Medien : Charts ohne Show

Fluch des Internets: RTL setzt „Top of the Pops“ ab, das Musikfernsehen leidet

Dorothee Schmidt

Musiker mit Chart-Erfolg stehen auf einer Bühne, umringt von Teenagern. Soap-Darsteller und solche, die es waren, moderieren. Das ist das Konzept von „Top of the Pops“, der „Mutter aller Chartshows“ wie RTL sie nennt. Morgen um 17 Uhr 40 läuft „Top of the Pops“ zum letzten Mal. Nach 355 Folgen wird die deutsche Version des BBC-Formats eingestellt. Auch eine Auffrischung im Januar hatte die Quoten – und damit die Chartshow – nicht retten können. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lag der Marktanteil im vergangenen Jahr nur noch bei zehn Prozent. Für RTL-Sprecher Jovan Evermann ist ein Wandel im Konsumverhalten der Zuschauer der Grund für die schlechten Quoten: „Scheinbar interessieren sie sich derzeit mehr für Musik aus dem Internet als aus dem Fernsehen.“ Die Webpage „Yahoo! Musik“ liefert zum Beispiel kostenlos 6000 Musikvideos nach Wunsch. Auf eigenen Homepages stellen Künstler ihre Videos und Liveauftritte zur Verfügung – rund um die Uhr abrufbar. „Das kann eine wöchentliche Musikshow leider nicht bieten“, sagt Evermann. Alle Musiksendungen bekämen das zu spüren.

Die „McDonald’s Chartshow“, nach ähnlichem Muster wie „Top of the Pops“ gestrickt, war für Pro 7 ein Experiment, das im Jahr 2004 nur 50 Folgen lang dauerte. „Über ein Jahr lang haben wir versucht, das Konzept zu optimieren, aber es ist von den Zuschauern nicht angenommen worden“, sagt Pro-7-Sprecher Michael Ostermeier. Ein Marktanteil von gut fünf Prozent bei den umworbenen 14- bis 49-Jährigen reichte nicht aus. Mit ähnlichen Quoten lief von 1996 bis 2000 „Chart Attack“ im Samstagmittagsprogramm des ZDF.

Für die Musikindustrie ist das Ende von „Top of the Pops“ ein Verlust. „Die Fernsehlandschaft bietet neben den klassischen Musiksendern kaum noch Möglichkeiten, Künstler zu präsentieren. Das gilt vor allem für neue Künstler“, sagt Ralf Kotowski von Sony BMG.

Dass die Chartshows eingestellt werden, ist nur ein Indiz dafür, dass das deutsche Musikfernsehen leidet. Als der MTV-Mutterkonzern Viacom 2004 Viva übernahm, ist er zum Monopolisten des deutschen Musikfernsehens aufgestiegen. MTV2 Pop heißt in der Zwischenzeit Nickelodeon und sendet vor allem Zeichentrick für Kinder. Viva Plus soll Anfang 2007 zum Paramount Comedy-Kanal umgebaut werden. Schon jetzt ist das Viva-Plus-Programm ein schlechter Witz im Vergleich zu dem, was beim Vorgänger Viva Zwei lief. Video-Wunschkonzert und Raterunde nach dem Vorbild von Neun Live wechseln sich ab. Und nachts kommt das SMS-Liebesorakel. Bei „Get The Clip“ wird abgespielt, was sich die Zuschauer per kostenpflichtiger SMS wünschen.

Und MTV? Sendet mit „Dismissed“, „Pimp my Ride“ und „Room Raiders“ US-Programme, bei denen Autos aufgemotzt und junge Leute verkuppelt werden. Musikfernsehen ohne Musik bringt bessere Quoten. Bei MTV liefen im vergangenen Jahr „The Simple Life“ mit Paris Hilton und Nicole Richie als Luxusluder im einfachen Leben und die Trickfilm-Serie „South Park“ am erfolgreichsten. Bei Viva wollen die Zuschauer vor allem sich selbst singen hören: Die Karaoke Show „Shibuya“ erreicht die besten Quoten, gefolgt von „Celebrities Uncensored“, wo Stars privat und ungeschminkt von der Kamera verfolgt werden. Jedes Ende eines Musikvideos oder der Anfang eines neuen Liedes, das man nicht mag, sei ein Impuls umzuschalten, sagt MTV-Sprecher Mats Wappmann. Längere Formate lieferten diesen Impuls seltener. Deshalb setzen die Musiksender auf Shows statt Videos, um die Verweildauer der Zuschauer zu verlängern. Das mögen auch die Werbekunden.

Für Musikvideoproduzent Hannes Rossacher, eine Hälfte des Duos „DoRo“, ist das Videogeschäft heute ausgereizt, „in kommerzieller und künstlerischer Hinsicht. Auf eine Produktion zu DJ Nerd featuring Miss Talentfrei habe ich einfach keine Lust." Für Musikvideos stehe heute weniger Geld zur Verfügung als früher. Das Budget orientiere sich an der Stückzahl der verkauften CDs. Und die lagen schon um das Zehnfache höher. „Dass die Relevanz der Musikvideos abgenommen hat, musste zwangsläufig passieren. Das Neue am Genre ist verbraucht.“

Die Zahlen aus der MTV-Statistik decken sich allerdings nicht mit dem Gefühl, dass kaum noch Videos laufen. Etwa drei Viertel des Programms machen Musiksendungen aus, sagt MTV-Sprecher Mats Wappmann. „Man konzentriert sich bei MTV und Viva wieder auf die eigentliche Kernkompetenz“. Der Musikanteil werde zur Zeit wieder erhöht, bei MTV um sieben Prozent, bei Viva gar um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

„Top of the Pops“ verlor Zuschauer ans Internet. Damit MTV nicht Ähnliches passiert, schafft sich der Sender mit „MTV Overdrive“ ab Mai sein eigenes Internetportal, auf dem die Zuschauer sich kostenlos fast alle Shows und Musikvideos anschauen können.

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