Das etwas andere Medienhaus : „Die Sprache ist unsere Heimat“

Radio Russkij Berlin sendet nun im 24-Stunden-Betrieb. Davon profitiert die gesamte Rusmedia-Gruppe, zu der unter anderem die Wochenzeitung "Russkaja Germanija" und die Programmzeitschrift "7+7ja" gehört.

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Die Hörer von Radio Russkij Berlin schätzen Call-Ins und Gewinnspiele. Im Studio die Moderatoren Radmila Epelbaum und Alexander Dell. Foto: Thilo Rückeis
Die Hörer von Radio Russkij Berlin schätzen Call-Ins und Gewinnspiele. Im Studio die Moderatoren Radmila Epelbaum und Alexander...

Im Büro des Chefredakteurs von „Russkaja Germanija“ empfängt den Besucher eine Mischung aus Tradition und Moderne. Auf dem Schreibtisch von Boris Feldmann steht neben einer alten Underwood-Schreibmaschine und einem schwarzen Wählscheibentelefon der hochkant gestellte Computermonitor, auf dem Feldmann die Beiträge für die russischsprachige Wochenzeitung und ihre drei Regionalausgaben für Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen verfasst. Auf der Kopfseite des Schreibtischs befindet sich ein Internet-Radio, denn zur Rusmedia-Gruppe gehört zudem der UKW-Sender Radio Russkij Berlin 97,2. Seit Ende August kann die Station ihr Programm nun auch im Äther rund um die Uhr verbreiten.

Mit Tradition hat auch der Sitz der Mediengruppe zu tun, die vor sieben Jahren in der Axel-Springer-Passage und somit ins alte Berliner Zeitungsviertel gezogen ist. Die Anfänge von Rusmedia waren hingegen bescheiden. „1996 haben wir in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Charlottenburger Hinterhof begonnen“, erinnert sich Swetlana Lekach, Mitgründerin und Geschäftsführende Gesellschafterin von Rusmedia. Zum Anfangsteam gehörten neben den vier Gründern eine Journalistin, ein Grafiker und die Mitarbeiterin für die Privatanzeigen. Der Chefredakteur lebt seit 1990 in Berlin, zuvor hat er in Riga 15 Jahre für die Zeitung „Sowjetische Jugend“ geschrieben, verließ Lettland aber wegen zunehmender antisemitischer Tendenzen. Inzwischen zählt die Rusmedia-Gruppe über 100 Mitarbeiter. Die Journalisten wurden alle im eigenen Haus ausgebildet, alle sind zweisprachig.

Die Annoncen werden immer noch von der gleichen Mitarbeiterin betreut. Auch am Motto der Zeitung hat sich nichts geändert: „Unsere Heimat ist die russische Sprache“ steht im Kopf der Zeitung. Die Privatanzeigen sind übrigens nach wie vor sehr wichtig: Auf zwei Seiten werden Wohnungen gesucht, aber auch Babysitter, vor allem aber geht es ums Kennenlernen. Die kostenlosen Annoncen sind so beliebt, dass derzeit eine zweimonatige Warteliste für die Privatanzeigen besteht, erzählt Swetlana Lekach.

Bis Ende August hat sich Radio Russkij die Frequenz mit BluRadio geteilt. Nach einer Entscheidung der Medienanstalt Berlin-Brandenburg steht dem russischen Radio auch die Sendezeit von 19 Uhr bis sieben Uhr zur Verfügung. Vor allem der Morgen gilt im Radio als Prime Time. Einen Tag nach der Vergabe ging Radio Russkij in den 24-Stunden-Betrieb, schließlich lief der Sender bereits zuvor im Internet im Vollbetrieb.

Neben Musik, Infos und Unterhaltung haben Call-Ins oder musikalische Hörerwünsche eine große Bedeutung. Die Erweiterung der Sendezeit soll auch dazu genutzt werden, mit neuen Sendungen die Zielgruppe der jungen Hörer besser anzusprechen. Zu den Neuerungen gehört eine berufsberatende Sendung, die sich mit russischem Pop an die Zielgruppe 13plus richten soll. In der Sendereihe „Rundgänge mit …“ sollen Prominente ihre Lieblingsorte in Berlin vorstellen. Zudem sind eine Koch-Show, das Modeformat „Boudoir“ und eine „Kriminalchronik“ geplant, sagt Irina Deponte, die Marketing-Managerin von Rusmedia.

Die Russen sind die größte Migrantengruppe in Deutschland. „Vier Millionen Menschen in Deutschland sprechen russisch“, führt Swetlana Lekach aus. Die größte Gruppe mit rund 750 000 hat sich in Nordrhein-Westfalen angesiedelt, in Berlin leben ungefähr 300 000 russisch sprechende Menschen. Bei vielen handelt es sich um Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, rund drei Millionen Russlanddeutsche gehören zu dieser Gruppe. Hinzu kommen etwas über eine halbe Million sonstige Einwanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken sowie als weitere große Gruppe 220 000 jüdische Zuwanderer aus der früheren UdSSR mit ihren Familien. Von anderen Migrantengruppen in Deutschland unterscheiden sich die Russen unter anderem dadurch, dass es keine Gastarbeitermentalität gibt. Viele Namen lassen sich zudem unkompliziert eindeutschen. Aus Dimitri wird Dietmar, Evgenj heißt nun Eugen.

An manchen Vorurteilen ändert das allerdings nichts, auch wenn sie im normalen zwischenmenschlichen Umgang selten sind. „Als die Zeitung gerade den Betrieb aufgenommen hatte, riefen deutsche Journalisten an und wollten wissen, ob wir nicht einen Termin mit russischen Mafiosi organisieren könnten. Oder sie fragten, wo auf dem Ku’damm die russischen Frauen ihr Geld beim Shopping am besten waschen könnten“, sagt Swetlana Lekach, „aber inzwischen gibt es das nicht mehr“.

Die Verbundenheit der Leser mit ihrer Wochenzeitung ist groß, die Auflage liegt derzeit bei 70 000 Exemplaren und steigt wenn auch nur leicht, dafür aber stetig. Die Aufteilung der Wochenzeitung ist ein Unikum: Zwischen dem ersten Buch, das sich mit der Politik in Deutschland und der Welt beschäftig, und dem Berliner Lokalteil im dritten Buch befindet sich das Buch „Ein Sechstel“. Gemeint ist damit das Gebiet der alten Sowjetunion, dessen Fläche ein Sechstel der Landmasse der Erde umfasst. Hier wird der Leser über alles Wissenswerte aus den ehemaligen Sowjetrepubliken informiert.

Dimitri Feldman, Geschäftsführender Gesellschafter und Geschäftsführer von Radio Russkij Berlin, weiß die Arbeit in Deutschland zu schätzen. Ein Vorteil gegenüber einer Zeitung, die in Russland erscheint, ist, dass von der Politik kein Druck ausgeübt wird. „Wir schreiben, was wir wollen.“ Die Leser interessiere ohnehin mehr, was in Deutschland passiert als in der ehemaligen Sowjetunion. Dennoch gibt es einen besonderen Blick. „Wenn im Bundestag über die Anerkennung von Berufs- und Bildungsabschlüssen diskutiert wird“, ist das ein riesengroßes Thema für unsere Leser“.

Gerade erst hat Dimitri Feldman von einer Lebensmittelkette einen großen Werbeauftrag an Land gezogen. Bei der Anzeigenakquise hilft, das Rusmedia eine Cross-Media-Gruppe ist, die Kampagnen in Zeitung, Radio und Internet anbieten kann. Dazu gehören auch die russischsprachige TV-Programmzeitschrift „7+7ja“, der Gesundheitsführer „Recepty zdorovja“ und der Ticketing-Dienst Bilet.ru. Zudem vermarktet Rusmedia den größten russischen TV-Sender „Channel One Russia – worldwide“ und einige große russische Internetportale wie Mail.ru oder die russische Suchmaschine Rambler. Das macht Rusmedia nicht nur für russische Reisebüros oder russische Lebensmittelgeschäfte interessant, sondern auch für große deutsche Ketten. Swetlana Lekach sieht das pragmatisch: „Wir verkaufen keine Medien, sondern eine Zielgruppe.“ Eine sehr kaufkräftige Gruppe überdies, die 40 Milliarden Konsum-Euro repräsentiert.

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