Castingshows : „Ich trete auf, also bin ich!“

"Unser Star für Baku", "Superstar", "Supertalent", "Topmodel" und das "perfekte Model: Warum im deutschen Fernsehen so viel gecastet wird, wie nie zuvor.

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Holt mich hier raus – ich bin ein Star. Deutschland steht nicht gerne Schlange, es sei denn, es winkt die Teilnahme an einer Castingshow. Dann wird gelitten. Foto: dpa
Holt mich hier raus – ich bin ein Star. Deutschland steht nicht gerne Schlange, es sei denn, es winkt die Teilnahme an einer...Foto: picture alliance / dpa

Sollen wir uns ärgern, oder genügt es, wenn wir uns wundern? Noch nie hatten so viele Deutsche so viel Zeit, um sich beim Fernsehen zu verdingen. Bei Talkshow und Quiz drängeln sich Frau und Herr Mustermann um die Plätze, allerdings sind diese Zahlen nur Peanuts im Vergleich mit den Castingshows. Hunderte, Tausende, Zehntausende Deutsche, weiblich und männlich, fluten die Bewerberpools. Im Januar 2012 feiert das Format seinen bisherigen Höhepunkt. ARD und Pro7 suchen den Star für Baku, RTL sucht den Superstar und den Dschungelkönig, Sat 1 sucht die perfekte Stimme, Vox das perfekte Model – und alle suchen das größtmögliche Publikum.

Das grassierende Castingfieber kann nicht ohne Folgen bleiben, eine davon ist eine wissenschaftliche, jüngst erschienene Aufarbeitung: „Auf Augenhöhe? Rezeption von Castingshows und Coachingsendungen“, herausgegeben von Daniel Hajok, Olaf Selg und Achim Hackenberg. Der zupackendste Beitrag stammt von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke. Sie diagnostizieren eine Castinggesellschaft, deren Antrieb lautet „Ich will stattfinden!“, deren Selbstverständnis heißt „Ich trete auf, also bin ich!“. Es geht um das Lebensgefühl von Menschen, die das Bedürfnis nach öffentlicher Präsenz zur vorübergehenden, möglichst fortdauernden Existenzgrundlage erklären. Dass sich diese Amateure anheischig machen, die Profis – Schauspieler, Tänzer, Musiker – von der Bühne zu putzen, das stört vielleicht die Profis, die Amateure, die Sender, die Zuschauer stört es nicht.

Wenn jeder ein Star werden kann, ist damit nicht die Prominenz im besten Sinne demokratisiert? Pörksen/Krischke kommentieren so: „Die Status- und Leistungsprominenz regiert schon lange nicht mehr allein. Längst gibt es eine größere Zahl von weitgehend selbstreferenziell erzeugten Medienprominenten – ohne besondere Leistung, ohne spezifische Kompetenz, ohne eine per se Interesse weckende gesellschaftliche Stellung.“

Natürlich lehrt die Geschichte der Castingsuperstars, dass der Ruhm überschaubar, die Halbwertszeit denkbar gering ist. Werden und vergehen, das geht in eins. Aber dieses Resümee reflektiert die allgemeine, vergangene Erfahrung und nicht die invididuelle, zukünftige Erwartung. Die Rendite der Kandidaten für ihren personalisierten Kapitaleinsatz ist Beachtung, sie entkommen für eine mehr oder weniger große Zeitspanne der größten Strafe in heutiger Zeit – Anonymität. Wenn schon Mäuschen, dann bunt angestrahltes Mäuschen im Kameraobjektiv.

Die Sender zahlen nur kleine Summen an ihre Zugpferdchen, warum auch mehr, sie können etwas viel Größeres, Tolleres, bigger than normal life bieten, und das ist die Aufmerksamkeit eines Millionenpublikums zur Primetime. Unklar, ob nach so vielen Staffeln und Formatvarianten die Überzeugung wirklich noch gilt, wonach hier unentdeckte Talente in den Star-Kosmos geschossen werden. Jenseits vitaler Illusionen hat sich auch diese Erkenntnis durchgesetzt: Wer bekannt ist, muss nicht immer etwas können.

„Es entstehen Prominente“, schreiben Pörksen/Krischke, „die dafür berühmt sind, berühmt zu sein. Castingshows, Szenepartys und ihr mediales Umfeld bringen eine sich permanent regenerierende Klasse von Prominenten auf Zeit hervor, die meistens schnell wieder verschwinden und durch andere ersetzt werden.“ Nur wenige würden es schaffen, sich im öffentlichen Gedächtnis zu halten und eine mediale Halbschattenexistenz zu fristen. Man kann die „Stars“ und jene, die es werden wollen, nun bedauern oder nicht, für die Heerschar der Namenlosen ist hier ein Ventil, eine Zugangschance zum Massenmedium, zur Attraktion geschaffen worden, das ihnen über Jahrzehnte autoritären Fernsehmachens verwehrt war. Früher konnten sie nur Zuschauer, jetzt können sie Akteure sein, völlig egal, dass die Sender mit den Castingshows nur eines wollen – Castingshows.

Das Format hat stets ein großes Publikum, warum ist es vornehmlich bei Jugendlichen so erfolgreich? Die Forscherinnen Maya Götz und Johanna Gather nennen in der angeführten Publikation Gründe. Da ist einmal die Identifikation mit den Kandidatinnen und Kandidaten. Häufig entstehen emotionale Bindungen, es wird mitgefiebert, mitgelitten, über das Rollenspiel wird ein Werte-, ein Bewertungssystem gefunden. Gespiegelt zum Fan-Sein gibt es das Dagegen-Sein. X darf auf jeden Fall gewinnen, Y niemals.

Keine Castingshow ohne Voting: Es verleiht ein Quäntchen Macht, wem die eigene Stimme gegeben wird, und dabei bedarf es selbst entwickelter, in der Gemeinschaft diskutierter und überprüfter Kriterien, warum so und nicht anders gevotet wird. Jede Stimme zählt, und deshalb ist das eigene Votum so gewichtig. Wo anders erfährt ein Jugendlicher, dass er und nur er entscheidet?

„Unser Star für Baku“, 20 Uhr 15, ARD

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