Medien : Der Witz ist: ARD und ZDF brauchen die Schleichwerbung

Joachim Huber

über den Selbstbetrug der Öffentlich-Rechtlichen Die ARD hat eine Clearing-Stelle gegen Schleichwerbung in ihren Programmen eingesetzt. Das ist so ehrenwert wie merkwürdig. Ehrenwert, weil die Sender der ARD auf keinen Fall länger „schleichwerben“ wollen. Merkwürdig, weil der Senderverbund ohne Clearing-Stelle offensichtlich das Ende der Praktiken nicht garantieren kann. Dass Tag für Tag weitere Details über Korruption, geldwerte Schleichwerbung und Verkauf von Programmen und Programm-Elementen an Dritte bekannt werden, zeigt, wie hinfällig die lange beschworene Einzelfalltheorie bei der Bavaria Film ist. Die Schleichwerbung ist ein System im öffentlich-rechtlichen System von Rundfunk und Fernsehen (dass die sonst so schreihälsigen Konkurrenten der Privatsender so stille sind, hat den nämlichen Grund).

Warum ARD und ZDF von und mit der Schleichwerbung leben? Die legalen Einnahmen von Gebühren, Werbung und Sponsoring – jährlich satte acht Milliarden Euro – reichen nicht aus, um die beinahe sechzig Radioprogramme und über zwanzig Fernsehkanäle von ARD und ZDF zu finanzieren. Seit dem Beginn der privaten Konkurrenz sind ARD und ZDF von zwei Defekten befallen: Omnipräsenz und Omnipotenz. Jedem privaten Kanal – vom Kinderprogramm bis zum Nachrichtenkanal – musste eine öffentlich-rechtliche Alternative gegenübergestellt werden. Die dritten ARD-Programme wurden Vollprogramme, der BR ließ sich noch den Bildungskanal Alpha einfallen, ein digitales Bouquet musste her, alles und alle im 24-Stunden-Betrieb. Allein in den Jahren 1992 bis 2002 haben sich die gesendeten Fernsehminuten von ARD und ZDF verdreifacht. Selbst so ein schwachbrüstiger Sender wie der Rundfunk Berlin-Brandenburg meint, er müsse sieben Radioprogramme fahren. Zusätzlich sind die Programmkosten in vielen Bereichen mit dem Sport an der Spitze nachgerade explodiert.

Zu beklagen gibt es da nichts, festzuhalten ist: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland lebt über seine (Programm-)Verhältnisse. Ob Fiktion, Sport, Ratgeber, dringend werden geldwerte Leistungen benötigt, ansonsten ist der Moloch nicht satt zu bekommen.

Die Untersuchungshäftlinge Jürgen Emig und ein Wilfried Mohren haben das System nur zu Ende gedacht: Wer seinem Sender günstig Programm beschafft, der hat erst einmal Finanzierungslücken geschlossen und kann sich über Jahre den Zehnten abschneiden. Emig und Mohren sind nach dem Stand der Dinge kriminell, weil korrupt, aber wie die Springflut ständig neuer Schleichwerbungsfälle offen legt, bewegen sich in dieser Grauzone nicht wenige Drittmitteleinwerber.

Die juristischen und die medienpolitischen Aspekte einmal beiseite geschoben: Was schadet es dem Zuschauer und Gebührenzahler, wenn die Lottoshow von der Lottogesellschaft bezahlt wird, ein Soap-Darsteller die Vorzüge der Azubi-Ausbildung bei Sparkassen preist, wenn Ausstattung und Autos gestellt werden? Erst einmal muss keiner Danke sagen, wenn die nächste Gebührenerhöhung geringer ausfallen kann, weil Teile des öffentlich-rechtlichen Programms bereits von Teilen der deutschen Wirtschaft bezahlt worden sind. Wer überweist seine Gebühren an die öffentlich-rechtlichen Sender, damit er kommerzielles Fernsehen dafür bekommt? Das Publikum erwartet nicht Sat1 und RTL, wenn ARD und ZDF draufstehen.

Es ist unbestritten, dass der Zuschauer und Zuhörer andere – und vor allem weniger! – Programme einschalten wird, sobald die gängige Praxis der Schleichwerbung rigoros unterbunden wird. Insbesondere betroffen wären die Unterhaltungsshows, Serien und Filme – und der Servicesektor (von Aalräucherei bis Zylinderstift). Um so klarer würde die hoffentlich nicht vom Morbus befallene Kernkompetenz der journalistischen Information, ja sogar der Bildung hervortreten. Naive Hoffnung? Und wie! Aber immer noch besser als der Irrglaube, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre Zuschauer nicht an Teppichbödenhersteller, Pillendreher und Handyproduzenten verhökert hätten. Sie haben sie verhökert, und sie haben die Zuschauer dabei für dumm verkauft. Das wird, vielleicht, vergeben, vergessen wird es nicht.

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