Das Fernsehen in der Sommerpause : Die Welt steht nicht still – das TV schon

Grimme-Direktorin Frauke Gerlach kritisiert die lange TV-Absenz wichtiger Formate - und freut sich auf die Fußball-EM

Frauke Gerlach
Frauke Gerlach ist Direktorin des Grimme-Instituts in Marl
Frauke Gerlach ist Direktorin des Grimme-Instituts in MarlFoto: Annette Etges

Egal ob im Sommer oder in Zeiten sportlicher Großereignisse wie der Fußball EM und den Olympischen Spielen: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat die Aufgabe, als Medium und Faktor der freien, individuellen und öffentlichen Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. So steht es im Rundfunkstaatsvertrag. Dies gilt jenseits der Informationsmöglichkeiten des Internet. So tragen die öffentlich-rechtlichen Sender dazu bei, den gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess zu strukturieren und bieten in Zeiten des „Informationsüberflusses“ der Gesellschaft Orientierung.

Jedem ist klar: Es gibt ein Bedürfnis nach Erholung und Ferien, der Hochsommer ist gekennzeichnet von parlamentsfreier Zeit in Berlin, Brüssel und bei unseren europäischen Nachbarn. Trotzdem gibt es keine politikfreie Zeit, sie findet auch im Sommer statt. Von den „rund-um-die-Uhr“-Bedürfnissen im Social-Media-Bereich möchte ich jetzt gar nicht anfangen. Es ist also nicht recht nachvollziehbar, dass programmliche Flaggschiffe wie politische Formate und Satire schon Anfang Juni in die Sommerpause gehen und erst im frühen Herbst wieder zurückkommen. So wird es in den nächsten Wochen viel Sport und wenig(er) Information geben.

Vielleicht tut der aufgeheizten Stimmung etwas TV-Abstinenz gut

Eingeräumt werden muss: Die Fußball-Europameisterschaft ist ein herausragendes Sportereignis, die Übertragung der Spiele unterhält, ist gemeinschaftsbildend und macht fußballbegeisterten und Turnier-Fans Freude. Auch eine wichtige Funktion des Fernsehens. Die Welt wird zur Zeit der EM allerdings nicht stillstehen, aber viel weniger Raum im Fernsehen finden. Vielleicht tut der an vielen Stellen aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung - zum Thema Flüchtlinge, Türkei, Erdogan, Böhmermann, AfD, die ohnehin eine Sendepause verdient haben -  etwas Abstinenz gut.

Am Ende ist es die Entscheidung der Sender, wo sie Schwerpunkte setzen und welches Programm sie sich zu welchem Zeitpunkt leisten wollen. Am überzeugendsten sind sie aber dann, wenn sie sich in möglichst großer inhaltlicher Vielfalt präsentieren, jenseits der Quote, auch in den Sommermonaten.

 
Die Autorin ist Direktorin des Grimme-Instituts in Marl.

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