Debatte um Kinderfotos im Netz : Der Missbrauchsvorwurf zieht Schuld von Tätern ab

Caroline Fetscher hatte in einem Kommentar das inflationäre Posten von Kinderfotos als Missbrauch bezeichnet. Das ist falsch, antwortet Susanne Mierau nun. Das Internet soll nicht auch noch ein kinderfreier Raum werden. Die Gesellschaft sei schon auf dem Weg dahin.

Susanne Mierau
Über die Frage, ob Kidnerfotos in Blogs und Sozialen Netzwerken gepostet werden sollen, gibt es eine breite Debatte.
Über die Frage, ob Kidnerfotos in Blogs und Sozialen Netzwerken gepostet werden sollen, gibt es eine breite Debatte.Foto: dpa

Kürzlich titelte der Tagesspiegel „Das Zurschaustellen der eigenen Kinder im Internet ist Missbrauch“ und der Beitrag ließ die Debatte, ob Kinderfotos im Netz gezeigt werden dürfen oder nicht, wieder aufleben. Denn Tatsache ist: die Abbildung von Kindern im Internet ist längst keine Seltenheit mehr. Neu thematisiert durch das Blog der kleinen Mimi, deren Eltern seit der Geburt ihren Alltag öffentlich festhalten. Doch dies ist lange keine Seltenheit mehr: Von rund 1500 Elternblogs geht Brigitte Mom aus, die eine Liste dieser Blogs pflegt. Viele davon zeigen Bilder der Kinder. Wenn in den Medien nach dem Sinn dieser Darstellung gefragt wird, wird oft kurzerhand verurteilt:  Der Selbstdarstellungsdrang der Eltern sei Schuld. Vielleicht auch noch finanzielle Interessen durch die Vermarktung des Blogs. Doch diese Argumentation, die auch Caroline Fetscher in ihrem Artikel verfolgt, greift zu kurz: Aufgrund der Breite der Angebote muss man die bloggenden Eltern als gesellschaftliche Entwicklung betrachten, nicht als Randerscheinung psychisch beeinträchtigter Eltern.

Elternschaft ist heute nicht einfach, denn Eltern erhalten wenig Unterstützung in ihrem Alltag. Sie sind insbesondere in Großstädten nicht unbedingt gut vernetzt, können nicht auf Unterstützungsangebote von Familienmitgliedern zurück greifen. Das Internet bietet ihnen heute den Raum, sich rund um die Uhr auszutauschen. Dies umso mehr, wenn familienunfreundliche Tendenzen immer weiter um sich greifen: Kinderwägen sind nicht in Cafés erlaubt, Kinder sollen Grünflächen nicht betreten und stillende Mütter sind sowieso unerwünscht in der Öffentlichkeit.

Das Internet soll kein kinderfreier Raum sein

Eltern und Familien werden in Nischen gedrängt, dürfen sich vielleicht noch in extra eingerichtete Eltern-Kind-Cafés zurück ziehen. Konferenzen zur Weiterbildung bieten – obwohl es entsprechende Möglichkeiten gibt – keine Kinderbetreuung an, wie gerade an der im Mai in Berlin stattfindenden republica wieder zu sehen ist. Unsere Gesellschaft ist familienunfreundlich geworden. Kein Wunder, wenn sich Frauen öffentlich über den schweren Alltag und den Spagat zwischen Familie und Beruf zu Wort melden und ihre Ambivalenz oder gar Ablehnung der Mutterrolle unter #regrettingmotherhood kund tun. Denn es gibt tatsächlich zu wenig Hilfen und Eltern werden aus der Gesellschaft weggedrängt. Nun nicht mehr nur im Alltag auf der Straße, sondern auch im Internet, denn auch das Internet soll ein kinderfreier Raum sein.

Selbstverständlich sollten bei der Veröffentlichung von Kinderbildern jene ethisch-moralischen Aspekte betrachtet werden, die man allen Menschen gegenüber beherzigen sollte: Beschämende Bilder oder Videos von Kindern sind wie bei Erwachsenen unangebracht und auch Bilder von Kindern auf dem Töpfchen oder in schwierigen Situationen sind zu vermeiden. Denn tatsächlich ist ein solches Vorgehen, wie auch Frau Fetscher betont, unangebracht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Kinderbilder generell aus dem Internet verbannt werden sollten.

Missbrauchsvorwurf zieht Schuld von Tätern ab

Der Missbrauchsvorwurf gegenüber Eltern, die ihre Kinder online zeigen, ist schwerwiegend. Dies umso mehr, da er von wirklichen Tätern Schuld abzieht. Dass Kinderbilder im Netz Pädophilen quasi eine Erlaubnis zur Straftat anbieten, ist eine ähnliche Argumentationslogik, wie wenn behauptet wird, Frauen seien aufgrund zu kurzer Röcke Opfer von Vergewaltigungen. Täter sind Täter und solche Taten sollten nicht dadurch abgeschwächt werden, Tätern vorab schon eine Ausrede zu präsentieren, die jeder Logik entbehrt.

Anstatt uns also zu fragen, ob die Darstellung von Kindern im Internet ein Produkt narzisstischer Eltern ist, sollten wir mehr die gesellschaftlichen Gründe für dieses Entwicklung verfolgen und uns fragen, wie eine Gesellschaft eigentlich aussieht, in der Kinder sowohl auf den Straßen als auch im Internet nicht mehr erwünscht sind – und wie lange eine solche Gesellschaft existieren kann.

Susanne Mierau ist Pädagogin und hat eine eigene Praxis für für Familienbegleitung und Naturheilkunde. Außerdem betreibt sie den Blog geborgen-wachsen.de. Den gesamten Beitrag von Caroline Fetscher können Sie hier noch einmal nachlesen.

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