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"Der Postillon" : Satireseite stiftet Verwirrung um Pofalla

Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla wechselt zur Deutschen Bahn - so stand es am Donnerstag auf nationalen Nachrichtenseiten. "Der Postillon" kontert, diese Meldung als Witz schon am Mittwoch selbst verbreitet zu haben. Viele glaubten der Satireseite. Auch Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt.

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Ronald Pofalla (CDU): Geht der Ex-Kanzleramtschef wirklich zur Deutschen Bahn?
Ronald Pofalla (CDU): Geht der Ex-Kanzleramtschef wirklich zur Deutschen Bahn?Foto: dpa

Die Zukunft von Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) schien am gestrigen Donnerstag eine überraschende Wendung zu nehmen: "Nach übereinstimmenden Medienberichten wird der CDU-Politiker in den Vorstand der Deutschen Bahn einziehen", hieß es bei Tagesschau.de. Ähnliches berichteten zahlreiche weitere Nachrichtenseiten, zumeist unter Bezugnahme auf Agenturen, die wiederum sichere Quellen oder Unternehmerkreise als Quellen nannten - auch der Tagesspiegel berichtete.

Da weder die Bahn noch Pofalla selbst bis zur Stunde Stellung bezogen, blieb die Quelle der Meldung im Dunkeln, was sich die Satireseite "Der Postillon" raffiniert zunutze machte. Man selbst habe Pofallas Wechsel zur Bahn "exklusiv" als Witz in die Welt gesetzt, verkündete das Online-Magazin am Abend auf Twitter und Facebook. Tatsächlich datiert ein Artikel mit den bekannten Informationen zum Pofalla-Wechsel auf der Postillon-Webseite auf den 1. Januar, also einen Tag bevor die Personalie öffentlich bekannt wurde. Daneben steht eine Meldung mit der Überschrift "Eltern verklagen Klinik, weil Kind hässlich ist", der aktuelle Seitenaufmacher titelt "Köln richtet erste Seniorenklappe ein".

Legte "Der Postillon" die Medien rein?

Ist also fast die gesamte Öffentlichkeit einer Satire auf den Leim gegangen, noch dazu von einer Seite, die so offensichtlich Absurditäten verkündet? Viele Postillon-Leser waren sich schnell einig und entluden unter dem Hashtag #Pofallagate ihren Zorn über die vermeintliche Dummheit der "Mainstream-Medien" in einem großen Twitter-Gewitter. "Liebe "Qualitätsjournalisten", kommentiert hämisch Tills Standpunkt, wenn " euch die Hitler-Tagebücher anbietet, dann zögert nicht!" Andere Nutzer sammelten Screenshots der Pofalla-Meldung von Spiegel Online oder der "Süddeutschen Zeitung" und wunderten sich, dass diese sie nicht vom Netz nahmen. Der Postillon verstärkte die Verwirrung noch, indem jemand in der Redaktion bei jedem Eintrag zum Thema auf den Retweet-Knopf drückte.

Selbst Politiker wie Katrin Göring Eckhardt (Grüne)glaubte der Satire. Die meisten großen Nachrichtenseiten meldeten sich zu später Stunde nicht mehr zu Wort und ließen ihre Pofalla-Meldungen stehen. Warum auch das Gezwitscher einer Satireseite dementieren? Auf Nachfrage des Tagesspiegels schrieb Göring-Eckardt per Mail: "Da ist dem Postillon im Netz ein Coup gelungen."

Postillon datierte Artikel zurück

Was ist also wahr? Recherchen im Webseiten-Cache bei Suchmaschinen stifteten eher noch mehr Verwirrung als Klarheit über das tatsächliche Erscheinungsdatum der Postillon-Meldung zu bringen. Den entscheidenden Hinweis gab um kurz vor halb zwölf Arne Henkes: "Erst den "Timestamp vom RSS-Feed checken > Ruhe bewahren", schrieb er. Und tatsächlich: Im automatischen RSS-Export aller Postillon-Publikationen ist bei der Pofalla-Gechichte der 2. Januar eingetragen. Die Postillon-Macher hatten den Artikel also rückdatiert.

Doch hatten die vielen Postillon-Leser so unrecht, einer Satireseite eher zu glauben als dem Chor der etablierten Medien? Es wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass dort voneinander abgeschrieben wird. Gut in Erinnerung bleiben die vielen Vornamen des Freiherrn zu Guttenberg, zu denen jemand bei Wikipedia einen "Wilhelm" hinzufügte. Bei der Vorstellung des neuen Wirtschaftsministers im Jahr 2009 wurde dieser falsche Vorname auf vielen Nachrichtenseiten zitiert.

Der Hoax um Ronald Pofalla wirft zugleich wieder einmal die Frage auf, wie sich die vielen digitalen Nachrichtenseiten und sozialen Netzwerke archivieren lassen. Bei Wikipedia lässt sich der Kampf um die Meinungshoheit in umstrittenen Beiträgen mit einem Klick auf die Versionen der Artikel schnell nachvollziehen. Dort ist jede Änderung über Jahre mit Datumsangaben verzeichnet. Millionen anderer Einträge auf Webseiten werden dagegen schnell vom digitalen Nirwana verschluckt, wenn Artikel geändert, gelöscht oder ganze Webseiten abgestellt werden. Einen Versuch gegen das digitale Vergessen unternimmt die Webseite The Internet Archive.

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