Medien : Der schmutzige Held

„24“, die vierte Staffel: Jack Bauer rettet die USA und lädt kolossale Schuld auf sich

Matthias Kalle

Am Ende der letzten Staffel, als der Job nach 24 Stunden wieder einmal getan war, sahen wir Jack Bauer allein in seinem Auto. Er saß dort, nachdem er wieder – zum dritten Mal – die Welt gerettet hatte und dabei Menschen folterte und erschoss und gegen die Sehnsucht nach dem Heroin ankämpfte, denn aus Jack Bauer war ein Junkie geworden. Er saß in seinem Auto und brach zusammen, er heulte, er war fertig mit sich und der Welt. Und wir Zuschauer saßen fassungslos vor dem Fernseher, denn eine ähnliche Szene hatten wir in einer Serie – selbst in dieser – noch nie gesehen. Und ein wenig brachen auch wir bei diesem unglaublichen Fernsehmoment zusammen und fragten uns: Was soll eigentlich noch kommen?

Es kommen, natürlich, noch einmal 24 Stunden in 24 Folgen, sie beginnen heute auf RTL 2, es ist die vierte Staffel, in den USA ist es die bisher erfolgreichste, die fünfte Staffel startet dort am Sonntag, die sechste wird gerade gedreht, ein Ende ist nicht in Sicht, die Macher sagen, dass die Handlung sie treibt, nicht umgekehrt.

Und in der vierten Staffel treibt einen die Handlung schon zu Beginn schier in den Wahnsinn: Ein Zug entgleist, einem Passagier wird dabei ein Koffer geklaut, während ein Software-Spezialist entdeckt, dass irgendwer einen Computerwurm im Internet platziert, der das gesamte Netz lahm legen könnte – gibt es da einen Zusammenhang? In der Anti-Terror-Einheit CTU sucht man danach, allerdings ohne Jack Bauer, der ist jetzt Berater des Verteidigungsministers, hat eine Affäre mit dessen Tochter und ist nur deshalb an seiner alten Arbeitsstelle, um mit der neuen Chefin Budgetverhandlungen zu führen.

Nebenbei hilft er jedoch, den mutmaßlichen Drahtzieher des Zugunglücks zu verhaften, und als der im Verhör nichts sagt, kommt Bauer, schießt ihm ins Bein und erfährt so, dass der Verteidigungsminister und seine Tochter in diesem Moment entführt werden. Das alles passiert in 40 Fernsehminuten, ohne Atempause, und es wird noch schlimmer, was in dem Fall ja „besser“ heißt. Und vor allem wird sofort zu Beginn eine Frage gestellt, die die Serie immer begleiten wird: Die Frage, wie weit man gehen darf, um Menschen zu retten, ob man foltern darf, was man bereit ist zu tun, welche Grenzen man überschreiten kann, darf oder muss.

Folter ist verboten. Das steht in Artikel 5 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, das steht in Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonventionen und in Artikel 1 des UN-Übereinkommens gegen Folter aus dem Jahr 1984. Als im September 2002 der stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident Wolfgang Daschner dem damals mutmaßlichen Entführer des Bankierssohns Jakob von Metzler Folter androhte, um zu erfahren, wo das Kind steckt, waren sich fast alle Strafrechtsexperten einig, dass Daschner damit eine Grenze überschritten hatte. Die Methoden des amerikanischen Geheimdienstes CIA, die Vorgänge in irakischen Gefängnissen, die Behandlung von Gefangenen in Guantanamo – all das verleiht „24“ eine Aktualität und eine Relevanz, wie sie kaum eine Serie zuvor hatte.

Jack Bauer hat andauernd das so genannte „ticking bomb scenario“ vor Augen: Es gibt irgendwo eine Bombe, viele Menschen werden sterben, er muss diese Bombe finden, egal wie. Wenn er also foltert, dann vielleicht einen Unschuldigen, wenn er nicht foltert, kann alles zu spät sein – eine „tragic choice situation“: Bauer lädt Schuld auf sich, egal, wie er sich entscheidet.

„Das Verbrechen, das wir in uns tragen, muss sich gegen uns selbst richten. Nicht gegen andere.“ Diesen Satz schrieb der Nobelpreisträger J.M. Coetzee in seinem Roman „Warten auf die Barbaren“ aus dem Jahr 1980. Es geht in dem Buch um Folter und um Unmenschlichkeit und um das, was man anderen antun kann, wozu man fähig ist. Jack Bauer ist zu allem fähig. Auf Befehl des Präsidenten erschießt er seinen Vorgesetzten, Terroristen verlangen es; einem Zeugen schneidet er den Kopf ab; er tötet und foltert und einmal, als ein mutmaßlicher Terrorist in einem Verhör schweigt, zeigt er ihm eine Übertragung: Seine Frau und seine Kinder sitzen geknebelt und gefesselt auf Stühlen, US-Agenten zielen auf sie. Als der Terrorist immer noch nicht redet, befiehlt Bauer, das jüngste Kind zu erschießen, da erst bricht der Terrorist sein Schweigen. Nach ein paar Minuten erkannte der Fernsehzuschauer zwar, dass die Szene mit der Familie von Bauer nachgestellt wurde – der Schock darüber blieb. In einer Szene der neuen Staffel sieht Bauers Freundin dabei zu, wie er foltert, wie er völlig die Kontrolle verliert. Als Bauer erkennt, was das mit ihr macht, schreckt er zurück – vor sich selbst. Es ist eine der vielen Szenen, die für den Zuschauer beinah unerträglich sind.

Überhaupt überfordert die Serie „24“ den Zuschauer permanent, denn eigentlich ist sie für das Fernsehen völlig ungeeignet, der Sender RTL2 hat immer noch keine Idee, wie er die 24 Folgen am besten senden könnte. Am besten gar nicht, denn „24“ ist die erste Serie, die eigentlich nur als DVD funktioniert: Man beginnt damit Freitagabend, stellt die Türklingel und das Telefon aus, macht nichts außer Schauen und Schlafen, und irgendwann Sonntagnacht hat man es dann geschafft. Warum es nur so funktioniert? Das liegt an der Rasanz in der Dramaturgie, an der Vielzahl der auftretenden Personen, daran, dass nichts sicher ist, dass man niemandem in dieser Serie vertraut, sondern im Gegenteil jedem alles Schlechte dieser Welt zutraut. Diese Serie hält keine Verschnaufpausen bereit, sie lässt keine Reflexion zu. Vor allem bietet sie aber auch keine Hoffnung, nie, nicht mal am Ende wendet sich etwas zum Guten.

In der zweiten Folge der vierten Staffel sitzt Bauer mit einem CTU-Agenten im Auto, sie wollen einen Zeugen abholen, die Bedrohung rückt näher, die Zeit rennt. Der Agent fragt Bauer, ob er nach all den Jahren jetzt endlich etwas gefunden habe, warum es sich zu leben lohnt. Und obwohl die Kamera in diesem Moment das Gesicht seiner neuen Freundin zeigt, weiß man: der Beginn dieser neuen 24 Stunden ist das, wofür es sich für ihn zu leben lohnt – obwohl (oder weil?) er sich immer weiter auf den Abgrund zubewegt. Das Verbrechen, das Jack Bauer in sich trägt, ist kolossal.

Und wir, die Fernsehzuschauer, wir sehen dabei zu, wie es den Mann zerstört. Denn das ist die eigentliche Geschichte der Serie: Der stetige Untergang des modernsten Helden, den das Fernsehen je hervorgebracht hat.

„24“: Heute und am Samstag laufen auf RTL 2 ab 20 Uhr 15 jeweils drei Folgen, in den kommenden Wochen wird „24“ immer samstags mit einer Doppelfolge gezeigt.

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