Medien : Daily Soaps in Moskau

RTL-Gruppe in Zensurskandal bei russischem Privatsender verwickelt

Elke Windisch[Moskau]

Montag Abend platzte Nachrichtenchefin Helena Fjodorowa der Kragen. Sie und weitere führende Journalisten des russischen privaten TV-Senders Ren-TV reichten die Kündigung ein. Begründung: Zensur und totale Kontrolle. Fjodorowa kam damit ihrer Entlassung zuvor. Ende November hatte sie öffentlich das Vorgehen gegen die populärste Moderatorin der Nachrichtensendung „24 Stunden“ kritisiert: Olga Romanowa, der die hauseigene Security den Zutritt zum Nachrichtenstudio verweigerte. Der Grund: Romanowa hatte bei einem Moskauer Radio gegen Eingriffe der neuen Eigentümer in die Programmpolitik von Ren-TV gestänkert. Ren TV plante als einziger russischer Anbieter einen Beitrag über den skandalösen Freispruch des Sohnes von Verteidigungsminister und Putin-Intimus Sergej Iwanow. Dessen Luxuslimousine hatte einen Zebrastreifen bei roter Ampel mit Höchstgeschwindigkeit überfahren und dabei eine Fußgängerin tödlich verletzt. Die Programmdirektion hatte den Beitrag kurzfristig gecancelt.

Zuvor waren schon andere kritische Nachrichtenfilme ungesendet im Giftschrank verschwunden. Denn Ren-TV, der letzte Hort freier Berichterstattung auf dem russischen TV-Markt, verliert seit dem Eigentümerwechsel im Sommer an Biss und sucht mit neuen Formaten den Anschluss an die bereits auf Linie getrimmte Konkurrenz: mit Verlautbarungsjournalismus, Quasselqueens und Daily Soaps. Genau das, was die Gründer und langjährigen Eigentümer, die Familie Lesnewskij, Urgestein des kritischen Journalismus, nicht wollten und befürchteten, als „höheren Ortes“ der Druck zum Verkauf des Senders zunahm.

Je 35 Prozent des Senders gehören seit Sommer zwei staatsnahen Konzernen ohne jede Erfahrung in der Medienbranche. Die restlichen 30 Prozent erwarb die RTL-Gruppe, deren Informationsprogramme den politisch eher desinteressierten Zuschauer ansprechen sollen. Genau das, was auch Ren-TV künftig tun soll. RTL, so eine hiesige Medienexpertin, habe den Zuschlag für den Deal (eine Sensation in Russland, wo auf ein striktes Informationsmonopol bestanden wird und einschlägige Angriffe des Westens stets abgewehrt wurden)nur bekommen, weil der Kreml beim Streben nach einer gleichgeschalteten TV-Landschaft ein Unternehmen aus einem westlichen Land beteiligt wissen wollte, dessen Demokratieverständnis über jeden Zweifel erhaben ist. RTL dürfte zumindest in Ansätzen von diesen Hintergründen gewusst haben. Quote und Cash ist mit Ren-TV nicht zu machen. Der reichweitenschwache Sender ist selbst in Moskau nicht überall zu empfangen. Doch nach dem Zensurskandal geht es ohnehin nicht mehr um Kohle, sondern um Schadensbegrenzung.

Wohl deshalb sagte ein Sprecher der RTL-Group in Luxemburg dem Tagesspiegel, der Konzern habe in Moskau keinen Vertreter, der sich mit der Sache befasse. Die Journalisten von Ren-TV wissen es anders. Ihnen wurde Ralf Siebenaller als Bevollmächtigter vorgestellt. Ohne Kenntnis von russischer Sprache und Innenpolitik musste er die Programmpolitik dem neuen Chief Executive Officer überlassen: Alexander Ordschonikidse, einem Absolventen der Moskauer Diplomaten-Akademie, die als Kaderschmiede des Auslandsgeheimdienstes gilt. Ordschonikidse, heißt es bei Ren-TV, habe zwar von Fernsehen im Allgemeinen und Nachrichten im Besonderen wenig Ahnung, dafür aber beste Kontakte zu den Ex-Tschekisten aus Putins Petersburger Landsmannschaft. Er, so der Vorwurf, habe im Sender für Angst und Misstrauen gesorgt. Seine eigene Meinung dazu konnte nicht eingeholt werden. Telefonisch ist er nicht erreichbar.

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