Medien : Das Spektakel bleibt der Text

Der junge E-Book-Verlag „Mikrotext“ experimentiert mit neuen digitalen Literaturformen.

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Gerade noch das Hohelied des analogen Lesens gesungen – Sessel, Druckerschwärze, Stille – und schon während der ersten E-Book-Lektüre des Lebens eingeknickt, um jubelnd zu trompeten: Lest dieses Buch! Es ist der Hammer! Und ihr arbeitet dabei nicht einmal am Untergang des Abendlandes! Denn Aboud Saaeds „Der klügste Mensch im Facebook“ ist ein genuines E-Book und wäre wohl als gedruckter Text niemals erschienen. Es nimmt der ängstlich gewordenen Gutenberg-Welt nichts weg, sondern fügt ihr Überraschendes hinzu.

„Ich werde alles schreiben, was ich gerade denke/ über die Leere/ die aus mir einen Pseudo-Dichter gemacht hat.“ Also: „Träume verbrennen Fett. Deshalb bin ich so schlank.“ Oder: „Der Diktator hört keinen Jazz.“

Aboud Saaed, der Autor dieser Zeilen, ist ein dreißigjähriger Schweißer, der mit seiner Mutter und seinen sieben Geschwistern in einem Zimmer in einer Kleinstadt im Norden Syriens lebt und von diesem Leben in seinen Statusmeldungen auf Facebook berichtet. Mal aphoristisch knapp, mal in surrealen Miniszenen oder lyrischen Traumsequenzen, mit einem Größenwahn, der freilich so brüchig ist, dass er jeden Moment in Selbstbeschimpfung münden kann, die dabei immer auch den Reiz und das Elend der virtuellen Facebook-Welt reflektieren. Das Berückende ist Saeeds Ton, ein epischer Atem, in dem das Ich mal einen gewitzten einsamen Großkotz meint („Morgen werde ich die schönste Liebesgeschichte googeln und sie dann erleben.“) und mal das Wir eines ganzen leidenden Volkes spiegelt („Wie das syrische Regime: Jeder, der mich nicht mag, wird durch Selbstmord sterben.“)

Dass eine Auswahl dieser Meldungen nun als E-Book erscheint, haben wir der Journalistin und neuerdings E-Book-Verlegerin Nikola Richter und ihrem vierköpfigen Team zu verdanken, dem mit dem ersten Programm des Verlages „Mikrotext“ gleich ein Coup gelungen ist. Vier Mal im Jahr will Mikrotext unter einer thematischen Klammer zwei E-Book-Singles herausgeben, womit eher kurze literarische oder essayistische Texte gemeint sind, die aktuelle Debatten aufgreifen. Neben Saaeds Facebook-Gesang steht im ersten Programm der Essay „Die Entsprechung einer Oase“, der nach einem Telefonat zum Thema Internet mit Alexander Kluge entstanden ist.

Startups rund um das Thema E-Books boomen, gerade in Berlin. Doch während man sich bei „readmill“ in einem Netzwerk über seine Leseerfahrungen austauschen kann oder bei „ebookmaker“ lernt, wie man E-Books programmiert, ist Nikola Richters Mikrotext nichts als ein Verlag. Ein geradezu puristischer sogar. Denn ihre E-Books präsentieren: Schrift. Und trumpfen nicht, wie die sogenannten „enhanced E-Books“, mit Videofilmen, Hintergrundvogelgezwitscher oder Bonus-Interviews auf. Die Verlegerin sieht sich und ihre digitalen Publikationen auch nicht als Konkurrenz zum gedruckten Buch, sondern als Ergänzung. Sie bietet Umfängen eine Plattform, die wegen ihrer Zwischengröße sonst durch den verlegerischen Rost fallen würden, und setzt auf die Bündelungen thematische Schwerpunkte wie eine Zeitschrift. Das Spektakel bleibt der Text.

Aboud Saaed am 2. Februar 2012: Ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich nach Beirut fahren werde, um wieder ein syrischer Arbeiter im Libanon zu werden. Ihr Rat an mich lautete folgendermaßen: „Blas keine Luftballons auf, nur um sie dann zu zerplatzen. Trink deinen Wein nie aus dem Glas. Schlürf ihn immer aus der Flasche ... Sei nicht so ernst beim Schlafen. Dein Schlaf und deine Träume sollen ein Witz sein/ ein Witz, wie der kommende Krieg.“ Andreas Schäfer

Aboud Saaed: „Der klügste Mensch im Facebook“ und Alexander Kluge: „Die Entsprechung einer Oase“ im Verlag Mikrotext sind für 2,99 Euro bei Amazon und epubli zu kaufen.

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