• Der Google-Missionar Warum PC und Internet die Welt besser machen – Eric Schmidt zu Gast in der American Academy

Medien : Der Google-Missionar Warum PC und Internet die Welt besser machen – Eric Schmidt zu Gast in der American Academy

Christian Meier
Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Eric Schmidt war bis April Vorstandsboss von Google. Als Verwaltungsratschef und Botschafter des US-Konzerns ist er auf Europareise. Am Freitagabend machte er auf Einladung der American Academy Station in Berlin. Die Plätze seien „extrem begehrt“ gewesen, hieß es zur Begrüßung. Man dürfe sich darum glücklich schätzen, dabei zu sein. Dabei sein, wenn Schmidt beschreibt, wie das Internet unsere Zukunft prägt. Eine bessere Zukunft, in der Technik uns Aufgaben abnimmt, zu denen wir sowieso keine besondere Eignung mitbringen. Dazu gehöre beispielsweise, sich an Dinge zu erinnern. Das mache der Computer für uns, sagte Schmidt. Denn während Menschen sich eher durch ihre Intuition auszeichneten, läge der Vorteil der Maschinen eben darin, nichts zu vergessen.

Schmidt hat Google über neun Jahre geleitet und gemeinsam mit den Gründern Larry Page und Sergej Brin zu dem Konzern gemacht, der im vergangenen Jahr etwa 8,5 Milliarden Dollar an Gewinn einfuhr. Der 56-jährige Elektroingenieur verweist regelmäßig darauf, dass wir Menschen dank Computern, Smartphones und dem Internet nie mehr einsam sein werden, nie mehr gelangweilt, nie mehr ohne einen Schimmer, wo wir uns gerade befinden. Denn die Maschinen wüssten schließlich Bescheid: über unseren Standort, unsere Freunde, über unsere Interessen. Und das natürlich, vergisst Schmidt nie zu ergänzen – mit unserer Erlaubnis.

Es sind diese Passagen, die manche Menschen, die keine bedingungslosen Berufsoptimisten sind, befremden. Schmidt kommt nicht als unsympathischer Datensammler daher. Der eher unscheinbar wirkende Mann, der bei Google zum Milliardär wurde, ist schlagfertig und kann Menschen für sich einnehmen. Er ist ein Advokat der unbedingten Offenheit. In der Zeitschrift „Foreign Affairs“ schrieb Schmidt: „Demokratische Staaten müssen anerkennen, dass Bürger, die von Technologie Gebrauch machen, effektiver sein können, um Werte wie Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte zu verbreiten, als von Regierungen beschlossene Initiativen.“

Als Gesprächspartner waren Schmidt „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher und Norman Pearlstine, Manager des Wirtschaftsdienstes Bloomberg und Präsident der American Academy, an die Seite gesetzt worden. Doch Paroli boten Stipendiaten und Kuratoren wie die Politikwissenschaftlerin Ellen Kennedy. Schmidt hatte zuvor gesagt, er glaube daran, dass die Menschen im Kern gut seien. Nur ein paar Bösewichte gebe es, aber Gut werde Böse in seine Schranken verweisen. Wieso, fragte Kennedy, solle sie Schmidt angesichts der Geschichte des 20. Jahrhunderts glauben? Der Journalismusprofessor Todd Gitlin warf Schmidt ein naiv-dualistisches Weltbild vor, in dem ausgeschlossen sei, dass auch gut meinende Menschen Erfindungen machen, die Zerstörerisches bewirken können. Google sei Schmidts Religion, die wie alle Glaubensrichtungen ohne empirische Beweise auskommen müsse.

Man könne ihm zustimmen oder nicht, sagte Schmidt, doch empirisch betrachtet profitiere die Menschheit bisher vom Internet. Das Netz und die Geräte, die es zum Werkzeug machen, ermächtigen jeden Einzelnen, sich Gehör zu verschaffen und am Wissen der Welt teilzuhaben. „Wenn Sie eine nagelneue Villa in einem Land ohne Internetzugang und ohne Mobiltelefone finden, dann geht dort sicher etwas Böses vor“, sagte Schmidt. Er hatte damit die Lacher auf seiner Seite.

Was Zuhörer erstaunt, die nur eine vage Vorstellung vom technologisch Machbaren haben, ist die Gewissheit, mit der ein einflussreicher Manager wie Schmidt über die Segnungen der Forschung referiert. Für ihn ist es ausgemachte Sache, dass wir künftig unsere Erinnerungen in Supercomputern auslagern, Software unsere Autos steuert und im Jahr 2029 Speichermedien entwickelt sind, die nur 100 Dollar kosten und 600 Jahre Videomaterial in DVD-Qualität abspielen können. Nur: „Die Leute haben Probleme, diese Dinge und ihre Tragweite zu verstehen.“

Schmidt könnte in einer zweiten Amtszeit von US-Präsident Obama Handelsminister werden. Dazu äußerte er sich nicht. Vielmehr arbeite er gerade mit dem Google-Vordenker Jared Cohen an einem Buch, um seine Ideen differenzierter zu erklären. Noch seien seine Antworten nicht so gut, wie sie sein könnten. Da bricht wieder der Ingenieur durch, der Antworten wie Suchergebnisse optimieren will. „Vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen“, bedankte sich Schmidt. Christian Meier