkender Erlöse zu minimieren. Mitarbeitern wurden Abfindungsverträge angeboten, die angeblich auch von prominenten Autoren angenommen worden sein sollen.

Bei Spiegel Online soll es trotz der Einsparungen auch künftig ein englischsprachiges Angebot geben. Die bisherige Qualität, die der Marke „Spiegel“ offensichtlich auch international Prestige beschert, dürfte mit 1,4 Stellen allerdings schwer aufrechtzuerhalten sein. Das fürchten auch die Kollegen aus den deutschsprachigen Online-Ressorts. Die Stimmung ist schlecht, heißt es aus Hamburg.

Gegenwind für den neuen Chefredakteur Büchner

Auch wegen des Konzepts, wie künftig mit Texten aus dem Print-„Spiegel“ auf der Website umgegangen werden soll. Sie sollen künftig als kostenpflichtige Texte neben den kostenfreien Online-Artikeln stehen. Den Lesern sei aber schwer zu vermitteln, warum sie für den einen Text zahlen müssten und für den anderen nicht, heißt es aus der Online-Redaktion. Das Konzept sei „nicht ausgereift“.

Damit bekommt Wolfgang Büchner, "Spiegel"-Chefredakteur für Print und Online, ausgerechnet aus der Redaktion Gegenwind, in der er bei seinem schwierigen Start im September Rückhalt gesucht hat. Er wollte sich zum Sparkurs nicht äußern. Am Donnerstag stand die Spiegel-Online-Weihnachtsfeier an. Die Feststimmung war vorab nicht gerade groß. Sonja Álvarez

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