Boomende Branche : Teuer, teurer - Kunst

Kunst als lukrative Anlageform: Eine Arte-Doku über exorbitante Spekulationsgeschäfte.

Manfred Riepe
Das bislang zweitteuerste Werk der Kunstgeschichte: Dieser Modigliani-Akt wurde im vergangenen Jahr bei Christie’s für über 170 Millionen Dollar versteigert.
Das bislang zweitteuerste Werk der Kunstgeschichte: Dieser Modigliani-Akt wurde im vergangenen Jahr bei Christie’s für über 170...Foto: AFP

Es gibt Steuer-, Anlage-, Unternehmensberater und neuerdings Energieberater. Nicht allgemein bekannt ist, dass auch Kunstberater gute Geschäfte machen. Die des Düsseldorfers Helge Achenbach liefen allerdings zu gut. Sechs Jahre Gefängnis handelte er sich ein, weil das Gericht es als erwiesen ansah, dass er dem Aldi-Nord-Erben Berthold Albrecht knapp 20 Millionen Euro zu viel an Provision berechnete. Für Kunst, die er „im Kofferraum“ vorbeibrachte.

Doch wer bestimmt eigentlich, was zu viel ist? Und wie entstehen überhaupt Preise auf dem Kunstmarkt? Diese naiv klingende, tatsächlich aber hoch spannende Frage wirft Martina Müller in ihrer Doku „Geld Macht Kunst“ auf. Wie Alice, die in Lewis Carrolls Roman hinter den Spiegel blickt, so schaut dieser Film gewissermaßen hinter bemalte Leinwände. Ein Kunstwerk entsteht nämlich nicht nur im Atelier des einsamen Malers. Geschäfte und Connections im Hintergrund bestimmen den Wert eines Werks ebenso wie Pinsel, Farbe und Inspiration.

Die Dokumentation lotet das Wechselspiel zwischen Kunst als Geldanlage, der Preispolitik der Galerien und der steigenden Macht privater Sammler aus. Ein elitäres Gefüge, das im Prinzip organisiert ist wie der Aktienmarkt. Statt Analysten treiben Galeristen und Kunstberater den Preis hoch. Exemplarisch dokumentiert der Film die Versteigerung eines Akts des Italieners Modigliani. Das Bild dieses Blue-Chip-Künstlers, frohlockt Andreas Rumpler vom Auktionshaus Christie’s, sei „marktfrisch“. Es wurde seit Generationen nicht verkauft. Aber: „Warum begeistert uns dieses Bild so?“ Die dürren Ausführungen des smarten Experten sind belanglos wie die eines zweitklassigen Kunsthistorikers, der asiatische Touristen durch ein Provinzmuseum schleust. Mit seinem einnehmenden Charme heizt Rumpler an der sensiblen Schnittstelle zwischen Ästhetik und Geld jedoch einen erstaunlichen Effekt an: Der Modigliani kam letztes Jahr für den Mondpreis von über 170 Millionen Dollar unter den Hammer. Und ist damit das bislang zweitteuerste Werk der Kunstgeschichte.

Museen sind zunehmend auf Privatsammler angewiesen

So etwas geschieht nicht oft – aber immer öfter. Die Konzentration auf Scheichs, russische Oligarchen und neureiche Chinesen bewirkt einen Strukturwandel des Kunstbetriebs. Am Beispiel von Jeff Koons wird aufgezeigt, wie einzelne Stars vereinnahmt werden von Spekulationen und Wertsteigerungsstrategien. Ihr Image fungiert letztlich nur noch als Aushängeschild für exklusive Luxus-Labels. Öffentliche Museen, die in diesem realitätsfremden Übersetzungswettbewerb nicht mehr mithalten können, sind mehr und mehr auf Leihgaben solventer Privatsammler angewiesen. Explodierende Auktionspreise bewirken jedoch ein Ansteigen der Versicherungssummen. Museen können sich einschlägige Werke immer seltener leisten. Die Folge: Kunst verschwindet aus dem öffentlichen Bereich und landet in Freihandelszonen von Genf, Luxemburg oder Singapur. Von hier aus wird sie an Superreiche vermittelt.

Dazu zählt auch der Aldi-Nord-Erbe. Womit wir wieder am Anfang der Geschichte wären. Eine Gerichtsreporterin plaudert über süffisante Details vom Achenbach-Prozess, bei dem zur Sprache kam, wie die Albrecht-Witwe Babette Albrecht in ihrer Villa ein über hundert Millionen Euro teures „Sammelsurium von Werken aus allen Epochen“ nach drei Kriterien ordnete: „In erster Linie nach der Größe“, dann ob die Bilder zur Haarfarbe ihrer Kinder passten – und „weil die Rahmen so schön waren“. Man muss bei dieser Dokumentation Nerven bewahren, um den Glauben an das Wahre, Schöne und Gute nicht völlig zu verlieren.

„Geld Macht Kunst“, Arte, Mittwoch, 22 Uhr 25

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