Der Germanwings-Absturz und die Medien : "Wir sind Publizisten, keine Pädagogen"

Für eine Medien-Analyse zum Germanwings-Absturz hat das Munich Digital Institute deutsche Journalisten befragt. Hier stellen wir die Antworten von Tagesspiegel.de-Chefredakteur Markus Hesselmann zur Debatte. Kommentieren und diskutieren Sie mit!

Bergung der Trümmer der in den französischen Alpen abgestürzten Germanwings-Maschine.
Helfer bei der Bergung der Trümmer der abgestürzten Germanwings-Maschine.Foto: dpa

Welche Argumente gibt es für/gegen die Veröffentlichung des Namens des Co-Piloten der Germanwings-Maschine?

Wir sollten pragmatisch von Fall zu Fall entscheiden, deshalb hier meine Erwägungen zu dem konkreten Fall: Der Protagonist einer derartigen, wie sich bald herausstellte offensichtlich mutwillig herbeigeführten Katastrophe wird zur Person des öffentlichen Interesses. Andreas Lubitz selbst hat sich mit seiner folgenschweren Tat in die Öffentlichkeit begeben. Sein Name wird weltweit in Medien, auch in führenden Qualitätsmedien, genannt. Der zuständige Ermittler buchstabiert ihn vor der versammelten Weltpresse. Dafür, den Namen in einer solchen Situation im eigenen Medium nicht zu nennen, können eigentlich nur noch Trotz oder irregeleitete Pädagogik sprechen. Wir sind Publizisten, keine Pädagogen. Wir stellen der Öffentlichkeit Informationen zur Verfügung, wir erziehen sie nicht. Das Verhältnis zu unseren Lesern sollte von Vertrauen, nicht von Misstrauen geprägt sein. Natürlich haben wir auch eine Verantwortung dafür, wie mit den Informationen, die wir zur Verfügung stellen, umgegangen wird oder umgegangen werden könnte. Wir dürfen unsere publizistischen Entscheidungen aber nicht durchweg von der Angst vor dem möglichen Missbrauch dieser Informationen, etwa durch Internet-Trolle, abhängig machen. Das hieße, die ganz große Mehrheit der vernünftigen Leser dafür zu bestrafen, dass es auch einige wenige unvernünftige gibt.

Welche Argumente gibt es für/gegen die Veröffentlichung des Bildes des Co-Piloten der Germanwings-Maschine?

Ein Bild hat eine andere, direktere Wirkung als ein Name. Auf den Effekt, „dem Täter ins Auge zu sehen“, verzichten wir als Medium, das an den Intellekt seiner Leser appelliert, gern. Der Faktor Zeit ist hier noch wichtiger als bei der Namensnennung. Mit der Zeit „normalisiert“ sich der Gebrauch eines solchen Bildes. Es verliert seine Sensationsfunktion und wird zum Dokument, das dann auch von uns verwendet werden kann.

Ist es nach ihrer Auffassung ein Unterschied, einen Namen zu nennen und ein Bild zu zeigen?

Als Medium, das seine Leser mehr über den Intellekt als über das Gefühl ansprechen will, sind wir bei der Bildauswahl grundsätzlich zurückhaltend und versuchen zu vermeiden, was in Richtung Sensationsheische gehen könnte.

Name und Bild des Co-Piloten sind seit dem Absturz im Web auffindbar. Spielt dies eine Rolle für die Entscheidung der Redaktion und wenn ja, welche?

Ob etwas „im Web“ auffindbar ist, spielt keine Rolle. Ob etwas auf den Seiten seriöser Primärquellen oder Medien wie der „New York Times“, dem „Guardian oder der „FAZ“ veröffentlicht wird, schon. Das Verhalten von Kollegen kann durchaus bei der Orientierung helfen, ohne dass wir ihnen blind nachlaufen.

Gibt es für Sie einen qualitativen Unterschied zwischen der Wagner-Kolumne und Trauer-Schnipsel aus Instagram in einer Buzzfeed-Story? Wenn ja, welchen?

Die Wagner-Kolumne ist Pseudo-Literatur, solche Buzzfeed-Storys sind Pseudo-Dabeisein. Mit Journalismus im engeren Sinne hat beides wenig zu tun.

Stellen Sie eine Veränderung in den Diskussions- bzw. Kommentarverläufen über die Tage nach dem Absturz fest?

Wir hatten eigentlich über den gesamten Zeitraum die ganze Palette dabei: allgemeine und konkrete Medienkritik, Anteilnahme am Schicksal der Opfer und Hinterbliebenen, Interesse am Zustandekommen der Katastrophe auch mit Detailaspekten (z.B. medizinischen mit Blick auf den Piloten oder sicherheitstechnischen mit Blick auf das Flugzeug) . Es wurde intensiv diskutiert, auch spekuliert. Ängste wurden ausgetauscht. Verschwörungstheorien gab es auch in Leserkommentaren, die wir im Sinne einer offenen Debatte teils zugelassen haben, wenn sie ohne konkrete Beschuldigungen auskamen.

Welche Rolle spielen kommerzielle Erwägungen bei der Frage, wie sehr man spekuliert oder rein bei den Fakten bleibt?

Die Frage spielt wohl auf das Thema Reichweite an. Auf Reichweite („Klicks“) beruht derzeit noch in großen Teilen die Finanzierung des Online-Journalismus. Dass sich das ändern muss, wird vielen Kolleginnen und Kollegen immer klarer. Nur mit einer neuen, qualitativen statt quantitativen Messung und darauf beruhenden Werbestrategien wird es möglich sein, das Profil einer Online-Seite in Richtung Tiefe, Hintergrund, verstärkte eigene Recherche und Themensetzung weiterzuentwickeln und davon wegzukommen, dass die meisten Nachrichtenportale über alles und jedes berichten, dabei thematisch oft an der Oberfläche bleiben sowie mehr vom Gleichen liefern. Spekulationen oder falsche Fakten lassen sich aber nicht dadurch entschuldigen, dass die Werbestrategen noch nicht so weit sind, wie wir Journalisten es gern hätten. Und Reichweite ist natürlich auch nicht generell schlecht. Zunächst bedeutet sie ja, gelesen zu werden. Und gelesen werden wollen Journalisten.

Hat das Social Web etwas an der Art der Nachrichten-Aufbereitung und -Verbreitung geändert?

Social Media wie auch die Kommentarbereiche auf unserer Seite ermöglichen uns, interaktiv und damit schneller auf Hinweise zu inhaltlichen Weiterentwicklungen und auch zu Fehlern zu reagieren sowie selbst aktiv nach solchen Hinweisen zu suchen oder auch das eigene Vorgehen, die eigenen Maßstäbe transparent zu machen und zur Debatte zu stellen.

Ihre Sicht auf das Social Web? Lässt sich dies auch unterteilen in Boulevard und „Qualitäts-Nutzer“?

Mir hat diese Unterteilung in ihrer Strenge nie eingeleuchtet, denn es gab immer auch qualitativ hochwertigen Boulevardjournalismus wie es auch schlechten Journalismus in so genannten Qualitätsmedien gab. Die Recherche zum Beispiel hat bei personell gut ausgestatteten Boulevardmedien handwerklich oft sogar eine höhere Qualität. Ich würde unterscheiden zwischen stärker an den Intellekt oder stärker an das Gefühl appellierenden Medien. Dann lässt sich diese Unterscheidung durchaus auf das Social Web, dessen Angebote und dessen User übertragen. Die Differenz ist aber immer graduell. In unseren Foren treffen wir jedenfalls viele User an, die dezidiert darauf Wert legen, über den Intellekt angesprochen zu werden. Der Vorwurf „Dann kann ich ja gleich ‚Bild“ (etc.) lesen“ kommt durchaus nicht selten.

Platz für Ihre persönlichen Einschätzungen:

An der aktuellen medienkritischen Debatte in Deutschland irritiert mich die vielfach durchscheinende Sehnsucht nach letztgültigen Urteilen von Behörden und sonstigen Autoritäten. Und das offenbar fehlende Verständnis dafür, dass die Medien in einer offenen Gesellschaft ja gerade dazu da sind, diese Autoritäten und deren Hervorbringungen mit eigenen Recherchen und Veröffentlichungen zu kontrollieren und in Frage zu stellen. Hier würde ich im Zweifel eher für mehr Öffentlichkeit als für mehr Privatheit plädieren.

Die gesamte Medienanalyse unter anderem mit weiteren Fragebögen finden Sie hier auf der Seite des Munich Digital Institute. Was meinen Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser? Wie sehen Sie die Berichterstattung der deutschen Medien über den Germanwings-Absturz und über den Co-Piloten Andreas Lubitz? Hat Tagesspiegel.de-Chefredakteur Markus Hesselmann Recht in seinen Einschätzungen oder sind Sie anderer Meinung? Kommentieren und diskutieren Sie mit. Nutzen Sie dazu bitte die einfach zu bedienende Kommentarfunktion etwas weiter unten auf dieser Seite.

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