Deutsche Zeitungsverleger : In Kampflaune

Während ihre gedruckte Auflage sinkt, erreichen Zeitungen im Netz immer mehr Leser. Gerade deshalb pochen die Verleger auf ein Leistungsschutzrecht - und legen sich jetzt mit dem Industrieverband BDI an.

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330 Apps bieten Verlage inzwischen an. Viele werden auf Tablet-PCs gelesen. Foto: Q
330 Apps bieten Verlage inzwischen an. Viele werden auf Tablet-PCs gelesen. Foto: Q

Den Begriff „Paywall“ mag Hans-Joachim Fuhrmann gar nicht. „Bezahlmauer“, das höre sich doch schon so an, als ob da niemand drüberklettern möchte. „,Paywill‘, also Bezahlwille, das klingt doch gleich viel besser“, sagte der Leiter des Geschäftsbereichs Kommunikation und Multimedia des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) am Dienstag bei der Jahrespressekonferenz des Verbandes und verkündete, dass dieser „Paywill“ in Deutschland weiter wachse.

Immer mehr Menschen seien bereit, Geld für Angebote von Zeitungen im Netz auszugeben. Und das Angebot der Verlage sei in den vergangenen Monaten deutlich größer geworden: 330 Apps würde es inzwischen geben, 240 davon würden verkauft. Mindestens 20 weitere Bezahltitel sollen dieses Jahr noch folgen, sagte Fuhrmann: „Eine positive Entwicklung, denn nur mit Online-Werbung lassen sich die Angebote nicht refinanzieren.“

Insgesamt wachse die Reichweite von Zeitungen online stetig. Fast 40 Prozent der Menschen über 14 Jahren und damit mehr als 27 Millionen Unique User würden die Webseiten der Verlage inzwischen monatlich nutzen.

„Die Branche ist stark“, bilanzierte BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff. In der klassischen Form, online und mobil würden Zeitungen ein so großes Publikum wie noch nie erreichen – und das, obwohl die gedruckte Auflage weiter sinkt. Im ersten Quartal lag sie insgesamt bei 23 Millionen Zeitungen, ein Minus von 3,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Am meisten verloren Straßenverkaufszeitungen mit einem Minus von knapp 5,8 Prozent, gefolgt von Sonntagszeitungen mit knapp 5,5 Prozent.

Doch trotz dieser Auflagenrückgänge blieben die Umsätze der deutschen Zeitungen stabil. Sie sanken insgesamt lediglich um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 8,5 Milliarden Euro. Die Umsätze aus Anzeigen und Beilagen gingen mit einem Minus von 2,2 Prozent weiter zurück. Die Vertriebserlöse stiegen hingegen um 1,7 Prozent. Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung im Euro-Raum geht der BDZV allerdings davon aus, dass die Werbemärkte 2012 stagnieren.

Kräftige Worte richtete Wolff an den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der sich gegen ein Leistungsschutzrecht der Verlage ausspreche. „Dass ausgerechnet die Organisation, die mit großem Engagement gegen Produktpiraterie kämpft, sich gegen das Leistungsschutzrecht ausspricht, entbehrt jeder Logik“, sagte Wolff. Der BDI habe sich „vor den Karren von Google“ sperren lassen. Wolff mutmaßte, dass der BDI seine Mitglieder schützen wolle, die womöglich Abgaben an Presseverlage zahlen müssten. Gelte für Verlage aber nicht das gleiche Schutzrecht wie für andere Branchen, werde „geistiges Eigentum erster und zweiter Klasse“ geschaffen, sagte Wolff. Doch auch wenn die jetzige Form des Leistungsschutzrechts nur „eine kleine Lösung“ sei, hofft er auf eine zügige Verabschiedung im Bundestag, so dass die Presse ihre Rechte gegenüber gewerblichen Kopisten im Netz durchsetzen könne.

Am Donnerstag steht zunächst die Verhandlung um die „Tagesschau“-App beim Landgericht Köln an. Acht Verlage hatten geklagt, weil sie in den gebührenfinanzierten Textangeboten einen unfairen Wettbewerb sehen. Eine gemeinsame Erklärung von Intendanten und Verlegern war gescheitert. Diese Erklärung liege weiterhin zur Unterschrift bereit, sagte Wolff. Neu verhandelt werde sie aber nicht. Während der Streit mit der ARD weitergeht, ist der BDZV mit dem ZDF zufriedener. Der Neustart der Webseite – eine „heute“-App existiert noch nicht – mit mehr Bewegtbildern sei ein Schritt in die richtige Richtung. Aber noch immer seien die Texte zu lang und umfangreich. Das müsse sich ändern. Ob sich auch die „Tagesschau“-App ändern muss, wird am Donnerstag weiter diskutiert. Sonja Pohlmann

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