Can Dündar und andere : Von Erdogan zum Staatsfeind erklärt

Arte-Doku über türkische Emigranten in Deutschland.

Die Autorin Katja Deiß und der Journalist Can Dündar
Die Autorin Katja Deiß und der Journalist Can DündarFoto: HR

In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam ein deutsches Wort in den türkischen Sprachgebrauch: Haymatloz. Es bezeichnete die deutschen Intellektuellen, die auf der Flucht vor dem Nazi-Regime am Bosporus freundliche Aufnahme gefunden hatten. Einige waren sogar hochwillkommen wie der Architekt Bruno Taut, dessen letztes Werk 1938 der Katafalk für den großen Staatsreformer Atatürk war. Oder der Kommunalpolitiker Ernst Reuter, der sofort im türkischen Verkehrsministerium Anstellung fand. Dazu kamen Künstler wie der Bildhauer Rudolf Belling, der Komponist Paul Hindemith. Doch wie sich die Zeiten ändern. Seit dem gescheiterten Putsch im vergangenen Jahr sind etwa zweihundert Akademiker und Journalisten vor Morddrohungen und der Anklage als „Terroristen“ in die Bundesrepublik geflohen.

Die Arte-Doku „Exil Deutschland – Abschied von der Türkei“ zählt sie nicht alle auf, sondern stellt mit Can Dündar, dem ehemaligen Chefredakteur der kritischen Tageszeitung Cumhuriyet, den wohl prominentesten Fall in den Mittelpunkt. Dündar selbst führte, gemeinsam mit Katja Deiss vom Hessischen Rundfunk, auch Regie. Es begann mit der Anklage wegen angeblichen „Verrats von Staatsgeheimnissen“, weil seine Zeitung 2015 über geheime Waffenlieferungen an syrische Milizen berichtet hatte. „Lebenslänglich“ forderte Erdogan und gab sich mit der Gefängnisstrafe nicht zufrieden. Revisionen und neue Gerichtsverfahren folgten. Dündar war sich seines Lebens nicht mehr sicher und zog es vor, von einer Auslandsreise aus Barcelona lieber nach Berlin zu fliegen. Seiner Frau wurde daraufhin der Reisepass entzogen.

Wissenschaftlerin als "Terroristin" denunziert

Ein weniger prominenter, aber bezeichnender Fall ist das Schicksal der jungen Wissenschaftlerin Latife Akyüz, die sich wegen einiger kritischer Äußerungen von heute auf morgen als „Terroristin“ bezeichnet sah. Fast alle Kollegen wandten sich schweigend von ihr ab. Es wurde Zeit zu gehen. Dank einer Stiftung genießt sie heute ein Stipendium bei uns – für zwei Jahre. Unterstützung von der türkischen Gemeinschaft in Deutschland haben sie und Can Dündar nicht zu erwarten, im Gegenteil. Die Todesdrohungen gehen weiter. Ein Taxifahrer am Flughafen Tegel erklärt im Film, er würde den „Landesverräter“ Dündar sofort aus dem Auto werfen, wenn der bei ihm einsteigen sollte.

Es sind solche Szenen und andere, zum Beispiel vom Jubelauftritt Erdogans vor Tausenden, rote Fahnen schwenkenden Landsleuten dieses Jahr in Oberhausen, oder von dessen Hetzreden im eigenen Land („Ihr falschen Intellektuellen“), die einen Schauder über den Rücken laufen lassen. Denn wieder einmal funktioniert ein diktatorisches System fast reibungslos dank einer willfährigen oder schweigenden Mehrheit. Can Dündars Internetplattform „Özgürük“ (Wir sind frei) will Menschen in der Türkei die Augen öffnen - und bei uns. Abschied von der Türkei hat er nicht genommen, sondern sie von ihm, sagt er.

„Exil Deutschland – Abschied von der Türkei“, Arte, Dienstag, 21 Uhr 15

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