Christiane Hörbiger im Interview : „Ich möchte nur Gutes hinterlassen“

Die Schauspielerin Christiane Hörbiger wird 75. Ein Gespräch über Ängste und das Alter, über Loriot und Götz George.

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Christiane Hörbiger.
Christiane Hörbiger.Foto: dpa

Frau Hörbiger, wie ist Ihre Lebenseinstellung: Schauen Sie lieber nach vorn oder zurück?

Schon immer nach vorn.

Das Erste zeigt zu Ihrem 75. Geburtstag neben „Glücksbringer“ und „Besuch der alten Dame“ zwei neue Filme. Einer heißt „Stiller Abschied“, ein eher bedrückender Film. Sie spielen die Powerfrau Charlotte Brüggemann, die ihre Alzheimer-Erkrankung lange Zeit nicht akzeptieren will, es am Ende aber muss. Kann man sich als Schauspieler bei solch einer Rolle von seinen eigenen Ängsten freimachen?

In meiner Familie gibt es keine Alzheimer-Kranken. Ich habe keine Sekunde daran gedacht, dass mich das treffen könnte. Ich glaube, jetzt bin ich aus dem Alter heraus, in dem mich das erwischen konnte.

Im Film sagt Charlotte Brüggemann: „Ich bin nicht zu alt zum Arbeiten, wenn ich nicht mehr arbeite, dann werde ich alt.“ Kann es sein, dass Sie das dem Autor Thorsten Näter ins Drehbuch diktiert haben?

Thorsten Näter ist ein so kluger Mann, nein, damit hatte ich nichts zu tun.

Gibt es für Sie ein Alter, in dem Sie sich vorstellen können, den Schauspielberuf aufzugeben?

Eigentlich nicht, solange ich gefragt werde. Allerdings wird bei mir der Wunsch stärker, nur Gutes zu hinterlassen. Ich möchte mit meinen Filmen im Gedächtnis bleiben. Dass gesagt wird, erinnere dich an den Alzheimer-Film mit der Hörbiger.

Im Film „Stiller Abschied“ steckt ein Appell, ein Carpe diem! Wie wichtig ist es Ihnen denn, dass Ihre Filme eine Botschaft haben?

In diesem Film geht es auch darum, wie wichtig der Zusammenhalt in der Familie ist. Und eine Aufforderung an die Familie mit alten Menschen, dass sie das annehmen sollen.

So unterschiedlich die beiden Filme sind, in einem ähneln sie sich. Als Maria Niemann in „Zurück ins Leben“ ihren Mitbewohnern im Altenheim das Golfen beibringen will, sagt sie, man müsse öfter mal etwas Neues anfangen. Noch eine Botschaft?

Natürlich gilt das auch für mein Privatleben. Bloß fehlt mir schlicht die Zeit dafür. Zum letzten Geburtstag habe ich einen Kochkurs bei einer Meisterköchin an der Donau geschenkt bekommen. Zum zweiten Mal werde ich wieder nicht dazu kommen, weil ich im Januar wieder drehe. Aber darüber bin ich sehr glücklich, auch wenn das Kochen jetzt wieder warten muss.

Maria Niemann gibt im Film „Zurück insLeben“ nicht auf. Welche Grenzen ist Christiane Hörbiger bereit zu akzeptieren?

Ich plaudere so fröhlich vor mich hin, „Avanti, Avanti und weitermachen“. Aber wenn einen die Krankheit einholt, dann wird das alles nebensächlich.

Man sollte nie den Schauspieler mit der Rolle gleichsetzen. Trotzdem die Frage: In welcher Rolle haben Sie sich besonders zu Hause gefühlt?

Von den beiden neuen Filmen ganz klar in dem positiven Film, also in „Zurück ins Leben“.

Und wenn Sie weiter zurückschauen? „Der Besuch der alten Dame“ mit ihrer späten Rache ist es vermutlich nicht.

Um Gottes Willen, nein. Und auch nicht „Schtonk“.

Es wird oft und viel über den Qualitätsverlust des Fernsehens gewettert. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Nicht im Geringsten. Das deutsche Fernsehen ist das beste der Welt - wenn dort Fernsehspiele gezeigt werden. So wie zuletzt der „Polizeiruf 110“ mit Matthias Brandt. Was ich satt habe, sind die Wiederholungen. Und von dem Programm, das tagsüber läuft, bin ich mehr als enttäuscht. Aber wenn diese Perlen kommen, wie zum Beispiel Götz George in dem Film über seinen Vater, dann ist das Fernsehen von feinster Qualität.

Speziell bei Serien scheint alles Gute nur noch aus den USA zu kommen. Sind US-Serien nach ihrem Geschmack?

Ich sehe mir wahnsinnig gerne den schwedischen Kommissar Wallander mit Kenneth Branagh an, ein großartiger Schauspieler, das ist zum Niederknien gut. Und diese Filme laufen auch im deutschen Fernsehen.

Mangelt es dem Nachwuchs an der klassischen Ausbildung?

Es muss ja nicht jeder Shakespeare spielen, aber sie kommen in eine andere Dimension mit Schauspielern, die sich mit Goethe und Schiller und vor allem mit Shakespeare beschäftigt haben. Die haben einen ganz anderen Rucksack, aus dem sie auspacken können. Eine Rolle vor der Kamera zu erarbeiten, ist heute nicht mehr möglich, dafür ist die Zeit zu kostbar.

ARD-Programmdirektor Volker Herres lobt ihren ungebrochenen Tatendrang. Die Frage ist: Wie schaffen Sie das?

Ich liebe meinem Beruf. Ich sehe mich als privilegiert an, dass ich ihn noch ausüben darf. Ich bin dankbar, dass mir am Morgen nichts wehtut und ich vor der Kamera stehen darf. Das macht mich so glücklich und ist ein solcher Antrieb. Und ich habe das Glück, mit Gerhard Tötschinger einen wunderbaren Lebenspartner zu haben, der Verständnis und Humor hat und sehr gebildet und gütig ist. Auch in dieser Beziehung bin ich privilegiert.

So agil zu sein, das gibt es aber doch nicht umsonst.

Eine gewisse Disziplin gehört dazu. Ich gehe früh ins Bett, jeden Tag auf die Waage und ich mache meine täglichen Gymnastikübungen. Mit dem Hund gehe ich viermal am Tag eine halbe Stunde an die frische Luft. Gerade das ist etwas, was frisch und munter hält.

Warum haben Sie ihren Mops „Loriot“ genannt?

Natürlich als Erinnerung an Herrn von Bülow, der einmal sagte: Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos. Wenn Herr von Bülow noch leben würde, hätte ich ihn natürlich nicht so genannt.

Welches ganz große Thema oder welche Rolle fehlt Ihnen noch?

Eigentlich ist das immer der nächste Film. Mein Wunsch ist, dass ich wieder einmal mit Götz George arbeiten darf.

Christiane Hörbiger ist eine von drei Töchtern des Schauspielerehepaars Attila Hörbiger und Paula Wessely. Die gebürtige Wienerin wurde unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, hat in über 80 Filmen und Serienepisoden mitgespielt („Schtonk“, „Das Erbe der Guldenburgs“). Am Sonntag wird die Schauspielerin 75 Jahre alt. Die ARD zeigt „Glücksbringer“ (Sonntag, 13 Uhr 15), „Der Besuch der alten Dame“ (Sonntag, 14 Uhr 45), „Stiller Abschied“ (Montag, 20 Uhr 15) und „Zurück ins Leben“ (Freitag, 20 Uhr 15).

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