Der SS-Mann und der Jude : Unser Freund, der Nazi

Der SS-Mann Leopold von Mildenstein und die Familie Tuchler: "Die Wohnung", eine Dokumentation über eine deutsch-jüdische Beziehung, die eigentlich nicht wahr sein dürfte und die an einem Tabu rüttelt.

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Buddy-Bär. Kurt Tuchler nach Holocaust und Krieg zu Besuch in Berlin. Foto: SWR
Buddy-Bär. Kurt Tuchler nach Holocaust und Krieg zu Besuch in Berlin. Foto: SWRFoto: SWR/Zero One Film

„Nur die Gegenwart zählt“, wehrt die Mutter ab, aber da hat ihr Sohn sie schon in die Falle gelockt. Angeblich ist er, der Filmemacher Arnon Goldfinger, selbst völlig ahnungslos in die Wohnung seiner vor drei Monaten verstorbenen Großmutter Gerda Tuchler in Tel Aviv gekommen.

Er wollte, sagt er im Off, ein letztes Mal diesen Geruch verspüren, der von den alten deutschen Büchern ausging, die nun bald entsorgt werden. Der herbeigerufene Antiquar hat an ihnen wenig Interesse, wer liest hier schon Shakespeare und Goethe auf Deutsch. In dieser Wohnung sprach und las man nur deutsch.

Unter den deutschen Papieren, die Frau Goldfinger mit spitzen Fingern anfasst, findet sich ein Blatt, das Mutter und Sohn den Atem stocken lässt: 1933 berichtet ein Leopold von Mildenstein in Goebbels Kampfblatt „Der Angriff“ von einer Reise durch das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Insgesamt waren es zwölf Fortsetzungen.

„Diese neuen Juden werden ein neues Volk“, heißt es einmal in der Propagandaserie für die Abschiebung der deutschen Juden nach Nahost. Wer den „Angriff“ abonniert hatte, bekam eine Plakette mit einem Hakenkreuz auf der einen und einem Zionsstern auf der anderen Seite gratis ins Haus. Eine davon liegt unter Tuchlers Souvenirs.

Ein halbes Dutzend Koffer ungebrochener Reiselust

Niemand in der Familie wusste etwas über Leopold von Mildenstein, NSDAP-Mitglied seit 1929, Mitglied der SS seit 1932, niemand, dass Kurt Tuchler ihn auf seiner viermonatigen Reise als Ratgeber begleitet hatte, bevor er, seine Frau Gerda und die kleine Tochter ins spätere Israel auswanderten. Auch die Frauen waren miteinander gut befreundet. Einige Zeit nach dem Krieg traf man sich ein paar Mal in der Bundesrepublik wieder, wo Leopold von Mildenstein, der 1936 seinen Posten als Leiter des Judenreferats im Sicherheitsdienst der Gestapo an Adolf Eichmann hatte abgeben müssen und bis Kriegsende als Abteilungsleiter im Propagandaministerium fungierte, als deutscher PR-Berater des Coca-Cola-Konzerns erneut sicher im Sattel saß. Ein Fotoalbum zeugt von schönen gemeinsamen Stunden, ein halbes Dutzend Koffer von ungebrochener Reiselust.

Arnon Goldfinger inszeniert seinen Film wie einen Krimi. Er sammelt Beweisstücke, um sie dann der Mutter unter die Nase zu halten. Bei der ähnlich ahnungslosen Tochter Mildensteins in Wuppertal führt er sich als harmloser Besucher mit einem Blumenstrauß ein, um dann Stück für Stück an der Vaterlegende zu kratzen.

Der Film rüttelt an einem Tabu

In Berlin, ein Schwenker des Films, stehen Mutter und Sohn gemeinsam vor einem Stolperstein und suchen auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee nach einem Grab – letzte Zeugnisse verstorbener, ermordeter Verwandter. Zu ihnen gehört auch Arnon Goldfingers Urgroßmutter, die Berlin nicht hatte verlassen wollen und 1942 im Vernichtungslager in Riga ermordet wurde. Nun liest Goldfingers Mutter zum ersten Mal die Briefe, die sie den Kindern vor der Deportation schrieb.

„Das wurde immer beunruhigender“, bekennt der Autor. Denn der Film, eine israelisch-deutsche Koproduktion, rüttelt an einem Tabu. Dass viele aus Deutschland geflohene Juden ihre Gewohnheiten und ihre Sprache in Israel nicht aufgeben wollten, ist bekannt. Dass es aber eine Freundschaft zwischen zur Auswanderung gezwungenen Juden und deutschen Vordenkern der Vertreibung überhaupt hatte geben können und diese nach dem Holocaust sogar erneuert wurde, kommt fast einem Ärgernis gleich. Der Denkanstoß des Films sitzt.

„Die Wohnung“, ARD, Dienstag, um 22 Uhr 45

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