Boulevard : Die "Bild"-Blase

Mächtig oder schmächtig? "Der Einfluss von 'Bild' auf die Politik wird überschätzt", meint "Spiegel"-Redakteur Markus Feldenkirchen. Eindrücke von einer Diskussion über das Springer-Blatt. "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann selbst schaute nicht vorbei.

Kai auf dem Cover. „Bild“-Chefredakteur Diekmann ziert das Titelbild der Studie.
Kai auf dem Cover. „Bild“-Chefredakteur Diekmann ziert das Titelbild der Studie.Repro: Tsp

Ein Stuhl blieb leer. Auf ihm hatte ein Vertreter der „Bild“-Zeitung Platz nehmen sollen, doch offenbar wollte weder Chefredakteur Kai Diekmann noch ein anderer Journalist des Boulevardblattes aus dem Axel Springer Verlag die „Bild“ an diesem Dienstagabend verteidigen. Beispielsweise gegen den Vorwurf von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz, dass „Bild“ in erster Linie eine Marketing-Maschine ist. Die beiden Autoren haben die Darstellung der Griechenland- und Eurokrise 2009 in der „Bild“ für die gewerkschaftsnahe Otto Brenner Stiftung (OBS) untersucht. „Wo Zeitung draufsteht, ist kein Journalismus drin“, lautet ihr Ergebnis, das nun auf Einladung des Netzwerks Recherche in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung diskutiert und – teilweise – widerlegt wurde.

„Zwar arbeitet ,Bild’ mit Methoden der Werbung, der PR-Kampagnen und des Marketings, hat aber auch einen journalistischen Anspruch“, sagte Béla Anda, der sechs Jahre bei der „Bild“ war, bevor er Regierungssprecher unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder wurde und heute Sprecher des Finanzdienstleisters AWD ist. Doch genau diese journalistischen Methoden hielten andere Teilnehmer in der von Thomas Leif geführten Diskussionsrunde für bedenklich. „,Bild’ bedient Ressentiments und populistische Vorurteile gnadenlos“, sagte Tagesspiegel-Redakteur Harald Schumann. Das Blatt besitze in Deutschland Macht über das Meinungsklima. Stereotypen werden verstärkt, bestätigte Storz. Statt zu differenzieren, sei von „den Griechen“ die Rede, Artikel würden aus der Perspektive des „deutschen Steuerzahlers“ geschrieben, der für alles bezahlen müsse. Für die Journalistin Ulrike Simon ist die „Bild“ gerade deshalb ein Leitmedium: „Denn sie zeigt, wie man Journalismus eben nicht machen soll.“

Erst kürzlich hatte der „Spiegel“ dem Boulevardblatt in seinem Titel „Die Brandstifter“ einen Kampagnen-Charakter unterstellt, der rechtspopulistisch daherkomme. Immer wieder würden „Grusel-Geschichten aus dem Reich der Migranten“ veröffentlicht, sagte „Spiegel“-Redakteur Markus Feldenkirchen.

Eine Kampagne wie die für Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist nach Feldenkirchens Ansicht jedoch ein Beweis dafür, dass „Bild“ weniger Macht habe, als viele Kritiker vermuten und sich die Zeitung womöglich selbst wünsche. So musste Guttenberg als Verteidigungsminister nach Plagiatsvorwürfen bei seiner Doktorarbeit trotz „Bild“-Unterstützung gehen, der Flughafen Tempelhof trotz „Bild“-Kampagne schließen und selbst mit positiven „Bild“-Schlagzeilen wachse die Beliebtheit von Außenminister und inzwischen Ex-FDP-Chef Guido Westerwelle nicht. Feldenkirchen ist deshalb überzeugt: „Der Einfluss von ,Bild’ auf die Politik wird überschätzt.“ Offenbar auch von Politikern selbst und anderen Prominenten, die oft denken würden, sie müssten mit dem Blatt reden, um die Masse zu erreichen, meinte Simon.

Dabei sinkt die Auflage der „Bild“ kontinuierlich, im ersten Quartal des Jahres rutschte sie erstmals unter die Marke von drei Millionen verkauften Exemplaren. Storz gab deshalb am Ende Entwarnung: „Die Stärke von ,Bild’ ist, einen Einfluss zu inszenieren, den sie gar nicht hat.“

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