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Der Radiomorgen : Schunkel-Pop und Moderatorenwahnsinn

Laut einer aktuellen Media-Analyse hören die Deutschen immer weniger Radio. Ob es am Programm liegt? Unsere Autorin hat eingeschaltet, zur besten Sendezeit von 6 bis 8 Uhr. Ein Bericht von der Radio-Front.

Angie Pohlers
Nix für Morgenmuffel. Wer Radio hört, muss mitunter einiges über sich ergehen lassen.
Nix für Morgenmuffel. Wer Radio hört, muss mitunter einiges über sich ergehen lassen.Foto: dpa

6 Uhr

Tiefe Dunkelheit liegt über der Stadt, nur auf der anderen Straßenseite brennt in einer Wohnung Licht. Ob es Berlins Radiolandschaft gelingt, den Start in den Tag zu erleichtern? Den Anfang macht 104.6 RTL. „Hier ist Berlins Radio Nummer eins, gackert es fröhlich aus den Lautsprecherboxen. Arno und die Morgencrew kündigen die lustigste Morgensendung“ der Stadt an, im Hintergrund läuft ein stampfender Beat, Arno ist jetzt schon total aufgekratzt - kein Programm für Morgenmuffel. Arno versucht die Laune noch mehr zu heben und verspricht - wie immer morgens - Rechnungen von Hörern zu bezahlen. Ein Jingle wird eingeschoben, ein wahres Feuerwerk aus Musik und Soundeffekten, darauf folgt der Song „Uptown Funk“ von Mark Ronson und Bruno Mars. Ein paar Synthies, irre poppig, und sehr viel Bruno Mars. Da braucht es erstmal einen Kaffee, um als Hörer mithalten zu können. Im Anschluss geht es dann unerwartet ruhig zu: Adeles Schmuseballade „Someone Like You“ ertönt, wie soll man davon wach werden? Weiter geht wieder mit Arno, der seinen Co-Moderatoren Geschichten von seiner offenbar Castingshow-süchtigen Frau erzählt. Alle kichern wie verrückt. Ohne Vorwarnung wird ein Telefonstreich eingespielt - so etwas gibt es also tatsächlich immer noch.

6 Uhr 16

Vom privaten Programm geht es nun ins Öffentlich-Rechtliche zu Radio Eins. Lily Allens countrylastige Popnummer „Not fair“ legt ein recht flottes Tempo vor, sehr bunt, sehr zuckrig. Passt vermutlich besonders gut zu bunten, süßen Frühstückscerealien. „Der schöne Morgen“ mit Marco Seiffert und Tom Böttcher liefert direkt die Rubrik Bermudadreieck - versunkene Songs“ nach. Hörer können sich lange nicht gehörte Lieder wünschen. Obwohl nicht ganz in der Zielgruppe des Senders, hat sich eine Abiturientin per Mail gemeldet. Sie möchte die Aicha hören, ein Stück des algerischen Sängers Khaled, wie die Moderatoren erzählen. Nach Musik des US-Bluesrock-Duos The Black Keys kommt zum ersten Mal an diesem Morgen Werbung aus dem Radio: Nervenaufreibende Möbelhaus-Spots mit Hape Kerkeling. Eine Stimme krakeelt, dass das Angebot, nur noch diese Woche gilt, es folgen haarsträubende Jingles, die die Melodie von Dschingis Khans „Moskau“  aufgreifen. Wieso ist Radio-Werbung eigentlich so verdammt schlecht? Die Erlösung kommt mit den Nachrichten um halb sieben. Endlich ein wenig Realität, auch draußen wird es langsam heller. Der Bundestag stimmt um die Verlängerung des Hilfsprogramms für Griechenland ab, außerdem kommen Informationen zum BER-Terminplan, zu einem Streik der Busfahrer in Brandenburg, ein bisschen Sport und zum Abschluss Wetter und Verkehr. Zeit für einen Senderwechsel.

6 Uhr 35

Wie viele Berliner wohl Radio Paradiso kennen? Der Sender spielt vor allem ältere Hits aus den 1970er und 1980er Jahren, meistens geht es ziemlich soft zu. Entsprechend ist gleich das erste Stück die Schunkelnummer '74-'75 von den Connells. Wenn man schon mal bei schmusigen Klängen ist, warum nicht gleich James Blunt? Er plärrt ein hochemotionales Pop-Stück mit Gitarrenklängen. Man muss ihn schon mögen, um ihn morgens hören zu können. Die kompakten News starten nach Hausfrauengeschmack: Ein Beitrag kündigt die Verleihung der Goldenen Kamera an. Dann wird an die Plagiats-Affäre um den ehemaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg erinnert – in dieser Sache habe sich seitdem viel verändert, es gebe mittlerweile Programme, die Schummeleien in Uni-Arbeiten schnell aufdecken würden. Was daran neu sein soll, wird nicht klar. Die weiteren Nachrichten berichten von Holiday on Ice, einem öffentlichen Rebschnitt und der Neuauflage von„Entenhausen. Puh! Dann noch ein ziemlich interessanter Hinweis ohne weitere Erklärung. „Heute sollten sie unbedingt einen Fahrschein dabei haben, in der U5 und M13.“ Fahren James-Blunt-Hörer etwa für gewöhnlich schwarz? Wenn ja, ist das auf jeden Fall eine nützliche Information.

6 Uhr 43

Beim Inforadio des rbb beginnt gerade ein Nachrichtenblock: BER, Fußballergebnisse, Wetter. Sabine Dahl hat eine Stimme, die den Effekt eines Yoga-Kurses hat. Entspannt moderiert sie einen Korrespondenten-Bericht aus Athen an. Anschließend kommt die Rubrik „Lieblingsort“. Darin geht es um besondere Orte in Berlin und Brandenburg. Demnach ging es am Vortag mit 15 Hörern in den alten Potsdamer Landtag – ihre begeisterten O-Töne werden eingespielt.

6 Uhr 52

Draußen ist es fast taghell. Zeit also für ein kleines Wagnis, Zeit für Star FM, dessen Motto „Maximum Rock!“ einer Kampfansage gleicht. Doch es beginnt recht zahm mit einem Werbespot, darauf folgt Higher von Creed - Mainstream-Rock, der Fans der härteren Gangarten spalten dürfte. Dann ist eine weibliche Stimme zu hören, vermutlich die Moderatorin, das ist nicht ganz sicher. Sie spricht mit (aufgesetztem?) russischen Akzent über Gentrifizierung und macht sich darüber lustig, es handelt sich also vermutlich um einen Comedy-Schnipsel. Schließlich wird eine furchtbare Coverversion von Paula Abduls 1980er-Popklassiker „Straight Up“ gespielt. Stellt Star FM die Definition von Rockmusik zur Debatte? 

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