Der Schauspieler parodiert und kopiert : Michael Kessler: „Es geht um Realismus“

„Jahrhunderthaus“-Bewohner, Promi-Parodist: Ein Interview mit Michael Kessler über die Wesenskerne der Deutschen und der Deutsch-Prominenz.

Jan Freitag
Liebe in den 50er Jahren. Thomas Müller (Michael Kessler) überrascht seine Frau Anna (Ruth Blauert) mit einem Blumenstrauß.
Liebe in den 50er Jahren. Thomas Müller (Michael Kessler) überrascht seine Frau Anna (Ruth Blauert) mit einem Blumenstrauß.Foto: ZDF und Karsten Floegel

Herr Kessler, machen Sie mit Formaten wie „Kessler ist …“ oder „Das Jahrhunderthaus“ bloß Unterhaltung oder eine Art Inventur deutscher Mentalität?

Spannende Frage, hab ich mir noch nie gestellt, aber im Ergebnis könnte Letzteres durchaus zutreffen.

Verfolgen Sie mit Ihren Formaten generell größere Pläne?

Zwei, um genau zu sein. Der eine ist die Herausforderung, Information mit Unterhaltung zu verbinden, im Falle des „Jahrhunderthauses“ auch noch mit viel Maske, was bekanntlich gut zu mir passt. Der andere ist, das Publikum jenseits vom Einheitsbrei unterhaltsam zu überraschen und somit ans Fernsehen zu binden.

Klingt, als sei der Entertainer am Ende doch wichtiger als der Aufklärer.

Grundsätzlich mag das so sein, aber es gibt bei mir in der Regel auch immer stille, gar traurige Momente. Die Wahrhaftigkeit der „Nachttaxe“ oder von „Kesslers Expedition“ findet sich auch in der Alltagsbeschreibung des „Jahrhunderthauses“ wieder.

Zum Wesenskern der Dinge vordringen

Ein Altbau, mit dem Sie samt Familie die 20er, 50er und 70er Jahre durchleben.

Und das mag in seiner Aufmachung Entertainment oft näher sein als purer Information. Mein Anspruch ist es, am Beispiel dieses Hauses wie auch anderer Formate über die Fassade zum Wesenskern der Dinge vorzudringen, in diesem Fall der deutschen Gesellschaft, im anderen ihrer prominenten Bewohner. Es geht da viel um Reduktion, eine Art Essenz.

Haben Sie im „Jahrhunderthaus“ diesen Wesenskern der Deutschen entdeckt?

Häuslichkeit, Familie und wie beides auf engstem Raum ausgestaltet wird. Während Spanier oder Griechen viel vor der Haustür leben, tun wir es eher dahinter; das hat vor allem mit unserer Abschottungsmentalität zu tun.

Parodieren Sie die?

Nein, ich verkörpere sie eher, auch wenn es hier und da humoristische Elemente gibt. Es geht uns um Realismus.

Machen Sie generell einen Unterschied zwischen Parodie und Verkörperung?

Definitiv. Die Erarbeitung einer Figur läuft zwar ähnlich; bei der Parodie suche ich aber nach Schwächen und verstärke sie, bei der Verkörperung nach Eigenarten und empfinde sie nach. Es gibt da eine Art Weiche, die einen irgendwann nach links oder rechts lenkt.

Wann haben Sie Ihr Talent zur Parodie oder wie bei „Kessler ist …“ zur Kopie entdeckt?

Nicht als Kind jedenfalls, sondern bei der Arbeit. Bis zur „Schillerstraße“ etwa war mit nicht bewusst, improvisieren zu können, so wie mir bis zu „Switch“ unklar war, parodieren zu können. Ich neige dazu, Unbekanntes auszuprobieren, und habe das Risiko zu scheitern nie gescheut.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Charaktere aus – Verfügbarkeit, Relevanz, Liste?

Zunächst mal Ersteres, denn der Prominente muss Interesse an dem Experiment haben und sich vom Willen als auch von der Zeit her darauf einlassen. Darüber hinaus gibt es natürlich Wunschkandidaten. Ich wollte immer einen Politiker spielen und bin deshalb extrem froh, dass mit Gregor Gysi jetzt einer mitmacht.

Spiegeln Ihre bisherigen Kopien die deutsche Gesellschaft so gut wider, dass sie gut ins „Jahrhunderthaus“ passen würden?

Warum nicht? Wobei es von Vorteil wäre, wenn sie wie die Durchschnittsdeutschen Müller hießen. Deshalb kommen ja auch Namensvettern wie Nelson oder Richy zu Wort.

Wer fehlt in Ihrer Kopien-Sammlung noch dringend?

Ich bin prinzipiell auf alle neugierig, je abwegiger, desto besser.

Dürfte es einer der Ottonormalverbraucher aus dem „Jahrhunderthaus“ sein?

Thomas Müller wäre mal schön

Einen Thomas Müller meinen Sie?

Da gäbe es gerade eine leibhaftige Mischung aus Durchschnitt und Prominenz.

Der Fußballer hat nur garantiert nicht drei Tage Zeit für uns. Aber falls doch, wäre er natürlich perfekt. Denn die Person sollte schon etwas im Publikum auslösen und ihm ebenso wie mir somit die Chance eröffnen, das vorhandene Bild von ihr zu bestätigen oder zu widerlegen. Ersteres finde ich okay, Letzteres richtig toll. Dennoch finde ich die Idee, völlig Ungekannte zu kopieren, gar nicht so schlecht. Anfragen gibt es da genug.

Was geht noch mit dem „Jahrhunderthaus“ – ließe sich das noch erweitern?

Das Jahrtausendhaus oder noch weiter zurück, Richtung Steinzeit. Theoretisch.

Das Interview führte Jan Freitag.

„Das Jahrhunderthaus“, ZDF, Dienstag, 20 Uhr 15

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