David Bowie auf Arte : Liebling der Götter

Francis Whatelys Film „David Bowie – Die letzten Jahre“ zeigt den Popkünstlers, wie er vielleicht wirklich war: nie ganz zu fassen.

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Ganz nah dran. Ein echter Bowie-Fan war außer sich vor Glück, wenn ihn der britische Musiker und Meister salbte.
Ganz nah dran. Ein echter Bowie-Fan war außer sich vor Glück, wenn ihn der britische Musiker und Meister salbte.Foto: Arte/BBC

Man kann dem Produzenten Tony Visconti, wie er da in seinem Studio sitzt und David Bowies Performance in dem „Lazarus“-Video kommentiert, nur zustimmen: Ja, das ist brillant, das ist ein Mann in Bestform – nur wenige Wochen vor Bowies Tod am 10. Januar des letzten Jahres in New York. Bowie liegt mit Mullbinde im Gesicht und Knopfaugen darauf in einem Krankenhausbett, krallt sich an der Bettdecke fest, krümmt sich, bäumt sich auf. Stoßartig ist sein Atmen zwischen den Versen, und er singt Zeilen wie „Look up here, I’m in heaven“. Oder: „Oh I'll be free/ Just like that bluebird/ Oh I'll be free/ Ain't that just like me“.

„Es ist der denkbar traurigste Text, wenn man ihn heute hört“, fügt Visconti gerührt an. Weshalb auch der britische Regisseur Francis Whately gerade am Ende seiner Dokumentation über die letzten fünf Künstlerjahre von Bowie Interpretationen zulässt, dessen beide letzten Arbeiten, das „Lazarus“-Musical und das „Blackstar“-Album, seien gewissermaßen Requiems zu Lebzeiten gewesen. Robert Rox, der Regisseur des Musicals, berichtet, dass ihm Bowie 2015 kurz vor den Proben eröffnete, er könne nicht häufig dabei sein, er habe Krebs, er sei in Behandlung. Und Visconti meint ihn zu der Zeit das erste und einzige Mal „sentimental“ erlebt zu haben, „weil er das Musical unbedingt schaffen wollte“.

Viele Aufnahmen aus den 70er Jahren

Trotzdem betonen alle Gesprächspartner von Whately, die Produzenten, Regisseure und Musiker, mit denen David Bowie zuletzt zu tun hatte, dessen positive Energie, dessen Enthusiasmus. So verortet Whately Bowies kreativen Output von 2011 an verstärkt vor dem Hintergrund seines Gesamtwerkes und zieht Verbindungslinien zu früheren Arbeiten. Insofern führt der Titel des Films „David Bowie – Die letzten Jahre“ leicht in die Irre, weil er häufig in Bowies frühere Schaffenszeiten zurückblendet: mit vielen alten Aufnahmen, insbesondere aus den siebziger Jahren, Bowies vielleicht bester Zeit. Den Sprung des rockigen „The Next Day“-Albums von 2013 zu dem schwer Jazz-beeinflussten Album „Blackstar“ vergleicht er mit dem von „Heroes“ zu „Low“. Und weil Bowie schon früh ein Musical vorschwebte, erinnert Whatley auch noch einmal an die stark durchchoreografierte „Diamond Dogs“-Tour. Der Film setzt ein mit der „Reality“-Tour von 2003/2004, auf der Bowie einen Herzinfarkt bekommt und danach nie mehr live auftritt. Den echten, andauernd komischen, superglücklichen „Starman“ glauben seine Musiker bei dieser Tour erlebt zu haben. Der angeblich alle Masken ablegen wollte und der, man höre, man staune, „einfach David Bowie sein wollte“. Wer aber war David Bowie? „Er wirkte auf der Tour so jung wie eh und je. Man hatte das Gefühl, er sei ein Liebling der Götter, der nie altern würde“, erinnert sich der Gitarrist Gerry Leonard – und die Bilder von der Tour und backstage zeigen einen lachenden, tatsächlich gut und frisch aussehenden Chefmusiker. Sein allerletztes Konzert gibt er im Juni 2004 auf dem „Hurricane“-Festival nahe Hamburg. Im Anschluss hören die damaligen Musiker nur noch sporadisch von ihm – bis sie eines Tages per Mail die Frage erreicht, ob sie mit ihm an einem neuen Album arbeiten wollen, „The Next Day“.

Das Schöne an Whatleys Film ist, dass er vielleicht wirklich den „wahren“ Bowie zeigt. Allerdings nicht den ach so normalen, als den ihn die „Reality“-Musiker erlebt haben. Oder die Jazz-Komponistin Maria Schneider, als sie mit ihm für „Blackstar“ zusammenarbeitete. Sondern den, der doch nicht ganz von dieser Welt, nie zu fassen war, der in seinen Alter Egos aufging und das Autobiografische stets kreativ zu instrumentalisieren wusste.

Ein Schemen wie sein Major Tom

David Bowie ist tot, ja, und er wird durch die Archivaufnahmen wieder lebendig, so gehört sich das. Zumal auch Sätze von ihm aus dem Off zu hören sind, klugerweise unsynchronisiert. Doch Bowie, und das passt zu seiner kultivierten Unfassbarkeit, scheint sich wie ein Schemen vor den oft ins Bild gesetzten Skylines von New York und London abzuzeichnen, wie sein Major Tom. Oder er scheint wie ein sich materialisierender Geist neben den Musikern zu sitzen, die sich erinnern, neben dem Künstler Tony Oursler, der das Video von „Where Are We Now?“ mit den vielen Berlin-Sequenzen gedreht hat, neben dem Designer des „The Next-Day“-Plattencovers Jonathan Barnbrook. „I’m not a popstar“, heißt es in einem der Stücke von „Blackstar“, quasi als Beglaubigung von David Bowies´ Verwandlung in einen schwarzen Stern. Unsichtbar, aber stets präsent.

„David Bowie – Die letzten Jahre“, Arte, Freitag, 21 Uhr 45; „David Bowie – Reality Tour Dublin“, 23 Uhr 15

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