Medien : „Da bekomme ich heute noch Gänsehaut“

Vor 20 Jahren ging die Jugendwelle Rias 2 auf Sendung. Aus der „Stimme der freien Welt“ entstand das Privatradio rs2. Ein Gespräch zwischen einem der früheren und dem heutigen Macher

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Herr Lanz, wo waren Sie am 30. September 1985 gegen 4 Uhr 20?

CHRISTOPH LANZ: Bei Rias 2 in der Kufsteiner Straße 69. Um 4 Uhr 20 ging der alte Ami, Rik deLisle, auf Sendung, und ich hatte die zweite Sendung von 6 bis 9 – „Rias 2 Radioexpress“. Die erste Platte war „All you zombies“ von den Hooters.

Wissen die Hörer noch, dass rs2 aus Rias 2 hervorging und was Rias 2 war?

STEPHAN HAMPE: Immerhin zwischen einem Viertel und einem Drittel unserer Hörer sind seit Rias-2-Zeiten dabei. Außerdem sind viele unserer Mitarbeiter mit Rias 2 groß geworden.

Stellvertretend für diejenigen, die es nicht wissen: Was war das denn, Rias 2?

LANZ: Als ich 1984 nach Berlin kam, war der Inbegriff des Jugendradios, wenn beim SFB der Moderator sagte: „Ick hab ne heiße Scheibe für euch.“ Also hörten alle, die auch nur ein bisschen was auf sich hielten, den amerikanischen Soldatensender AFN. Als dann Rias 2 auf Sendung ging, hatten wir innerhalb von einem halben Jahr einen Marktanteil von 36 Prozent. Es reichte, einfach etwas lockerer zu sein als die anderen. Die Menschen in West-Berlin, gerade aber auch die Menschen in Ost-Berlin haben noch viel mehr mit dem Sender verbunden: Rias 2 war die Versinnbildlichung des Lebenswunsches nach Freiheit und westlichem Lebensgefühl. Die Hörer haben sich mit dem Sender identifiziert. Heute würde man sagen: Wir waren eine Community.

HAMPE: Der Community-Gedanke ist geblieben. Der rs2-Club ist Teil unserer Markenführung.

Herr Hampe feiert nun den 20. Geburtstag seines Senders. Das Jubiläum geht nur auf, wenn man die Geschichte von Rias 2 dazuzählt. Finden Sie das okay?

LANZ: Ich muss es schon deshalb gut finden, weil das weitergeführt wurde, was wir angefangen haben. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Sender verschwindet. Oder er existiert unter völlig anderen Bedingungen weiter. Was nicht heißt, dass ich nicht Schmerzen habe, dass nicht alles so ist, wie ich mir das wünsche.

Nämlich?

LANZ: Ob alles heute so eine Marketingmaschine sein muss, wie rs2 eine ist, da bin ich nicht sicher. Ich akzeptiere, dass es ein kommerzieller Sender ist und dass man ziemlich schnell pleite ist, wenn man nicht an die Einnahmenseite denkt. Aber ich akzeptiere nicht, dass man alles wegradiert, was Information und Politik ist, zugunsten von Tralala und Hopsasa.

HAMPE: Einspruch. Ich weiß ja nicht, wann Sie zuletzt rs2 gehört haben…

LANZ: Ich wechsle zwischen Energy, Radio 1 und rs2. rs2 höre ich allein schon wegen meiner restromantischen Gefühle.

HAMPE: Sie haben in dem Punkt Recht, dass der extrem intensive Wettbewerb hier in Berlin speziell in den 90er Jahren reduziert war auf den Kampf: Wer hat das tollste Gewinnspiel? Wer schreit am lautesten? Von 30 UKW-Sendern in Berlin wollen ein halbes Dutzend die Nummer 1 sein. Da alle sehr intensiv den Markt erforschen, kommen alle auf das gleiche Rezept. Insofern steuern wir relativ gesehen am meisten gegen diesen Trend. Wir bringen pro Stunde acht Minuten Nachrichten, die Hälfte davon regional für Berlin und Brandenburg. Mit 14 Nachrichtenredakteuren sind wir nicht schlecht ausgestattet.

Blickt man zurück, denkt man eher daran, wie rs2 Hörer auf dem Alex in ein Auto pferchte – gewonnen hatte, wer es am längsten aushielt. Oder die Sache mit den beiden wildfremden Menschen, die sich von rs2 in Las Vegas verheiraten ließen.

HAMPE: Da zitieren Sie jetzt aber nur aus der Zeit zwischen 1994 und 2000.

Seit 2000, seitdem Sie Geschäftsführer sind, ist alles besser?

HAMPE: Wir werden sicherlich nicht zurück in alte Zeiten gehen, in denen wir Magazine und lange Wortstrecken senden. Wir sind ein Begleitmedium, da muss ich anders auftreten. Als Beispiel möchte ich das Gewinnspiel „Das geheimnisvolle Geräusch“ nennen. Das wurde europaweit kopiert. Oder die „Job Spots“. Wir können das Problem der Arbeitslosigkeit nicht lösen. Also haben wir Sendezeit verschenkt, damit Hörer witzig und originell Werbung in eigener Sache machen können, um so einen Job zu bekommen.

LANZ: Ist es nicht witzig, wie wir heute hier beisammensitzen – ich in der Rolle des Inhaltsstarken, Hampe in der des Kommerzfunkers? Vor 20 Jahren gab es eine Zeitung in Berlin, die permanent Rias 2 so dermaßen auf die Mütze gegeben hat: der Tagesspiegel. Immer mit dem Vorwurf: alles inhaltsleerer Dudelfunk.

Woraufhin ihr „Dudelfunk“ gedruckt habt.

LANZ: Einen Tag haben wir das gesamte Wortprogramm abgeschrieben und als Zeitung gedruckt. Die war nicht schlecht.

Woran erinnern Sie sich bei Rias 2?

LANZ: Da gibt es vieles. Zum Beispiel das Concert for Berlin vor dem Reichstag. Mit Genesis, Eurythmics und David Bowie als Top-Acts. Drei Tage lang ging das, und wir haben es übertragen. Auf der Ostseite der Mauer gab es Straßenschlachten zwischen den Jugendlichen und den Vopos, und die DDR hat behauptet, wir hätten die Lautsprecher gen Osten umgedreht. An dem Tag, als Genesis spielte, war ich mittags in der Dimitroffstraße…

… heute Danziger.

LANZ: Genau. Ich war bei einem Freund Kaffee trinken. Um 18 Uhr musste ich wieder hier sein. Als dann Phil Collins auftrat und zu den Leuten sagte: Hello to those of you in the West, and hello to those of you in the East – da brüllten die Leute vor dem Reichstag! Da bekomme ich heute noch Gänsehaut. Mir fiel in dem Moment mein Freund ein, der da drüben nur zwei Kilometer von mir entfernt ist und jetzt nicht dabei sein kann. Das hat mir mehr als nur feuchte Augen gemacht. Die zweite Sache war die Sendung vom 2. auf den 3. Oktober 1990. Ich durfte sie moderieren. Also saß ich da, es wurde Mitternacht, die Glocken läuteten, und ich sagte ins Mikro: „Jetzt ist Deutschland wieder ein Land.“ Und dann musste ich auch ganz schnell wieder still sein.

Weil die Tränen kamen …

LANZ: Da in diesem Rias zu sitzen – der Stimme der freien Welt, wie das Leitmotiv ja hieß – und all das zu erleben. Ich dachte an die Hörer, die an Deckadressen schreiben mussten, um mit uns in Kontakt zu treten. Die Begegnungen mit den DT-64-Leuten. Lutz Bertram, mit dem ich den einen oder anderen getrunken hatte – erst viel später ahnend, dass er mich dabei möglicherweise auch abgeschöpft hat. All das kam in diesem Moment zusammen.

Ihr habt ja dann später versucht, den Namen Rias 2 beizubehalten.

HAMPE: Der Firmenname ist Radio Information Audio-Service zwei – Rias 2.

Habt ihr je daran gedacht, rs2 wieder Rias 2 zu nennen?

HAMPE: Nach zehn Jahren hätten wir an die Rechte rankommen können. Aber da wir schon sieben Jahre rs2 hießen und sich der Name bei den Leuten eingebürgert hatte, haben wir es dann gelassen.

Wie kam es 1992 zur Privatisierung?

LANZ: Die Geschichte begann am 9. November 1989. Ich war damals bei Radio FFH. Abends rief ich den damaligen Programmchef Jörg Brüggemann an und sagte: Weißt du, dass das das Ende des Rias ist? Darauf er: Komm mir in so einem historischen Moment nicht mit so einem Mist. Aber er hatte auch begriffen. Rias 2 wäre in den Monaten danach abgewickelt worden. So fanden sich ein paar, von gesunder Naivität getriebene Menschen – der erste Programmchef Gerhard Besserer, der damalige Rias-Intendant Peter Schiwy, Brüggemann, ich und noch zwei weitere Leute aus Berlin. Wir haben die Lizenz bekommen und einfach angefangen. Das gab es vorher und danach nicht mehr, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender in private Trägerschaft überführt wurde. Deshalb bin ich ehrlich dankbar, dass rs2 bis heute am Leben ist, und das auch noch wirtschaftlich erfolgreich.

Anders als ihr damals.

LANZ: Mit unserem hehren Anspruch, öffentlich-rechtliche Inhaltsstärke im kommerziellen Hörfunk zu praktizieren, hatten wir innerhalb kürzester Zeit ein echtes finanzielles Problem. Deshalb bin ich ein großer Freund des dualen Systems. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist unverzichtbar. Er kann anders arbeiten als ein Privatsender. Aber, nur mal so als Hinweis: Es gibt in der Nähe von Leipzig einen Vergnügungspark – Belantis. Warum höre ich auf rs2 dauernd, ich soll dahinfahren? Weil es verschlungene wirtschaftliche Verbindungen zwischen rs2 und Belantis gibt.

HAMPE: Die sind gar nicht verschlungen. Wir sind daran beteiligt. Aber vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass unser Wettbewerber RTL auch dafür wirbt …

LANZ: Es ist ein objektiver Umstand, dass die Spotwerbung nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Hörfunk nachlässt. Die Hörfunkmacher stehen vor dem Problem, wie sie ihr Geld weiterhin verdienen. Auf diese Weise wird irgendwann die gesamte Sendefläche als Marketingbasis für andere Geschäftsmodelle dienen.

Stichwort Mehrwertdienste: Beim Trend, sich das Geld direkt beim Hörer zu holen, ist rs2 ganz vorn.

HAMPE: Wir müssen aus Überlebensgründen ausprobieren, ob diese Dinge eine Chance sind für uns. Grundsätzlich würde ich dafür plädieren, dass es neben den reichweitenorientierten Sendern einen gibt, der sich wie 9 Live beim Fernsehen speziell auf Mehrwertdienste fokussiert.

Vermissen Sie die Arbeit beim Radio?

LANZ: Ich hab Radio immer sehr gern gemacht. Da konnte ich beides verbinden: Ich höre gern Musik, und ich bin gern Journalist. Außerdem musste ich mich nicht rasieren, wenn ich Frühsendung hatte. Habt Ihr denn rund um euer Jubiläum noch eine Studiomoderation frei?

HAMPE: Ja, klar.

LANZ: Ich würde es umsonst machen.

HAMPE: Die Einladung steht!

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