Crowdfunding-Projekt : "Krautreporter" in der Stress-Sperre

Vor dem Start ihrer Webseite mauern die "Krautreporter". Mediale Aufmerksamkeit ist erst ab Mitte Oktober wieder erwünscht.

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Wo bleibt die Ernte? Das Journalistenkollektiv "Krautreporter" hat eine Million Euro eingesammelt. Der Start der Webseite lässt auf sich warten.
Wo bleibt die Ernte? Das Journalistenkollektiv "Krautreporter" hat eine Million Euro eingesammelt. Der Start der Webseite lässt...Foto: dpa

Die „Krautreporter“ sind im Stress. So sehr, dass sie keine Interviews mehr vor dem Start ihrer Online-Plattform geben können. Denn: „Wir brauchen alle unsere Kapazitäten, da wir uns gerade im Endspurt für unser Magazin befinden.“ Mitte Oktober soll die Rettung des angeblich kaputten Online-Journalismus selbst online gehen – so steht es in einer Mail. Interviewanfragen wird derzeit pauschal eine Absage erteilt. Einige Beteiligte hatten zwar vor kurzem noch erklärt, der Netzauftritt würde bereits im September fertiggestellt.
Doch egal ob Ende September oder Mitte Oktober: Seit einiger Zeit ist es ruhig um das durch Crowdfunding finanzierte Projekt geworden. Die „Krautreporter“ arbeiten an ihrer Webseite und produzieren erste Geschichten vor, von denen demnächst vier pro Tag erscheinen sollen. Verständlich. Doch wo früher Presse und Aufmerksamkeit nicht genug sein konnten, ist der Rummel seit dem Ende des Geldeinsammelns ziemlich vorbei. 900 000 Euro wollte das Kollektiv für seine neue Art des Journalismus haben, mithilfe der „Crowd“ – also Menschen, die bereit sind, dafür zu bezahlen – haben sie in den letzten Tagen des Crowdfundings sogar die Million geknackt. Allerdings auch, weil Firmen und Stiftungen große Mengen an „Krautreporter“-Jahresabos gekauft haben, zu je 60 Euro das Stück. Das Online-Magazin solle trotzdem unabhängig bleiben, versicherte damals Gründer und Geschäftsführer Sebastian Esser. Alle Abo-Käufe durch Großkunden können außerdem auf der Homepage eingesehen werden. Die Arbeit der beteiligten Journalisten ist finanziell abgesichert. Und jetzt?

Es gibt keinen Chefredakteur mehr. Dafür einen "Redaktionskoordinator"

Es gibt „Krautreporter“, die davon schwärmen, dass das Journalistenkollektiv keine starren Hierarchien mehr kenne, wie es beispielsweise in altgedienten Printredaktionen der Fall sei. Statt eines Chefredakteurs gebe es bei den „Krautreportern“ einen „Redaktionskoordinator“ – der, wenn man einmal ehrlich ist, genau dasselbe wie ein Chefredakteur macht und den die meisten Beteiligten wohl auch so ansprechen. „Redaktionskoordinator“ klingt aber einfach cooler. Und ihr Coolness-Faktor war den „Krautreportern“ von Anfang an wichtig. Dass sie mit gewollt markigen Sprüchen wie „Der Online-Journalismus ist kaputt“ andere Online-Kollegen landauf, landab vor den Kopf stießen, war ein nicht ganz beabsichtigter Nebeneffekt. Durchaus erwünscht war die Aufmerksamkeit, die sie dadurch bekamen.
Diese Aufmerksamkeit wollen sie jetzt erst wieder nach dem Start der Webseite, an der noch gearbeitet wird. Natürlich nicht von allen Involvierten. Manche beteiligten Journalisten sagen rundheraus, dass sie wenig Ahnung davon haben, was beim Magazin gerade genau vor sich geht. Es sei für sie zwar attraktiv, künftig als und für „Krautreporter“ zu arbeiten. Eingebunden in die „strategische oder redaktionelle Planung“ seien sie aber nie gewesen. Weder in der Crowdfunding-Phase noch jetzt.

Die Deutsche Journalistenunion (DJU) und der Deutsche Journalistenverband (DJV) vergeben derzeit über eine Spende der Rudolf-Augstein-Stiftung insgesamt 700 „Krautreporter“-Abos an Volontäre und Nachwuchsjournalisten. Der Pressesprecher des DJV, Hendrik Zörner, lobt die Initiative als „interessantes journalistisches Projekt fernab der ausgetretenen Pfade“. Deshalb stelle man die Abos gerne und aus Überzeugung zur Verfügung. Die momentane Vogel-Strauß-Strategie des Kollektivs hält Zörner indes nicht für optimal: „In interne Abläufe mischen wir uns nicht ein. Klar ist, dass die Transparenz der Startphase Erwartungen weckt, die im eigenen Interesse erfüllt werden sollten.“

Der Start der Webseite wird bescheiden statt "bombastisch"

Für Transparenz versuchte Sebastian Esser noch im Juli zu sorgen, als er kurz vor der Stress-Sperre erklärte, dass für einen gelungenen Start von „Krautreporter“ vor allem die Infrastruktur der Webseite funktionieren müsse: Inhalte einstellen, lesen und kommentieren muss dann reibungslos möglich sein. Wenige Klicks sollen den Nutzern das Konsumieren erleichtern.
Was demnächst geklickt werden kann, findet sich überblicksartig auf der Webseite selbst, und es liest sich recht gut: Christian Fahrenbach will über den gefährlichsten Vergnügungspark der Welt schreiben. Richard Gutjahr wird wohl einmal die Woche als Karikaturist tätig. Max Scharnigg recherchiert zu Zahnarztpraxen und Zusatzleistungen. Klingt nach Geschichten, die man lesen, sehen und hören möchte. Aber ob sie wirklich den kaputten Online-Journalismus reparieren? Esser schränkte im Juli ein, der Webseite-Start werde nicht „bombastisch“ ausfallen.
Das ist auch kein Problem: Es gibt zahlreiche, durch Crowdfunding finanzierte Journalismus-Projekte, die weniger gehypt wurden und werden – und die erfolgreich sind. In Deutschland wäre das zum Beispiel die Plattform godeepr.com, auf der jeder Journalist sein Projekt vorstellen und um Finanzierung bitten kann. Im Gegensatz zu „Krautreporter“, wo über Geschichten intern entschieden wird, wählt hier das Publikum, ob es ein Projekt fördert oder nicht. Ähnlich funktionierte auch die amerikanische Webseite spot.us. Weil in den USA das Prinzip Crowdfunding für Journalisten ohnehin boomt, hat sich dort vor kurzem mit „deca“ ein weiteres Projekt gegründet, das „Krautreporter“ ähnlich ist: Zehn große Geschichten wollen die acht beteiligten Journalisten pro Jahr umsetzen. Das „deca“-Jahresabo kostet allerdings nur 15 Dollar. Ähnliche Plattformen gibt es dort auch für Radio- und Fotoreporter. Um keine davon, geschweige denn um einen deutschen Zusammenschluss, hat sich je ein solcher Hype entwickelt wie um „Krautreporter“. Jetzt ist auch der Druck groß.

„Krautreporter“ soll frei zugänglich sein; egal, ob der Nutzer zahlt oder nicht. Abonnenten haben neben versprochenen Hintergrundinfos nur den Vorteil, Beiträge kommentieren zu können. Esser sagte kürzlich, damit wolle das Magazin das „Gespräch auf Augenhöhe suchen“. Es wird Zeit dafür.

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