"Borgia", die zweite Staffel : Sünde und Lust im Kerzenschein

Seid umschlungen, Zuschauermillionen: Unerbittlich setzt das ZDF die „Borgia“-Serie fort. Wer dem Spektakel erst einmal verfallen ist, hegt sicher keine Einwände mehr.

Nikolaus von Festenberg
Machtgieriger und irrer Oberschurke: Selbst als Papst Alexander VI. war Rodrigo (John Doman, Mitte) der Borgia-Clan immer wichtiger als das Heil der Kirche. Foto: ZDF Foto: Michael Driscoll
Machtgieriger und irrer Oberschurke: Selbst als Papst Alexander VI. war Rodrigo (John Doman, Mitte) der Borgia-Clan immer...Foto: Michael Driscoll

Großes Fernsehkino nannten Kritiker die vor zwei Jahren ausgestrahlte erste Staffel der TV-Serie „Borgia“. Und nach gefühlten tausend Kerzen, Rotorgien aus Kardinalsoutfit und Frauenblut und endlosen sechs mal 100 Sendeminuten für Millionen Gebührengeldern mit vögelnden Geistlichen und angeblich heilsamem Schweinekot lernten wir, was das Große am großen Fernsehkino ist: der Zuschauer, das immer hungrige Monster, das in Sechs-Millionen-Stärke pro Folge das alles durchgehalten hatte.

Die „Borgia“-Produktion aus Atlantique Productions, EOS Entertainment in Koproduktion mit Canal+, ZDF und ORF hatte richtig gemacht, was nur noch bei Kultursensibelchen Befremden hervorruft. Die Macher hatten es dem Medium Unterhaltungsfernsehen gestattet, sich den Stoff Geschichte nach seinen Gesetzen einzuverleiben und um alles einen Bogen zu machen, was nach historischer Reflexion oder gar Belehrung aussieht.

Wozu ehrfürchtiges Staunen über eine Renaissance, die das Altertum wiederentdeckte, das Individuum gebar, die Natur vom Sündengeruch befreite und erforschte, den malerischen Blick auf die Landschaft erfand, den Staat zum (auch grausamen) Kunstwerk erklärte und mit ihren vielen Aufsteigergeschichten die feudale Diktatur der edlen Abkunft aufweichte? In einem Wort: Alles Positive dieser wunderbaren Epoche wurde ausgebürgert. Auch die am Montag anlaufende zweite Staffel folgt instinktsicher den heutigen wollüstigen Fernsehkleinbürgeralbträumen von Sünde und Lust im Kerzenschein und jagt wie in der Geisterbahn von Übeltat zu Übeltat.

Tom Fontana, der 61-jährige Oberautor des Projekts, erweist sich als ein Meister in der Fernsehkunst, die Handlung voranzutreiben, ohne groß von innerer Entwicklung zu erzählen. Es entsteht so eine Art rasender Stillstand, vieles passiert, aber erklärt wird wenig. Gleich die erste Folge der Fortsetzungsstaffel überflutet den Zuschauer. Voll der Wahnsinn, wie das Geschehen einsetzt. Rodrigo (John Doman), der Papst Alexander VI. (1430–1503), dem es wichtiger war, Clanchef des spanischstämmigen Sippe Borgia zu sein als Stellvertreter Christi, ersticht vor dem Altar harmlose Kirchenleute. Er hat ein Drogenproblem, im Rausch des giftigen Gebräus Vitriolo überfällt ihn seine mörderische Vergangenheit. Dann wird aus dem machtgierigen Oberschurken ein machtgieriger irrer Oberschurke.

Dann taugt er ohne großen dramaturgischen Aufwand für die Serienmaschine und ist einsetzbar für jede neue Drehbuchvolte. Wozu braucht es da noch Erklärungen für den Verfall, für innere Kämpfe mit dem schlechten Gewissen? In Vitriolo veritas, diese Rollenbeschreibung muss der Zuschauer akzeptieren. Zeit ist immer knapp, und es gibt ja noch so viele andere Personen, denen so viel passiert.

Cesare (Mark Ryder) zum Beispiel, der Papstsohn (1475–1507), der die ganze Staffel als Li-La-Laune-Bär unterwegs ist, bleibt ewig unberechenbar. Mal gibt er den unsterblich Verliebten in die schöne Französin Charlotta von Aragon (Paloma Bloyd), spannt sie sogar ihrem französischen Liebhaber aus, setzt die Heirat beim französischen König durch, vollzieht die Ehe in der Hochzeitsnacht achtmal, aber zieht dann wieder als Kriegsanführer zu Felde. Seine Kardinalskarriere hat er zuvor ohne innere Skrupel an den Nagel gehängt, nachdem er den Bußprediger Savonarola (Iain Glen) auftragsgemäß erledigt hatte. Glaube, Liebe, Hoffart, keine Lebensweise füllt Cesare aus. Warum, will uns der Film nicht verraten. Cesare wird einfach als stets auffüllbare Figur für die Fernsehmaschine gebraucht. Und man muss sagen, dass dies kein allzu großer Verlust ist. Denn Ryder beweist zu keiner Sekunde der zweiten Staffel, dass er zu schauspielerischem Widerstand gegen das Drehbuch in der Lage wäre. Er ist in athletischer Hinsicht ansehnlich, aber auf seinem kalten Gesicht mit dem Haifischmund kann sich kein Gefühl ansiedeln.

Traue keinem. Vor allem dem von John Doman gespielten Rodrigo gelingt dies bestens.

Auch Lucrezia (Isolda Dychauk), die weibliche Säule des Borgia-Clans, kann nicht halten, was auf sie an Handlungsfülle drückt. Die Papsttochter (1480–1519) durchlebt eine geheim zu haltende Schwanger- und Mutterschaft, ganz treue Dienerin des Papstes, der seine Tochter heiratsmarktfähig bewahren will, unternimmt später Befreiungsversuche als weise Regierungsvertreterin, erleidet erotische Verwirrung, widersteht aber inzestuöser Verführung, bemüht sich um Gefühlsbeherrschung – das ist sichtbar zu viel für die schauspielerische Bandbreite der deutschen Darstellerin Dychauk, die sich zu allem Unglück (Drehsprache: englisch) selbst synchronisiert. Aus ihrem Munde klingt Fontanas Kalenderspruchdialog noch altkluger und aufgesetzter. Eine Schönheit ist diese Lucrezia, aber warum sie am Ende der Staffel den zur Buße ins Kloster untertauchenden Alexander vertritt, erschließt sich nur dem gläubigen Zuschauer, der der Kirchenweisheit folgt: Credo quia absurdum. Zu Deutsch: Soap hat immer recht.

Wieder ist hier das Geheimnis der Seriengewalt zu spüren. Wer drin ist, ist drin und beginnt, sich nicht mehr für die Einwände von draußen zu interessieren. Wie geht es weiter, wird wichtiger als die Frage, ist es auch glaubhaft, was ich sehe. Und als derart Verhexter muss man zwei deutsche Nebendarsteller loben: Der Berliner Sebastian Urzendowsky spielt mit Ponyfrisur und bübisch verschlagen Juan Borgia Lanzol, eine besonders fiese Kardinalssocke aus dem Clan. Und wer sich an Otti Fischers „Pfarrer Braun“ mit dem bigotten Bischofsgehilfen Monsignore Mühlich erinnert, bemerkt, dass Victor Schefé im gleichen Geist bei den Borgias den Zeremonienmeister gibt. Formale Seriosität im Angesicht des Intrigantenstadels der vor dem Papst tagenden Kardinäle wirkt so lächerlich wie deren Gewänder mit den Weihnachtsmannhüten. Das rote Geistlichengremium ist zum Gesindel verkommen.

Hier scheinen Lichtblicke auf, die das ganze Unternehmen für ein wenig Ironie und Komik hätte öffnen können. Auch der wirklich ausgezeichnete Rodrigo-Darsteller Doman („ER“, „The Wire“) hat erkennbar die schauspielerische Fähigkeit für den doppelten Boden. Wie ein mürrisch-skeptischer Cop sitzt er auf dem Stuhl Petri und mustert seine Untergebenen. Trauen wird er keinem. In der Heuchelei hat er Routine, und trotzdem strahlt er die Väterlichkeit eines verlässlichen Paten aus, solange ihn Vitriolo nicht duhn macht. Aber der Bierernst dieses überdrehten Melodrams ist unerbittlich. Es ist zu bedauern: Ein Sender wie das ZDF, der Seriendiamanten wie „Unsere Väter, unsere Mütter“ realisiert hat, spart hier nicht an Gebührenmillionen, sondern an Kreativitätsenergie. Der letzte Teil der „Borgia“- Serie wird gerade gedreht und ist nur mit der Devise zu rechtfertigen: Seid umschlungen, Zuschauermillionen.

„Borgia“, ZDF, ab Montag, 20 Uhr 15

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