Der US-Präsidentenmacher : Netflix zeigt Roger Stone als gewissenlosen Berufszyniker

Eine Netflix-Doku porträtiert Spin-Doctor Roger Stone, der dabei half, Richard Nixon, Ronald Reagan und Donald Trump ins Präsidentenamt zu hieven.

Jan Freitag
PR-Profi Roger Stone hat neun republikanische Präsidentschaftsanwärter begleitet und dabei einigen demokratischen Kandidaten geschadet.
PR-Profi Roger Stone hat neun republikanische Präsidentschaftsanwärter begleitet und dabei einigen demokratischen Kandidaten...Foto: Barbara Nitke/Netflix

Die Macht ist ein komisches Wesen. Sie ignoriert alle Regeln, um die eigenen durchzusetzen. Sie nährt sich von Angst und will doch geliebt werden. Sie thront hoch droben im Elfenbeinturm, genießt aber das Bad in der Menge am Boden. Die Macht ist demnach nichts für Prinzipienreiter. Umso mehr ist sie etwas für jemanden, der es mit Prinzipien ungefähr so hält: „Ich bin wie ein Jockey auf der Suche nach dem schnellsten Pferd.“

So beschreibt sich in der Netflix-Doku „Get Me Roger Stone“ ab heute ein prinzipienloser Machtmensch, den hierzulande kaum einer so gut kennt wie sein derzeit erfolgreichstes Produkt: Donald Trump. Für dessen Weg ins Weiße Haus nämlich war der Titelheld mindestens mitverantwortlich. Um das zu zeigen, widmen Morgan Pehme, Daniel DiMauro und Dylan Bank Amerikas mächtigstem Spin-Doctor ein furioses Porträt. Wobei sie Roger Stone so unverblümt als gewissenlosen Berufszyniker skizzieren, dass er sein Porträt normalerweise mit Klagen überziehen müsste. Aber was ist schon normal an diesem Mann …

„Ich bin so aufgeregt“, sagte er vor der Premiere auf De Niros Tribeca-Festival, und es war nicht so ganz klar, was der 64-Jährige damit meint: Den Film oder die Tatsache, den roten Teppich am Abend mit der lasziven Fox-Moderatorin Kimberley Guilfoyle abschreiten zu dürfen. Vermutlich beides. Schließlich ist ihm nicht allzu viel heilig – bis auf seinen Ruf als viriles Alphatier ohne Skrupel, aber mit Sex Appeal. So präsentiert ihn der Film denn auch in 100 Minuten als ergrauten Dandy, der auf Konventionen spuckt, sofern sie sein riesiges Ego nicht noch mehr aufblasen. Kein Wunder: Seit seiner siegreichen Kampagne für Richard Nixon 1969, den er sich sodann auf den Rücken tätowieren ließ, hat der wendige PR-Profi neun republikanische Kandidaten ins Stahlbad der Präsidentschaftswahlen begleitet und einen Ronald Reagan zum mächtigsten Mann der Welt gemacht.

Stone sah Trumps Potenzial schon vor 30 Jahren

Sein Meisterstück jedoch ist ein anderes. Schon vor 30 Jahren, als Donald Trump wirtschaftlich zwar versagt, aber auf dem Boulevard der Eitelkeiten geglänzt hatte, sah Stone das populistische Potenzial des Immobilien-Erben und baute ihn sukzessive zum US-Präsidenten auf. So wichtig der sinistre Steven Bannon im Weißen Haus auch sein mag; reingebracht hat ihn sein Berater aus der New Yorker Nachbarschaft. Markenzeichen Hornbrille, Hut, Maßanzug. Ein systemtreuer Dandy jenes Washingtoner Machtzirkels, den Trump angeblich doch so verachtet.

Denn tatsächlich, das zeigt der Film in einer sorgsam recherchierten Reise durch die schillernde Existenz des selbst ernannten „Agent Provocateur“, ist jeder Grundsatz, jede Maxime, jedes Ideal der zwei seelenverwandten Machtmenschen immer nur so viel wert wie der nächste Schritt auf ihrer Karriereleiter himmelwärts. Stones krude Verschwörungstheorie des Mordes an seinem frühkindlichen Vorbild John F. Kennedy durch dessen Parteikollegen (und Amtsnachfolger) Lyndon B. Johnson gehört da ebenso ins dicht gewobene Gespinst aus Gerüchten, Lügen, Durchstechereien wie ein bizarres Sachbuch über „The Clintons’ War on Women“, mit dem er schon 2015 den Ruf von Trumps Rivalin ramponierte.

Welcher sachkundige Beobachter den Hütchenspieler des Einflusses vor der Kamera auch beschreibt – stets hagelt es da Worte anerkennender Abneigung von der „modernen Filz-Wand“ bis „Washingtoner Machiavelli“. Doch so selbstverliebt, wie sich der politische Rowdy mit dem feinen Geschmack über knapp zwei Stunden gibt, wenn er seinen Mittelfinger aus rasendem Sportwagen streckt oder die Wahrheit zum Hindernis wahrer Größe erklärt, empfindet er solche Worte gewiss als Lobhudeleien. Und warum auch nicht? Der Erfolg gibt ihm recht – und Macht. Immer mehr davon. Bis keiner mehr weiß, wer eigentlich gerade Präsident der USA ist: Donald Trump? Roger Stone? Oder derjenige, den er danach zu dessen Nachfolger macht? Das Projekt dürfte längst in Arbeit sein. Jan Freitag

„Get Me Roger Stone“, Netflix, ab Freitag

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