Medien : Der kaum erklärte Wahnsinn

„Weltspiegel“ und „Beckmann“ zum IS-Terror.

Richard Weber
Bildsprache. Martialisches geht oft vor Analyse – auch im ARD -„Weltspiegel“. Foto: AFP
Bildsprache. Martialisches geht oft vor Analyse – auch im ARD -„Weltspiegel“. Foto: AFP

Wer sind die islamistischen Fanatiker? Weltspiegel extra und Beckmann, ARD.

IS-Terror: Das bedeutet brutale Gewaltexzesse der radikalislamischen Miliz, tausende jesidische Flüchtlinge, Hinrichtungen, Massenmorde, Vergewaltigungen. Am Donnerstagabend sogar im TV-Doppelpack. Einmal „Weltspiegel extra“, einmal Beckmann-Talkrunde, beide mit dem Titel „IS: Wer sind die islamistischen Fanatiker?“. Einer der eher raren Momente, in denen das öffentlich-rechtliche Fernsehen beweisen könnte, was es noch kann. Weit weg vom nervigen Koch-Show-Einheitsbrei, vom abgestandenen Quiz-Plunder und von aufgetakelten Herzschmerz-Soaps. In den Redaktionszimmern von ARD und ZDF gibt es ihn scheinbar noch – den guten, alten Fernseh-Bildungsauftrag. Doch gute Absicht ist bei weitem nicht genug.

Zuerst der „Weltspiegel extra“. Aufklärung im altbekannten Beitragsstil. Beckmann moderiert an, damit sich der Zuschauer auch zurechtfindet. Hauptfrage: Wer sind die islamistischen Fanatiker? Annonciert wird ein Erklärstück. Gesendet wird letztendlich eine hektische Schnittorgie aus weinenden Frauen, explodierenden Autos, knatternden Maschinengewehren und zackigen Propagandavideo-Ausschnitten. Opfer-Theatralik. Denn eines hat auch der gut ausgebildete öffentlich-rechtliche Redakteur verstanden: Tränen vor der Kamera – das treibt die Quoten nach oben. Die aufgeregte Bilderfolge wird immerhin weniger erhitzt vertont. Doch der Sprecher spricht ständig – auch das ein ungeschriebenes Gesetz in Redaktionsbüros. Nur keine Stille, nur keine Redepause. Der Zuschauer ist ein scheues Reh, das bei zu langer Andacht gleich wieder weg ist. Der Beitrag dauert 15 Minuten. Dennoch gelingt ihm das Mirakel, alles, was wissenswert wäre – die Besonderheit des Jesidentums, der tödliche Hass zwischen Sunniten und Schiiten, die Finanzierung der Terrorgruppe – völlig unerklärt zu lassen. Nicht einmal die unterschiedlichen Bezeichnungen IS für „Islamischer Staat“ und ISIS für „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ werden aufgedröselt. Dafür laufen andauernd unmotivierte Redakteure mit blauen ARD-Mikrophonen durchs Bild. Sie kommen zwar nicht zu Wort, werden nicht vorgestellt,und haben auch sonst keinerlei Sinn. Stattdessen sind sie lebende Ausrufezeichen für eine sich immer weiter ausbreitende TV-Philosophie: Reporter müssen doch immer wieder mal vor der Kamera rumwuseln. Wer die islamistischen Fanatiker denn nun sind, bleibt dagegen unbeantwortet.

Dann der zweite Teil: Der Beckmann-Talk. Hier wird die versprochene Aufklärung eingehalten. Der Zuschauer erfährt, dass der Hass zwischen Sunniten und Schiiten keinen theologischen Grund hat. Stattdessen geht es um die seit langer Zeit unterschiedliche Ansicht darüber, wer über die Muslime herrschen soll: Kalif oder Imam? Besonders Nahost-Experte Jörg Armbruster zeigt, wie wohltuend es sein kann, wenn auch im Fernsehen jemand wirklich Ahnung vom Thema hat. Die beiden Politik-Vertreter, Philipp Mißfelder, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, und Michel Reimon, EU-Abgeordneter, sind ebenfalls beherrscht  und weit entfernt vom üblichen Parteien-Gezeter.

Während der ganzen Sendung ist Songül Tolan vom Zentralrat der Jesiden in Deutschland von der lebensbedrohlichen Gefahr ihrer Glaubensgemeinschaft im Irak betroffen. Doch irgendwann nervt diese Betroffenheit. Auch ihre Mittalker. Armbruster hat einen Vorschlag: Sunniten, Schiiten und Jesiden sollten gemeinsam in Deutschland gegen ISIS demonstrieren. Er wird noch provokanter. Ein gemeinsamer Protest von Sunniten und Schiiten in Kairo – nicht nur gegen Israel, sondern auch dort gegen ISIS. Leider wird die ARD in Ägypten nicht flächendeckend konsumiert. Richard Weber

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