Der Tanten-Schreck : Nix für Madames

Hochglanz und Hundewelpen: "Fräulein" will die Frauenmagazine aufmischen

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Unschuldig und sexy zugleich können Fräulein heute sein, meinen die Macher des Magazins. Auf dem Cover ist Ambra Medda.
Unschuldig und sexy zugleich können Fräulein heute sein, meinen die Macher des Magazins. Auf dem Cover ist Ambra Medda.Foto: Promo

Als junge Frau musste Josephina Haas im langen Rock Tennis spielen, nackte Beine waren tabu. Doch weil sie schneller über den Platz flitzen wollte, als sie durch die Kleiderordnung konnte, schnitt sie den Rock kurzerhand ab – ein Skandal in dem Tennisclub in der Nähe von Aachen. Heute ist Josephina Haas 95 und Großmutter von Götz Offergeld, einem der umtriebigsten Magazin-Macher in Berlin. Er erzählt die Geschichte seiner Großmutter, die er ein Fräulein nennt. Weil sie schon damals so selbstbewusst und emanzipiert war, wie es heute die Frauen sind, die über den altmodischen Titel lächeln. Was für die Großmüttergeneration nach Unterdrückung klang, hört sich für ihre Enkelinnen und Urenkelinnen nur noch nach Augenzwinkern an.

Für diese Generation von Frauen macht Offergeld, 37, jetzt das Magazin „Fräulein“, zwei Euro kostet es und liegt ab Mittwoch am Kiosk. Nachdem er mit dem Magazin „Liebling“ die Kultur- und Modeszene begeisterte, vor zwei Jahren mit „Intersection“ ein Hochglanzblatt für Autofans und kürzlich das Kinderheft „Anorak“ startete, will er mit „Fräulein“ nun den zuletzt wenig beweglichen Markt der Frauenzeitschriften aufmischen.

Seit Jahren wagt es kein großer Verlag, „Glamour“, „Instyle“, „Cosmopolitan“ & Co eine neue Konkurrentin an die hochhackigen Fersen zu heften. Der Klambt-Verlag brachte mit „Grazia“ lediglich eine Adaption des englischen Originals heraus. An innovativen Ideen mangelt es vermutlich auch, weil Mode, Models, Make-up und Männergeschichten zwar wahnsinnig wichtige, aber auch stets die gleichen Themen sind. Zwar erfreuen Magazine wie „Love“ oder „Purple“ mit kunstvollen Fotostrecken, aber wo’s die Jeans gibt, die Katie Holmes neulich trug, verraten sie nicht.

Offergeld will mit „Fräulein“ nun beides kombinieren, ein serviceorientiertes Blatt machen, das trotzdem cool ist. „Eine Mischung aus klassischem Frauenmagazin und Fanzine“, sagt Offergeld. Im ersten Heft gibt es Gespräche mit Machern aus dem Musik- und Modebusiness wie Sängerin Karen Elson oder Designer Kostas Murkudis, von dem ein Schnittmuster abgedruckt ist, eine Reportage über die Israelin Yael Armanet-Chernobroda, die ihren Mann bei einem Selbstmordanschlag verlor, eine Hochzeitsstrecke, in der die Bräute ganz und gar nicht fräulein- oder damenhaft aussehen, dazu ein Abgesang auf das angebliche Anti-Fräulein Kate Moss – und weil Ironie bei einem Magazin aus Berlin-Mitte offenbar nicht fehlen darf: 20 Hundewelpen, die in Tierheimen auf neue Besitzerinnen warten.

Nicht nur deshalb fällt „Fräulein“ unter all den doppelten Lottchen am Kiosk auf. Es ist Offergeld und seinem Team gelungen, sich auf Frauenthemen zu fokussieren und dabei die üblichen Diät-, Sex- und Lebenshilfetipps auszulassen. Dafür gibt’s eine Anleitung, wie aus einem Hermès-Tuch ein Gürtel wird, ein Kurzlexikon über Blumensorten, und das 29-jährige Covergirl Ambra Medda, Gründerin der Möbelmesse Design Miami/Basel, philosophiert über die jungen Mädchen von heute.

Die Chance von „Fräulein“ ist, sich jenseits von Schnelligkeit und Masse, auf die die großen Frauentitel abzielen, zu etablieren. „Fräulein“ ist eine ausgeruhte Stilexpertin, die selbst die das Netz nach Must-Haves durchforstenden Blog-Leserinnen für Papier gewinnen dürfte. Auch wenn noch mehr Geschichten und weniger Bilder dem Heft guttun würden.

Kurz vorm Start hatte „Fräulein“ noch einmal umplanen müssen. Ursprünglich hatte das Magazin der „Madame“, dem tantigen Titel aus dem Madame-Verlag, beigelegt werden sollen. Doch vor Andruck sollten 32 der 160 Seiten von „Fräulein“ gekürzt werden, sagt Offergeld. Das wollte er nicht mitmachen, der Verlag Off One’s Rocker macht „Fräulein“ jetzt alleine. 50 000 Hefte gehen an die Kioske, ob das Magazin vier oder sechs Mal im Jahr erscheint, wird Ende November je nach Verkaufserfolg entschieden.

Dabei schielen die Macher nicht nur auf die weibliche Zielgruppe, sondern auf dem Cover kokettiert „Fräulein“ damit, „das Frauenheft, das Männer lieben“ zu sein. Zumindest ist eine Modestrecke für männliche Leser drin. Und sicher schauen sie sich auch das handgeschriebene Rezept für den Apfelkuchen an, das Offergelds Großmutter beigesteuert hat. Schließlich dürfen Fräulein heute in kurzen Röcken Tennis spielen und Herren Kuchen backen.

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