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"Bild" lässt sich von Griechen feiern : "kontra" lobt Diekmann-Kommentar

Typisch "Bild"? Erst wird gegen weitere Griechenland-Hilfen gehetzt, dann schmeißt sich "Bild"-Chef Kai Diekmann an die Griechen ran. Dafür lässt sich "Bild" vom Griechen-Blatt "kontra" loben.

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"Bild" lässt sich feiern - vom Griechenblatt "kontra"
"Bild" lässt sich feiern - vom Griechenblatt "kontra"Screenshot- Tsp

Griechenland muss sich der gemeine Deutsche auch so vorstellen, dass alle Griechen die "Bild"-Zeitung lesen. Wo sonst ließe sich die "Bild"-Zeile auf Seite 2 der Dienstagsausgabe des Boulevardblattes verstehen? "Riesen-Echo in Griechenland auf den BILD-Kommentar vom vergangenen Samstag". Chefredakteur Kai Diekmann hatte sich und den Hellenen "Eine bessere Zukunft für Griechenland" gewünscht, "in der Eltern für ihre Kinder sorgen können und Jugendliche nicht in Hoffnungslosigkeit versinken. Eine Zukunft, in der ein wirtschaftlich kraftvolles Griechenland die Menschen stolz macht." Laut "Bild" berichteten zahlreiche Medien über den Kommentar, die Zeitung "kontra" habe den Text sogar auf ihre Titelseite gehoben. "Der Kommnentar von Herrn Diekmann ist besser als der, den wir schreiben würden", wurde "kontra"-Eigentümer George Kouris zitiert.

Es wird in Diekmanns Brust nicht doch ein Herz schlagen? Nach Lage der Dinge macht bild.de-Chef Julian Reichelt immer den Bösen, dafür wird er vom Überchef verteidigt, der dann seinerseits den Guten gibt. Jetzt müsste "Bad-Bay"-Reichert wieder dran sein.

Am Donnerstag noch hatten "Bild" und bild.de Leser und User aufgefordert, mit Selfie-Postings ihr Nein zu weiteren Griechenland-Hilfen zu dokumentieren. Am Freitag dann feierte die Boulevardzeitung sich und ihre Konsumenten: "Bild-Leser sagen Nein", heißt es auf der Titelseite, auf den Seiten 2 und 3 wurden Selfies abgdruckt. Leser hielten den "Bild"-Appell zum Nein in die Smartphone-Kamera, ballten Fäuste, senkten Daumen, schauten grimmig. "Bild" war wütend, die Leser waren wütend.

Die Aktion hatte schon am Donnerstag massive Kritik erfahren. Von "Kampagne" und "Hetze" war die Rede. Die "Bild-"Redaktion nimmt das auf, indem sie kritische Medienreaktionen in einer Randspalte zitiert. Aber der Tonfall bleibt unverändert: Ein Foto soll zeigen, wie gutgelaunt im Bundestag über Griechenland-Hilfen votiert wird: "Stimmt der Bundestag so fröhlich zu?" heißt die Headline dazu.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hatte die "Bild"-Zeitung am Donnerstag aufgefordert, ihre Aktion gegen die Verlängerung der Griechenland-Hilfen zu stoppen. Der Verband sprach von einer "Kampagne", die direkten Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen wolle. Dies "verbiete sich aber mit der beschreibenden Aufgabe des Journalismus", sagte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken.

"Bild" macht massiv Stimmung gegen weitere Griechenland-Hilfen
"Bild" macht massiv Stimmung gegen weitere Griechenland-HilfenScreenshot: Tsp

Die Zeitung wie auch die Homepage bild.de rief am Donnerstag ihre Leser dazu auf, sich zusammen mit der Schlagzeile "Nein - Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen" zu fotografieren und das Selfie an die Redaktion zu senden. Anlass ist die Abstimmung des Bundestags über die Verlängerung der Griechenland-Hilfen am Freitag.

"Medienethisch bedenklich", urteilt der DJV

"Die Griechenland-Politik der Bundesregierung kann man mögen oder ablehnen", erklärte Konken weiter. Es sei auch "selbstredend", dass Boulevard-Medien einen anderen journalistischen Stil pflegten. Die Selfie-Aktion überschreite "aber die Grenze zur politischen Kampagne". Es sei zudem "medienethisch bedenklich", ein ganzes Volk für die finanzpolitischen Fehlentscheidungen seiner Politiker zu diffamieren. Kai Diekmann wäre nun nicht der "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, wenn er sich nicht per Twitter zu Wort gemeldet hätte: "Politische Kampagne ist Grenzüberschreitung? Das hättet ihr mal Henri Nannen oder Augstein erzählen sollen."

Online veröffentlichte bild.de im Laufe des Donnerstags entsprechende Leserfotos. Diekmann freute sich über eine Rekordteilnahme, ohne eine genaue Zahl zu nennen. In den sozialen Medien stieß die Aktion auf Kritik. Die Zeitung sei ein „Schmierblatt“, schrieb eine Nutzerin auf Twitter, ein anderer dankte der Redaktion ironisch dafür, dass man „Vollidioten auf ihren Fotos“ nun schneller erkenne.

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