Debatte um #Hoodiejournalismus : Kann ein Pulliträger Leitartikel schreiben?

Die "FAS" offenbart ihre Arroganz gegenüber digitalem Journalismus - es geht um die Frage, ob "Onliner" Stefan Plöchinger in die Chefredaktion der "Süddeutschen" darf. Im Netz formt sich die Allianz der Kapuzenpulliträger.

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Hauptsache Hoodie: Journalisten bekennen sich via Kapuzenpulli zum Internet
Hauptsache Hoodie: Journalisten bekennen sich via Kapuzenpulli zum InternetScreenshot: Tsp

Das Internet kann kompliziert sein. Wenn irgendwo in der Draußenwelt etwas geschieht, dann landet es früher oder später auch im Netz. Dort kann sich die Sache mitunter zu einem Sturm auswachsen. Über soziale Kanäle und Ticker bläht sie sich auf, wird repetiert, persifliert, goutiert. Das Problem ist: Oft bleibt es dann in der Drinnenwelt und pingt zwischen den digitalen Akteuren hin und her - ohne dass außerhalb des Netzes einer Notiz davon nimmt. Auch Journalisten können kompliziert sein. Wenn irgendwo in der Medienwelt etwas geschieht, dann kann sich das mitunter zum gefühlten Sturm auswachsen. Zwischen den Redaktionen pingt das dann hin und her - ohne dass es einen normalen Leser tatsächlich interessiert.

Dieser Artikel wird dafür ein perfektes Beispiel - normale Leser dürfen trotzdem weiterlesen - denn er beschreibt genau ein solches Internet-plus-Journalisten-Phänomen, das auch mal in der Draußenwelt seinen Ursprung hatte.

Stefan Plöchinger muss sich fragen lassen, ob er als "Onliner" auch "Journalist" sei

Seit Sonntagmorgen laden Medienschaffende auf Twitter und Facebook Selbstportraits in Kapuzenpullis hoch. Sie solidarisieren sich mit Stefan Plöchinger, dem Chef von sueddeutsche.de, was der Online-Auftritt der "Süddeutschen Zeitung" ist. Unter dem Hashtag #hoodiejournalismus sammeln sie Bilder und Kommentare, auch ein Tumblr-Blog wurde eingerichtet. Die digitale Solidaritätswelle begann zu rollen, nachdem der Kollege Harald Staun in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" einen kleinen, bissigen Kommentar über Plöchinger schrieb.

Plöchinger soll in die Chefredaktion der Printzeitung aufrücken, also ein leitender Journalist wird hausintern zu einem leitenderen Journalisten. Die "Zeit" hatte am Donnerstag berichtet, dass in der "SZ" einige Printkollegen sauer aufstoßen beim Gedanken, Plöchinger, ein "Kapuzenpulliträger", schreibe nun wohlmöglich Leitartikel im gedruckten Blatt. Anstatt das als Mumpitz aus dem Telegrafen-Zeitalter abzutun, befeuerte Harald Staun am Sonntag den Argwohn. Er könne sich zwar vorstellen, einen "Internetexperten" in die Riege der Zeitungschefs aufzunehmen, aber dann solle bitteschön auch ein "Journalist" in die Chefredaktion des Online-Auftrittes kommen.

So viel zu dem, was in der Draußenwelt passierte. Man kann das als albern und ein bissl gestrig abtun, vielleicht auch als gar nicht so böse gemeint - will da ein "FAS"-Kollege wirklich behaupten, Stefan Plöchinger sei kein Journalist, nur weil er vornehmlich online schreibt? Man kann das aber auch deutliches Zeichen dafür lesen, dass die deutsche Medienlandschaft in einem tiefen Kulturkampf steckt.

Die ganzen Hoodie-Fotos haben was von #Gangsterjournalismus - aber ein ernstes Anliegen

Wenn journalistische Arbeit nicht an ihrer Qualität bemessen wird, sondern daran, ob ein Autor die Ergebnisse seiner Recherche in Pixeln oder auf Papier veröffentlicht - dann müssen sich hiesige Redaktionen schwindende Auflagen, Quoten oder Klicks nicht wundern. Für den Leser kommt Journalismus aus vielen Quellen - aber doch immer vom Journalisten. Ob nun die Tagesthemen, ein Online-Blog oder eine Tageszeitung; Hauptsache, jemand hat sich die Mühe gemacht, Aktuelles zu erfassen, zu komprimieren und einzuordnen. Auch interessiert sich keiner der Empfänger, ob die Medienschaffenden im Hemd oder im Kapuzenpulli zur Arbeit kommen. Wer nicht gerade mit der Bundeskanzlerin rumreist, liefert Nachrichten sowieso meist aus dem Großraumbüro.

Innerhalb eines Tages gibt es nun Hunderte Tweets zu #hoodiejournalismus. Es sind vor allem junge Online-Journalisten - oder zumindest Journalisten ohne digitale Berührungsängste - die sich mit Stefan Plöchinger solidarisieren. Na gut, Kai Diekmann ist auch dabei. Und so sieht die Bildersammlung zu Ehren Stefan Plöchingers schon beinahe nach #Gangsterjournalismus aus. Plöchinger selbst freut sich über den Pulli-Soli - allerdings nicht ganz ohne Angst, was seine zukünftige Garderobe angeht. Auf Twitter fragt er, ob er jetzt immer Hoodie tragen müsse.

Das alles kann - und darf - als alberner Online-Spaß abgetan werden. Oder als Argwohn digitaler Wesen gegen böse Holzjournalisten. Aber eigentlich geht es hier nicht um Pullover und lustige Tumblr. Es geht um die Frage, als was wir Journalismus verstehen. Darf einer, der Bilderstrecken über das Oktoberfest verantwortet auch einen abgedruckten Kommentar zur Krim-Krise schreiben? Ist er weniger Journalist, wenn er eine Geschichte nicht in Worten sondern mit Videobildern erzählt?

Die bestmögliche Recherche braucht heutzutage die digitale Vernetzung. Journalismus wird nicht dadurch besonders, wo oder worauf er erscheint - sondern wie er gemacht ist. Stefan Plöchinger selbst hat das in seinem Blog mit vielen klugen Gedanken längst formuliert. Das Ärgerliche an diesem Blog: Keiner hat ihn den Printkollegen ausgedruckt.

ps.: Auch viele Kollegen von @tagesspiegel_de haben sich mit Pulli gezeigt, unter anderem - als einer der schnellsten am Sonntagmorgen - unser Online-Chef Markus Hesselmann.

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