Medien : "Boulevard Bio": Nur das Bett ist sein Feind

Thomas Gehringer

Zehn Jahre, kaum zu glauben, flaniert die Welt bereits auf dem "Boulevard Bio" spät abends am TV-Publikum vorbei. Das Haar des Gastgebers ist etwas lichter und deutlich grauer geworden, auch scheint Alfred Franz Maria Biolek - ob in seinem wohnzimmerähnlichen "Boulevard" oder in dem der eigenen Küche nachgebildeten Kochstudio - den Aufregungen der modernen Medienwelt immer weiter entrückt. Er besitzt weder Auto noch Handy, und die "Tagesschau" hat er auch seit Jahren nicht mehr gesehen, weil er sich sonst den Genuss der Zeitungslektüre am nächsten Morgen verderben würde. Doch trotz solch altmodisch anmutenden Gewohnheiten ist Biolek ein höchst erfolgreicher Medienprofi. Der 66-Jährige ist Produzent, Autor, auf dem Bildschirm längst eine Marke für sich und der letzte Unterhaltungs-Dino, der der ARD nach Jahrzehnten noch die Treue hält. Gerade hat er den "Boulevard"-Vertrag wieder um ein Jahr verlängert. Allerdings war die Talkshow wohl seine letzte TV-Kreation. "In dieser veränderten Medienlandschaft noch etwas Neues anzufangen, das kann man höchstens mit einer Kochshow versuchen", erklärt Biolek. Und die macht er schon ("Alfredissimo").

Gewissermaßen kommt es in beiden Bio-Formaten auf das Rezept, auf die richtige Mischung an. "Boulevard Bio" fasziniert durch die ungewöhnliche Kombination der Gäste und durch ihre enorme Spannweite, die im deutschen Fernsehen einmalig ist - vom Dalai Lama bis zu Zlatko. Eine Einladung von Biolek kann man nicht abschlagen, so scheint es, und das ist kein Wunder; denn auf dem "Boulevard" werden alle Gäste freundlich behandelt. Das wirkt manchmal unfreiwillig komisch, weil der Moderator vor lauter Sanftmut Fragen mit durchaus kritischem Potenzial nicht ohne ulkige Verrenkungen über die Lippen bringt. Kritiker warfen Biolek vor allem seine zahmen Politiker-Interviews vor, weshalb Biolek nun die allermeisten Kritiker für absolut ahnungslos hält. Schließlich sei er kein politischer Journalist, und Sportler frage er auch nicht in erster Linie nach sportlichen Dingen. Das gehöre eben zum Konzept der Sendung.

Zweifellos schafft Biolek eine Gesprächsatmosphäre, in der sich Gäste offener geben können, weil sie jederzeit das Gesicht wahren - "Boulevard Bio" ist der Gegenentwurf zu den "Heißen Stuhl"-Konzepten der frühen kommerziellen Talkshows. Und das Publikum honoriert das: Von 18,9 Prozent Marktanteil wie im ersten Quartal 2001 und regelmäßig über zwei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern können andere Late-Night-Talker, auch Harald Schmidt, nur träumen. Allerdings sind drei Viertel der "Boulevard"-Fans älter als 50 Jahre, was einen Privatsender zur sofortigen Absetzung der Show veranlassen würde. Alfred Biolek muss das nicht stören; er kämpft einen anderen Kampf: "Der große Feind lauert im Hintergrund - das Bett." Nach 23 Uhr könnten die Zuschauer leicht einschlafen, doch Biolek weiß auch hier das Rezept: "Informationen kannst du vergessen, Emotionen halten wach."

Die ARD ehrt ihren Meister des gepflegten Talks mit den "Bio-Festwochen". Zehn Sendungen aus neun Jahren werden wiederholt: Den Auftakt machen heute "Mütter und Töchter" (ARD, 23 Uhr), eine Sendung vom Januar 1992 mit Franca und Sabina Magnani, Eva und Anouschka Renzi sowie Barbara und Doro Pesch. An Bioleks 67. Geburtstag wird die aktualisierte Film-Collage "Fast ein Selbstporträt" (10. Juli, 23 Uhr) aus dem Jahr 1999 gezeigt. Und der zehnte Geburtstag von "Boulevard Bio" wird genau am 7. August mit einer Sendung über Freundinnen vom März 1999 gefeiert. Damals trafen sich unter anderem Helen Vita und Gisela May sowie Senta Berger und Elke Heidenreich. Zudem hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch ein üppiges Buch für alle Biolek-Fans aufgelegt: "Boulevard Bio - Die ersten zehn Jahre" (260 Seiten, 39,90 Mark).

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