Der Hoax des Postillon : Was #pofallagate über den Onlinejournalismus verrät

Auf Twitter spotten sie über Spotter, die über Satiremeldungen spotten, die über Nachrichtenmeldungen spotteten. Die Posse um Pofalla ist eigentlich normaler Netzalltag - und zeigt doch, wie weit sich Presse und Empfänger in der digitalen Beschleunigung verloren haben.

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An Tagen wie diesen: Angela Merkel und Ronald Pofalla in Vor-#Pofallagate-Zeiten im Bundestag
An Tagen wie diesen: Angela Merkel und Ronald Pofalla in Vor-#Pofallagate-Zeiten im BundestagFoto: dpa

Der Postillon prescht immer vorneweg. Denn der Postillon, ein historischer Beruf, ist Lenker einer Postkutsche. Wenn er in sein Horn blies, wusste die Crowd – ach nein, die Dorfgemeinde – dass es Neuigkeiten gab. Die musste man in der Regel ernst nehmen.

Auch heute gibt es noch einen Postillon. Er führt keine Kutsche und hat kein Horn. Stattdessen führt er ein Logo mit Posthorn und Eselskopf und ist ein Online-Satiremagazin. Auf seiner Seite stehen Artikel wie „Mehrere tausend Großeltern versehentlich mit altem Geschenkpapier weggeworfen“. Das sollte die Netzgemeinde – pardon, die Crowd – eigentlich nicht ernst nehmen.

Tat sie aber. Denn auch der digitale Postillon prescht gerne mal vorneweg. Als am Donnerstag mehrere Medien vermeldeten, der ehemalige Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) habe ein neues Engagement im Bahnvorstand, erlaubte sich der Postillon einen Scherz: Er veröffentlichte die passgenaue Agenturmeldung, datierte sie jedoch um einen Tag vor und tat, als hätten alle anderen Medien von ihm, also der Satireseite, abgeschrieben. Was war wahr, wurde nun falsch: der Pofalla-Hoax entstand.

Bisschen was für's Ego tun: "Der Postillon" nennt sich vorübergehend "Der Pofalla"
Bisschen was für's Ego tun: "Der Postillon" nennt sich vorübergehend "Der Pofalla"Screenshot: Tsp

Was tat nun die Crowd, die Pofalla-Meldungen auf Spiegel Online oder Tagesspiegel.de las? Sie hätte sich darüber amüsieren können, dass tatsächlich wahr wurde, was am (vermeintlichen) Vortag noch Satire war. So geschah es schon einmal mit "Wahnsinn!", dem Satireportal des Tagesspiegels: Da wurde im April gemeldet, BILD-Mann Nikolaus Blome werde neuer SPIEGEL-Chef. Und tatsächlich wurde er dann im August als Mitglied der Chefredaktion bekannt gegeben.

Vom Unwunsch zur Wirklichkeit – das hätten sich Online-Leser mit Blick auf den Kontext der Nachrichten- und Satireseiten auch bei Pofalla denken können.

#Pofallagate zeigt, dass das Netz klassischen Medien längst nicht mehr traut

Stattdessen kübelte die Netzgemeinde auf Twitter massig Häme über den „Mainstreammedien“ aus. Unter dem Hashtag #pofallagate wurde in tausenden Tweets der „Qualitätsjournalismus“ belächelt. Der Moderator Jan Böhmermann wollte wissen, ob nun übereilige Online-Journalisten ihren Schreibtisch räumen müssen. Und selbst Politiker wie Katrin Göring-Eckardt (Grüne) glaubten lieber dem Satiremagazin als dem einhellig-humorlosen Chor der Nachrichtenseiten. Mehrere Stunden dauerte das Twitter-Gezwitscher um Wahrheit oder Hoax. Am Ende dürfte sich nicht mal mehr Pofalla sicher gewesen sein, ob er nun zur Bahn wechselt. Erst spät klärte sich der Trick mit dem geänderten Datum auf.

Doch was sagt das über das Verhältnis von Presse und sozialen Medien? Dass die Netzgemeinde den Medien keine Recherche zutraut. Onlinejournalismus ist Abschreibejournalismus, Mutmaßungsjournalismus. Seriös ist er in den Augen der digitalen Leser kaum noch. Im Netz wird sich jeder selbst der Nächste, jeder schreibt sich selbst als Nächstem. Auch traditionelle Medien steigen immer öfter in diesen Kreislauf ein. Journalisten profitieren ja zuletzt davon, wenn sie Themen in den digitalen Durchlauferhitzer Twitter stecken. Ein wirkliches soziales Miteinander, ein Hinterfragen und Austauschen gelingt so nicht. Es ist leichter, auch ins Posthorn zu blasen, als dem Tuten anderer zuzuhören.

#Pofallagate ist daher ein Erfolg für das Satiremagazin Postillon. Aber auch eine Niederlage für klassische Medien – obwohl die alles richtig recherchiert hatten.

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