Medien : „Das ist Kreuzberg, weissu?“

Der Berliner Murat Ünal zeigt seine Serie über den Türken Tiger im Internet

Alice Bota

In Kreuzberg, auf den Gleisen des Görlitzer Bahnhofs, fand der Türke mit dem Spitznamen „U-Bahn-Umut“ sein Ende. Er hat für die Kreuzberger Dealer am Bahnhof Schmiere gestanden. Er lief auf die Gleise und rannte zurück, wenn eine U-Bahn kam. Dann wussten die Dealer Bescheid. Eines Tages rutschte U-Bahn- Umut auf den Gleisen aus und wurde überfahren. „Traurige Geschichte“, sagt Tiger. „Aber das ist Kreuzberg, da gibt’s auch traurige Geschichten, weissu?“ Jede Geschichte, die der Türke Tiger erzählt, endet mit der Feststellung: „Aber das ist Kreuzberg, weissu?“

Tiger heißt bürgerlich Cemal Atakan, sein Alter ist unbekannt, er dürfte um die dreißig sein, sicher ist: Groß geworden ist er auf dem Kreuzberger Kiez. Tiger ist eine Kunstfigur, erfunden von dem Berliner Murat Ünal und seinem Kumpel Cemal Atakan. Der spielt den Tiger, Murat Ünal schreibt die Drehbücher. Ja, Drehbücher, denn jeden Freitag läuft eine Episode über Tiger und sein Leben. Nicht bei Sat 1, RTL oder MTV, sondern im Internet, bei Youtube, Tagworld, Myspace und Myvideo. Eine bis vier Minuten dauert jede Folge, in der Tiger seine Welt zwischen Oranienstraße und Schlesischem Tor erklärt. Neunzehn Folgen haben Ünal und Atakan bislang gedreht. „Jeder kennt Leute wie Tiger“, sagt Murat Ünal. Die Was-willsu-hast-du-n-Problem-Türken. „Es sind Leute, die ihr Minderwertigkeitsgefühl kompensieren wollen und sich selber was vorlügen.“ Nach dieser Idee haben sie Tiger geschaffen, der sich als das Herz von seinem Kreuzberg sieht. Tiger ist ein netter Wichtigtuer, der seinen Kiez in Ordnung halten möchte. Er hat sich seine Welt zurechtgelegt, von der er überzeugt ist, dass sie ohne ihn untergehen würde.

Die Sache mit Youtube war eher aus der Not geboren. Murat Ünal hatte die Idee, Tiger zu machen und schickte das Konzept und einen kurzen Film zu mehreren Produktionsfirmen und Sendern, darunter zu MTV. Ümal arbeitet sonst als Regie-Assistent, auch bei großen Produktionen privater Fernsehsender wie „Die Sturmflut“. Murat Ünal wollte Erfolg. Er sah, dass es Interesse an Geschichten aus dem türkischen Leben gibt. Die ARD zeigte „Türkisch für Anfänger“, Sat 1 den „König von Kreuzberg“, bei dem ein Kreuzberger Dönerladen Schauplatz war, und RTL zog nach mit „Alle lieben Jimmy“, in der das Leben einer türkischen Familie in Neukirchen gezeigt wird. Die Umsetzungen fand Ünal misslungen, „Kopfgeburten deutscher Regisseure“ nennt er sie. „Für einen außenstehenden Deutschen ist das ganz nett, aber Türken kaufen das nicht ab“, sagt Ünal. Deshalb war er sicher, dass es Interesse an einem Format wie Tiger geben würde.

Doch klare Zusagen kamen nicht, klare Absagen aber auch nicht. Als Ünal im April dieses Jahres auf Youtube und Myspace stieß, sah er darin die Chance, unabhängig von Fernsehmachern sein Projekt jedem zugänglich zu machen. Zu dem Zeitpunkt gab es noch nicht den Star von Youtube, den britischen Rentner Peter, der unter dem Namen Geriatric1927 von seinem Leben erzählt. Peter wurde zum Kult. Fast eine halbe Million User schaute ihm bei jeder Folge zu.

Etwas in der Form erhofft sich Ünal auch für Tiger. Tiger als Kult. Tatsächlich ging es gar nicht schlecht los bei Youtube. Über 4000 User schauten die erste Folge von Tiger an. Dann aber ging es runter mit dem Abrufzahlen: Die zweite Folge hatte 3700 Zuschauer, die dritte knapp 3000 und die vierte blieb noch darunter, wenn auch sehr knapp. Dafür gab es viele Reaktionen von Bloggern, die die Sendung kommentierten. Die Reaktionen sind gespalten. Für die einen ist Tiger schon Kult, andere finden Tiger überhaupt nicht witzig. Das seien vor allem jene, die Tiger für eine authentische Figur halten, meint Ünal.

Murat Ünal ist zufrieden über die Entwicklung seines Formats bei Tagworld, Youtube, Myvideo, Myspace und über die uneingeschränkte Freiheit, die er dort hat. Seine Produktionskosten sind gering, er braucht nur eine Kamera, nicht mal eine besonders gute. Wackelbilder sind nichts Ungewöhnliches in der Szene. Nur: Geld verdienen lässt sich auf diesem Weg nicht. Deshalb hofft Ünal, dass vielleicht doch noch ein Fernsehproduzent auf Tiger aufmerksam wird. Oder ein Anbieter, der kurze Formate fürs Handy-TV sucht. Die Marketingmaschinerie hat Ünal schon in Gang gesetzt: T-Shirts, Pullover und Mützen mit den besten Tigersprüchen sind geplant. Und mit dem Klingelton-Anbieter Jamba hat Murat Ünal schon einen Vertrag: Die besten Sprüche und Folgen von Tiger gibt es als Handy-Klingelton oder Video zum Runterladen. Der Anfang ist gemacht.

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