Circus Halligalli : Nicht weggehen!

Roadie, Türsteher, Songwriter, Moderator, Narr: Olli Schulz ist der Mann, der das Fernsehen und Prominente richtig aufschreckt – meistens an der Seite von Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt.

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Da ist zum einen der Rüpel, der Störer, der während einer Berlinale-Party im Ritz-Carlton Til Schweiger oder Uwe Ochsenknecht betrunken von der Seite anquatscht, mit einer Schnapsflasche in der Hand, und fragt: „Willste ’nen Lütten mit mir trinken?“ So lange, bis ihn der Sicherheitsdienst aus dem Hotel schmeißt. Da ist zum anderen ein Singer/Songwriter, der seit 15 Jahren auf kleiner Bühne mit Gitarre seine Geschichten vorträgt, ein „Hirte des gebrochenen Herzens“, um Billy Bragg, einen anderen Songwriter, zu zitieren. Der in seinen Liedern erzählt, wie er zu Frau und Kind nach Hause kommt, tragische Verlierer beobachtet oder wie ihm früher tatsächlich das Herz gebrochen wurde.

Wie geht das zusammen? Freitag morgen, halb elf, in Berlin-Friedrichshain, die Altbauwohnung einer Künstleragentur. Olli Schulz kommt ein paar Minuten zu spät aus Kreuzberg herüber. Er hat sein Kind in die Kita gebracht, eine Parklücke gesucht. „Sorry“, bis morgens um halb vier habe er nachts über Songtexten gesessen. Schnell einen Tee. Den muss er nicht selber machen. Seit ein paar Monaten hat Olli Schulz eine eigene Agentur, dazu Facebook- und Fanseiten im Internet. Und das nicht nur, aber auch, weil Olli Schulz zum sogenannten Schattenkabinett des deutschen Fernsehens gehört, zu den neuen jungen, Moderatoren, den Grimme-Preis-nominierten Klaas Heufer-Umlauf, 29, Joko Winterscheidt, 34, oder Jan Böhmermann, 32, die eine ebenso junge Zielgruppe zurück vor den Fernsehschirm holen sollen. Mit unkonventionellen Methoden, manchmal eine Zumutung für Gäste und Zuschauer.

Schon nach ein paar Minuten Gespräch merkt man: Der 39-Jährige mischt da gut bei den Jüngeren mit, als Narr, als Sidekick – und wiederum auch nicht. Ein Phänomen in einer Branche. Der Reihe nach. Klaas Heufer-Umlauf ist an allem schuld. Der sah Olli Schulz 2006 bei einem Konzert in Hamburg, entdeckte ihn fürs Fernsehen, als Schulz seiner eigentlichen Profession nachging: dem Singen. Vorher arbeitete Olli Schulz lange Zeit als Roadie. Schon als Jugendlicher schrieb er erste Songs. Zusammen mit seinem Freund Max Schröder veröffentlichte er 2003 das Album „Brichst du mir das Herz, dann brech’ ich dir die Beine“. Von dem Titel ist es sinngemäß nicht mehr so weit zum anarchischen Fernsehen, zu Olli- Schulz-Auftritten erst bei „neoParadise“ (ZDFneo), einer trashigen Late-Night-Show, jetzt montags bei „Circus Halligalli“. Vor knapp zwei Millionen Zuschauern, nicht wenige davon warten darauf, wann endlich Olli Schulz wiederkommt und Pfiff in die Show bringt, im Auto auf der Autobahn den Grill anwirft, mit Bjarne Mädel auf dem Boden ringt oder Til Schweiger anquatscht. „Na ja, es ist schon ganz schön, wenn dir nach zehn, 15 Jahren mehr oder weniger unerkannten Songwritertums aus der Independent-Ecke das Fernsehen dabei hilft, bekannter zu werden, zu wissen, wie du in den nächsten sechs Monaten deine Miete bezahlst“, sagt Olli Schulz. Andererseits, und das ist wohl der Preis des Ruhms, er hasse es, auf der Straße dergestalt angesprochen zu werden. „Eh, Alter, Schulzkowski, klasse, wie du neulich den Schweiger veräppelt hast!“

Von wegen Veräppeln. Olli Schulz will kein neuer „Klamauk-Barde“ sein, wie eine Zeitung schrieb. Er kann im Grunde nicht viel mit dieser im Stile von Harald Schmidt durchironisierten Generation junger wilder Moderatoren und Fernsehmachern à la Jan Böhmermann anfangen (mit dem er am Sonntag eine Show bei Radio Eins hat). Olli Schulz sagt: „Ich bin wohl einfach zu spät reingekommen, um mir noch so ein ironische Distanz zu geben.“ Und wie ist das mit der Distanz beim Rangeschmeiße an die Berlinale-Promis? Job ist Job, frei nach Ernest Hemingway: „Ein intelligenter Mensch ist manchmal gezwungen, sich zu betrinken, um Zeit mit Narren zu verbringen.“

Er ginge da nicht als Krawallbursche hin. „Eigentlich mach’ ich mich doch zum Idioten. Ich glaube, dass es eine Zeit lang zu viele Comedians gab, die sich auf Kosten anderer Leute lustig gemacht haben.“ Sein Erfolgsrezept bei „neoParadise“ und bei „Circus Halligalli“ sei wohl, dass er da oft selber der Idiot ist, nicht der coole Typ, der andere verarscht. „Da habe ich keine Probleme mit. Ich laufe hin, nerve die Leute. Jeder von denen kann sagen: Kannst du mal bitte weggehen!“

Nein, Olli Schulz soll nicht weggehen. Wer sich die Nervereien, Songs, Talkauftritte und mehr auf Youtube anschaut, hört so schnell nicht mehr auf – Sternstunden des subversiven Fernsehens, wie es Anke Engelke, Emmanuel Petervalfi und Olli Dittrich ins deutsche Fernsehen gebracht haben. Dieser Ton bringt selbst bei Markus Lanz frischen Wind in die Show, im Herbst 2012. „Eigentlich habe ich mich bei Lanz nur hingesetzt, um meiner Mutter eine Freude zu machen“, sagt Olli Schulz, nippt an seinem Tee.

Viel Energie war da immer schon. Man habe ihm mal ADHS nahelegen wollen. Olli Schulz hat gesagt: „Entschuldigung, vielleicht bin ich einfach nicht so lethargisch wie viele andere. Das Leben ist meine Droge.“ Ein Geschichtenerzähler, nicht nur auf „SOS – Save Olli Schulz“, seiner aktuellen CD, auf der es von Wörtern wie Sehnsucht, Glaube, Liebe und Herzen nur so wimmelt. Bei dem eigenwilligen Schnodderton verzeiht es sich schon mal, dass nicht alles der Wahrheit entspricht. Wie die Sache mit Großvater Herbert, der in Hamburg Perlen gesammelt hat und „Perl Herbert“ genannt wurde. Warum soll Schulz den Leuten auch von seinem Dasein als Einzelkind erzählen, das seinen Vater nie kannte? Es müsse nicht alles biografisch sein, sagt er. Im Lied „Koks und Nuttn“ erzählt Olli Schulz von einem Rock-’n’-Roll-Musiker, der alles verloren und wiedergewonnen hat. Eine Huldigung an alle Leute, denen etwas dazwischengekommen ist. An die, die man Verlierer nennt. Das meint er ehrlich, nicht ironisch. Schulz hat im Kiez als Türsteher und DJ gearbeitet.

Kurz: So jemand sollte eine eigene Show im Fernsehen kriegen, auch wenn er dafür weniger zum Songschreiben und Kind-in-die-Kita-Bringen kommt. Beim RBB wird es im Herbst so weit sein. 2009 gab es eine Olli-Schulz-Show beim NDR. „Die Einschaltquoten waren gar nicht mal so schlecht. Die haben sich dann nie wieder gemeldet.“ Vielleicht gilt auch hier das sogenannte Grower-Prinzip – wie bei der Musik von Olli Schulz, die zuerst etwas befremdlich, schräg, gewöhnungsbedürftig klingt, die aber später ihre ganze Schönheit entfaltet.

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