Medien : Das Nachnamen-Rätsel

Der Namensforscher Udolph hat es über Radio Eins bis ins Fernsehen geschafft

Ingo Wolff

Eigentlich ist es ein Hobby von älteren Männern, in alten Stammbüchern nach ihren Ahnen zu suchen. Dass Radio Eins, eigentlich ein Sender für die Jungen und Mittelalten, mit Ahnenforschung hohe Quoten macht, liegt an Jürgen Udolph. In einer täglichen Rubrik entschlüsselt er die Namen der Hörer. Im Hauptberuf ist Udolph Deutschlands einziger Professor für Namensforschung. Sein Lehrstuhl ist an der Uni Leipzig. Aus einem verstaubten Nebenfach der Geschichte hat er eine lebendige Wissenschaft gemacht, die ihn jetzt sogar ins Fernsehen bringt. Am 9. März hat er im ZDF zusammen mit Johannes B. Kerner eine Namenshow.

Udolph sitzt an seinem Schreibtisch in seiner Göttinger Wohnung. Er tippt in seinen Laptop und telefoniert gleichzeitig, denn er hat eine Menge Interviews abzuarbeiten. „In Deutschland“, doziert er, „gibt es rund eine Million Namen, und rund 100 000 können wir nicht sofort erklären“. Alles potenzielle Anrufer für seine Radio-Rubrik.

Als Udolph vor acht Jahren fürs Radio entdeckt wurde, beschäftigte er sich noch mit Fluss- und Ortsnamen. Die beiden Radio-Eins-Moderatoren Robert Skuppin und Volker Wieprecht hatten bei ihm angerufen, weil eine Agentur gemeldet hatte, dass er anhand von Ortsnamen herausgefunden habe, wo die Hamelner Kinder geblieben waren, die der Rattenfänger einst verschleppt hatte. Udolph hatte einen Aufsatz über die erstaunliche Parallelität zwischen Ortsnamen im Raum Hameln und Brandenburg verfasst und aus diesen Ähnlichkeiten geschlossen, dass es einst einen großen Track aus Hameln gen Osten gegeben haben muss. Also könnte doch auch der Rattenfänger samt der Kinder nach Osten gegangen sein. „Die Agentur hat das damals aber zugespitzt“, sagt Udolph.

Radio Eins gefiel Udolphs Erklärung so gut, dass sich der Sender entschloss, dem redseligen Wissenschaftler eine Sendung zu geben. Immer um zwölf Uhr ergründet er in der Rubrik „Numen, Nomen, Namen“ nun den Namen eines Hörers. „Die Faszination liegt darin, dass wir alle einen Namen haben, und dass es einen gibt, der ihn erklären kann“, sagt er. Dabei kramt er mit jedem Hörernamen ein Stück Alltag aus der Vergangenheit hervor. Namen sind immer Erklärungen für Tätigkeiten, Herkunftsbezeichnungen oder Personenbeschreibungen. Nur versteht man sie oft nicht mehr. „Manchmal ist der Begriff schon aus der Sprache entschwunden und ist im Namen zum Fossil geworden“, sagt Udolph. Er kann Slawisch, Deutsch und Germanisch, das hilft ihm natürlich enorm bei der Recherche. In Berlin gibt es besonders viele Namen slawischen Ursprungs. Viele Berliner glauben aber auch, von den Hugenotten abzustammen. Udolph erzählt von der Familie Perpeet, die sich ihrer französischen Wurzeln sicher war. Ihr Name, so glaubten sie, hieße „zu Fuß“. „Schauen wir mal in das französische Internet-Namensarchiv: notre-familie.com“, sagt er. Kein Treffer. „Der Namen kommt in Frankreich nicht vor“, schließt er daraus, „und ist folglich kaum hugenottisch.“ Wahrscheinlicher ist für ihn ein lateinischer Ursprung: perpetuum, dauernd, ewig.

Wie genau funktioniert Udolphs Recherche? Udolph wendet sich seinem Laptop zu und gibt einen Beispielnamen ein: der Name Schlenker. „Erst“ erklärt er, „schaue ich in eine Telefonbuch-CD, wie oft es den Namen gibt.“ Dann lässt er sich eine Verbreitungskarte erstellen. Dazu hat er eine CD, eine Spezialanfertigung aus Polen. „Den Namen gibt es 1496-mal in Deutschland“, sagt Udolph. „Mit einer großen Streuung im Südwesten.“ Er zoomt auf ein Gebiet mit vielen blauen Punkten. Dann nimmt er ein entsprechendes Nachschlagewerk hervor. „Hier: Es muss also ein Mensch mit einem schlenkernden Gang gewesen sein.“ Das Geheimnis ist gelöst.

Manchmal scheitert er aber auch beim Entschlüsseln. „Das macht mich unruhig“, sagt er. Udolph trägt das Problem mit sich herum. „Und wenn ich es dann loslasse, kommt oft doch die Lösung.“

Was aber bedeutet sei eigener Name? „Ich habe selbst die ersten 40 Jahre meines Lebens nicht darüber nachgedacht“, sagt er. „Dabei ist der sehr spannend.“ Die Germanen kannten noch keine Nachnamen und würfelten stattdessen die Namen zweier Vorfahren neu zusammen. „Olph ist ein Teil des Wolfs, und Ud kennt man von Kleinod – in dem Fall eine örtliche Beschreibung“. Ein Vorfahre, so erklärt er, muss also etwas Verwegenes an sich gehabt haben, und der Rest verweist auf einen Ort. „Ich kann den Namen bis 400 nach Christus in die Zeit von Ostgotenkönig Theoderich dem Großen zurückverfolgen.“ Ausgerechnet Deutschlands einziger Namensforscher hat einen der ältesten germanischen Namen.

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