Medien : Commander McLane allein im All

Vor 40 Jahren startete „Raumpatrouille Orion“: Warum es nie eine weitere deutsche Sci-Fi-Serie gab

Leila Knüppel

„Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit werden. Hier ist ein Märchen von übermorgen“, so beginnen die Geschichten des Raumschiffes Orion, von Commander Cliff Allister McLane, seiner Crew und der autoritären Tamara Jagellovsk. Über vier Millionen Fernsehgeräte waren vor 40 Jahren eingeschaltet, als die Raumpatrouille Orion am 17. September 1966 zum Jungfernflug über deutsche Bildschirme ansetzte, geschätzte 13 Millionen Zuschauer sahen zu. Doch statt eines „Märchens von übermorgen“ wurde die Science-Fiction-Serie aus den Bavaria-Studios in München zu einem Märchen von vorgestern: Für „Raumpatrouille Orion“ war nach sieben Folgen Schluss. Weder wurden weitere Episoden noch eine weitere deutsche ScienceFiction-Serie produziert.

„Science Fiction ist in den Spiele- und Computerbereich abgewandert. Die Spieler interessieren sich für Utopien und neue Entwicklungen“, sagt Axel Zweck, der an der Universität Düsseldorf über Science Fiction doziert. Ähnlich bewertet es Stephan Reichenberger, der die Kinoversion von „Raumpatrouille Orion“ produzierte. Er sieht für Science Fiction im Fernsehen nur zwei Möglichkeiten: Das Thema muss entweder ironisch gebrochen werden – so wie es Bully Herbig mit „(T)Raumschiff Surprise“ gelang – oder das Produkt muss durch hohe visuelle Qualität überzeugen. „Und bei den Ansprüchen, die jedes Kind heutzutage durch seine Playstation 2 hat, ist dies für das Fernsehen zu aufwendig und teuer.“ Das heißt: ganz oder gar nicht. Wer sich an das Genre wagt, der muss sicher sein, dass sich das Produkt international vermarkten lässt. Dies sei bei Kinofilmen leichter als bei Fernsehserien, sagt Bavaria-Sprecher Hansgert Eschweiler. Die Marktnische der Science-Fiction-Serie sei längst durch Produktionen aus den USA abgedeckt. „Dort bekommt man sie für sehr viel weniger Geld. Außerdem wurden die Produkte schon am Publikum getestet und optimiert, bevor sie hierher kommen“, sagt Sytze van der Laan, Chef von Studio Hamburg Produktion.

Reicht das als Erklärung? „Raumpatrouille Orion“ wurde trotz des großen Erfolgs bereits 1966 eingestellt – zu einer Zeit, in der Computerspiele und Hochglanzanimationen noch Zukunftsmusik waren. Damals reichten Kulissen aus Bügeleisen, Pappbechern und Uhrenpendel, um die Zuschauer zu locken. Warum die Fernsehmacher Orion nicht weiter fliegen ließen wie die amerikanischen Produzenten bei der fast zeitgleich gestarteten Serie „Star Trek“, kann sich heute kaum einer erklären. „In Deutschland gab es dafür vermutlich einfach kein Bewusstsein: Da hieß es nach sieben Folgen, das war’s – wir machen etwas Neues“, sagt Produzent Stephan Reichenberger.

„Raumpatrouille Orion“ wurde TV-Geschichte, Legende, Kult. Immer wieder gab es Überlegungen, die Serie neu zu beleben. „Bekannte Produzenten wie Nico Hofmann oder Roland Emmerich waren an dem Stoff interessiert“, erinnert sich der ehemalige Bavaria-Chef Thilo Kleine. „Aber irgendwie ist nie was draus geworden.“ Schließlich, nach dem großen Erfolg des Director’s Cut von „Das Boot“, entschloss sich die Bavaria 2003, auch die Filmrechte an „Raumpatrouille Orion“ zu versilbern. Reichenberger schnitt aus den sieben Folgen eine 90-minütige Version zusammen, die sich durch DVD-Verkäufe und Kinoeinnahmen refinanzierte. Keine Fortsetzung. „Raumpatrouille Orion hatte zwar immer Fans, aber viele Leute wussten nach der langen Zeit nichts mehr mit der Serie anzufangen“, sagt er. Die Dramaturgie hätte aus der Zeit des Kalten Krieges ins Jetzt geholt werden müssen.

Das simple Schema, nach dem die meisten Raumschiffserien aufgebaut sind, reicht nach Meinung der Experten heute nicht mehr: West und Ost, Gut und Böse, brave Crew und böse Frogs – dies lockt nur eine kleine, sehr spezielle Fangemeinde. Früher füllte Sat1 einen wöchentlichen Sendeplatz mit Weltraumgeschichten, heute sind die Serien aus dem Programm verschwunden. Auf Kabel 1 wird „Raumschiff Enterprise“ statt täglich nur noch wöchentlich gesendet, auch hier war die Quote zu gering. Die anderen Science-Fiction-Serien sind nur noch beim Pay-TV-Sender Sci Fi auf der Premiere-Plattform zu sehen. „Die Zielgruppe ist zu klein für größere Sender“, sagt Sat-1-Unternehmenssprecherin Kristina Faßler. „Es gibt zurzeit bei den Zuschauern eben ein immer größeres Bedürfnis, einen Bezug zum Hier und Jetzt zu haben. Sie suchen Entspannung und einen Nutzwert zum Thema: Wie verhalte ich mich in Alltagssituationen?“ Kuschelige Telenovelas und Serien über Alltag und Beruf stehen jetzt auf dem Programm.

Sci-Fi-Geschichten bleiben bei den Produzenten in der Schublade. Vor sechs Jahren wurden die TV- und Kinorechte an der Heftserie „Perry Rhodan“ verkauft, zur Verfilmung kam es nicht. „Deutschland hat das Science-Fiction-Fieber eben nie richtig gepackt. Es ist ja auch kein deutsches Thema“, meint der ehemalige Bavaria-Chef Thilo Kleine. Die 90-minütige Version von „Raumpatrouille Orion“ wurde im Mai 2006 anlässlich des 80. Geburtstags von Dietmar Schönherr im Ersten gesendet: 790 000 Zuschauer sahen sich den Zusammenschnitt an. „Manchmal sind Mythen eben größer als das eigentliche Interesse“, sagt Thilo Kleine.

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