Deutsche Journalisten in der Türkei : Arbeitsverhinderung im Erdogan-Reich

Haft, keine Akkreditierung, Einreiseverbot: zur Lage der deutschen Korrespondenten in der Türkei.

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Proteste in Deutschland lassen den türkischen Staatspräsidenten Erdogan kalt.
Proteste in Deutschland lassen den türkischen Staatspräsidenten Erdogan kalt.Foto: dpa

Mit Hasnain Kazim und einem Zitat, das nicht gefiel, hat es angefangen. „Scher dich zum Teufel, Erdogan“, sagte ein türkischer Arbeiter dem „Spiegel“-Korrespondenten in der Bergbaustadt Soma im Mai 2014, am Tag nach dem schwersten Minenunglück in der Geschichte der Türkei. Kazim wird Ziel einer Rufmordkampagne türkischer Regierungsanhänger in den sozialen Medien. Im Frühjahr 2016 gibt es keine Akkreditierung mehr. Kazim arbeitet mittlerweile von Wien aus.

Seit dem Putsch 2016 hat sich die Lage für ausländische Korrespondenten in der Türkei weiter deutlich verschlechtert. Deniz Yücel, Reporter in Istanbul für „Die Welt“, ist die doppelte Staatsbürgerschaft zum Verhängnis geworden. Er sitzt in Untersuchungshaft und wird dort auch bleiben, wie Staatschef Recep Tayyip Erdogan erklärte. Yücel sei ein Spion. Andere verschwinden für wenige Tage in Polizeigewahrsam wie der Italiener Gabriele Del Grande, der Ende April nach zwei Wochen freikam und nach Italien zurückflog. Del Grande wollte für ein Buch über die Terrormiliz „Islamischer Staat“ recherchieren und war Anfang April schon nach zwei Tagen im Land in der türkischen Grenzprovinz Hatay festgenommen worden. Wieder anderen gelingt gar nicht erst die Einreise: Volker Schwenck, Leiter des ARD-Studios in Kairo, wurde von der türkischen Grenzpolizei im Transitbereich des Flughafens festgehalten und dann nach Kairo zurückgeschickt. Es gebe einen Vermerk bei seinem Namen, wurde dem ARD-Mann erklärt.

Ohne Presseausweis geht gar nichts

Die Nicht-Verlängerung der Akkreditierung durch das Presseamt der türkischen Regierung ist dagegen der diskrete Weg, um sich ausländischer Korrespondenten zu entledigen. So wartete etwa Raphael Geiger vom „Stern“ bis zum März auf seinen neuen Presseausweis. Als er nicht kam, zog er von Istanbul nach Athen um. Denn der Presseausweis ist an die Aufenthaltsgenehmigung in der Türkei gebunden: Ohne Ausweis kein Aufenthaltstitel von der Polizei. Auch intensive Fürsprachen der deutschen Botschaft in Ankara bleiben dann, wie im Fall des „Stern“, am Ende erfolglos. Raphael Geiger soll den Staatspräsidenten beleidigt haben. Der Journalist kann sich an keinen konkreten Fall erinnern, er hält das alles für einen Vorwand. Der türkischen Regierung gehe es darum, dass unter den Korrespondenten Unruhe entstehe, erklärte Geiger. Das funktioniert auch.

„Es ist ein bisschen Endzeitstimmung. Die Reihen dünnen sich aus“, sagte ein akkreditierter deutscher Journalist in Istanbul, der seinen Namen lieber nicht angeben will. „Jeder denkt sich: Wer weiß, wie lange wir noch hier sind. Alle fühlen sich beobachtet, stehen schon mit einem Fuß in einem Plan B.“ Vor allem freie Journalisten, die ohne die Sicherheit einer festen Anstellung arbeiten, sorgen sich um den Verlust der Akkreditierung. Sie zogen in die Türkei, als das Land noch ein freundliches Gesicht hatte, haben sich in Istanbul eine Existenz aufgebaut und leben häufig auch mit türkischen Partnern zusammen.

Noch knapp zwei Dutzend Korrespondenten

Knapp zwei Dutzend deutsche Journalisten gibt es noch in Istanbul, doch der Trend geht Richtung Abschied. Gunnar Köhne, einer der erfahrensten Türkei-Korrespondenten, zog 2016 nach zwei Jahrzehnten am Bosporus zurück nach Berlin. Die Tagesspiegel-Korrespondenten Thomas Seibert und Susanne Güsten wechselten nach Washington, Güsten reportiert noch aus der Türkei. Michael Martens („FAZ“) ging bereits 2014 nach Athen. Sie alle berichten von atmosphärischen Änderungen, die das Arbeiten in der Türkei unangenehm und wenig fruchtbar machen. Türkische Gesprächspartner seien heute schwieriger zu finden. Regierungspolitiker der AKP scheuen Kontakte, wohl aus Furcht, etwas zu sagen, was ihnen von der Führung nachteilig ausgelegt wird. Doch auch von den Türken auf der Straße hört man den Vorwurf: „Ihr seid bezahlte Agenten.“ Markus Bernath

Markus Bernath, Mitarbeiter des Tagesspiegels und Korrespondent der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“, ging 2014 von Istanbul nach Athen.

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