Medien : Der Club der Autoritären

Ein Arte-Film erzählt von Aufstieg und Fall der Gruppe 47, die nicht allen Mitgliedern nur Glück brachte

Gerrit Bartels

Ganz stark wird dieser Film über die Gruppe 47 noch einmal am Ende. Da sagt die Schriftstellerin Gabriele Wohmann, dass bei den 29 Treffen der Gruppe 47 zwischen 1947 und 1967 eigentlich nichts Besonderes passiert sei und sie an ihre eigenen Lesungen überhaupt nicht mehr denke: „Das sind eben diese Verklärungen.“ Ein paar Minuten vorher hatte man Günter Grass, Martin Walser und den Kritiker Joachim Kaiser gesehen, wie sie dieses Jahr auf dem Blauen Sofa im Berliner Ensemble in Gruppe-47-Erinnerungen geradezu schwelgten, wie sie sich neckten: sportlich, der Show verpflichtet, sich ihres schriftstellerischen Erfolges bewusst, überzeugt von der Wichtigkeit der Gruppe 47.

In ihrem Nacheinander zeigen diese Einstellungen in Andreas Ammers Film „Vom Glanz und Vergehen der Gruppe 47“ sehr gut, wie sich literarische Karrieren im Nachkriegsdeutschland entwickelt haben – hier die Großschriftsteller Walser und Grass, die nicht zuletzt der Gruppe 47 ihr Ansehen verdanken. Dort Gabriele Wohmann, die heute zu den vergessenen Autorinnen gehört. Genau wie den in Ammers Film ausgiebig zu Wort kommenden Schriftstellern Jürgen Becker und Dieter Wellershoff hat Wohmann ihre Zugehörigkeit zur Gruppe 47 auf lange Sicht nicht viel genützt. Denn mochte es auch unabdingbar für einen Schriftsteller sein, hier zumindest einmal aufzutreten oder gar zu Hans Werner Richters Dauer-Auserwählten zu gehören: Es war mitnichten so, dass die Teilnahme automatisch Erfolg bescherte, im Gegenteil. Gerade für sensiblere Autoren konnte ein Scheitern auf dem „elektrischen Stuhl“, wie der Sitz des Vortragenden martialisch genannt wurde, ein lebenslanges Trauma bedeuten.

Ammer hat für seinen Film viele Zeitzeugen und Teilnehmer befragt, nur mixt er diese Interviews leider mit wenig Archivmaterial. Gern hätte man mehr davon gesehen, wie Walter Jens einen Text beurteilt oder Johnson und Walser sich in die Haare bekommen. Stattdessen durchziehen den Film leitmotivisch auf der Bühne stehende Stühle, auf denen Ammers Gesprächspartner sitzen und sich erinnern. Wie die Gruppe 1947 am Bannwaldsee bei Füssen im Haus der Lyrikerin Ilse Schneider-Lenyel gegründet wurde, wie sie immer mächtiger wurde, wie sie sich bei ihren letzten offiziellen Treffen in Princeton und in der Pulvermühle überlebt hatte: Handke schimpft auf die „Läppischkeit“ der Gruppe-47-Literatur. Die intellektuelle Definitionsmacht liegt plötzlich bei den Studenten, die mit „Lieber tot als Höllerer“-Sprüchen und Anti-Vietnamkrieg-Plakaten gegen die ihrer Ansicht nach zu unpolitischen Schriftsteller demonstrieren.

Auch den die Gruppe 47 zeit ihres Bestehens begleitenden Antisemitismusvorwürfen geht Ammer nach und demonstrieren einmal mehr, wie wenig in der Gruppe über die Nazivergangenheit und die eigene Involviertheit gesprochen wurde: Die kollektive Verdrängung der Nazizeit in der Bundesrepublik in den fünfziger und frühen sechziger Jahren fand in der sich betont antifaschistisch gebenden Gruppe 47 ihr Abbild. Günter Grass’ spätes Waffen-SS-Geständnis ist der jüngste Beleg. Dass Ammer bei Wohmann noch einmal fragend insinuiert, dass sich Grass anders als sie gern an die Gruppe 47 zurückerinnere, wäre nicht nötig gewesen. Logisch, dass Wohmann schelmisch antwortet: „Ja, der denkt überhaupt viel zurück.“

„Vom Glanz und Vergehen der Gruppe 47“, ARD, 23 Uhr 45

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