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"Deutschland 83" endet mit Quotentief : Diese Serie passt nicht ins deutsche Fernsehen

Auch das Finale von "Deutschland 83" änderte nichts am Gesamtbild: Die RTL-Serie ist beim Publikum nicht angekommen. Die Zuschauer kennen die Gründe

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Der Spion, der aus dem Osten kam.  Martin Rauch alias Moritz Stamm (Jonas Nay) ist Zeuge einer heftigen Detonation im Maison de France in West-Berlin.
Der Spion, der aus dem Osten kam. Martin Rauch alias Moritz Stamm (Jonas Nay) ist Zeuge einer heftigen Detonation im Maison de...Foto: RTL

Der Abwärtstrend von "Deutschland 83" wollte auch im Finale nicht enden. Die siebte Folge sahen am Donnerstag bei RTL noch 1,72 Millionen Zuschauer, ehe die Schlussepisode mit 1,63 Millionen Zuschauern den Tiefstwert der vergangenen Woche noch einmal unterbot. "Deutschland 83" hat damit seit dem Start fast die Hälfte des Publikums verloren.

Die Zahlen bestätigen und aktualisieren die notwendige Diskussion über "Deutschland 83". Heißt: Wir müssen uns unterhalten. Unterhalten darüber, was Sie, mich, was uns alle unterhält. Im Fernsehen, bei der Serie, einem Genre, das nun mal das Copyright „Let me entertain you“ trägt. Die Frage ist so alt, wie sie akut ist: „Deutschland 83“ im Programm des Privatsenders RTL funktioniert nicht. Nach dem mäßigen Start am 26. November mit 3,2 Millionen Zuschauern wurden eine Woche später noch 2,05 Millionen erreicht. die Folgen fünf und sechs am Donnerstag wurden von 1,69, respektive 1,67 Millionen Zuschauern gesehen; das ist dramatisch genug, noch dramatischer ist die Tatsache, dass sich der Sinkflug von Folge zu Folge fortgesetzt hat. Heißt: Es schalten nicht nur immer weniger Zuschauer ein, sondern von denen, die „Deutschland 83“ mal eingeschaltet haben, schalten auch wieder erheblich viele weg. Die Marktanteile liegen weit unter dem aktuellen RTL-Durchschnitt im Dezember mit bei 9,7 Prozent.

RTL zeigt die Serie bis zum Ende - Quote hin, Quote her

Mancher Privatkonkurrent würde die Ausstrahlung einstellen oder schon eingestellt haben, RTL aber wird die achtteilige Serie an diesem und am kommenden Donnerstag mit jeweils einer Doppelfolge zu Ende bringen. Tatsächlich gingen die Verantwortlichen, Produzent Ufa Fiction, das Drehbuchehepaar Winger von einer zweiten Staffel aus. Die „New York Times“, Tom Hanks, die deutsche Fernsehkritik hatten sich begeistert gezeigt, es wurde getrommelt und gepriesen, dass das deutsche Publikum nicht länger nur am US-Serientropf hängen muss, sondern genuin deutschen Suchtstoff geliefert bekommt. Der Plot, gesamtdeutsch: DDR-Spion wird im Jahr 1983 in die Bundeswehr eingeschleust, Kalter Krieg, Nachrüstung, Friedensbewegung, selbst die Bagwhan-Jünger bekamen noch ihr Aufmerksamkeits-Plätzchen.

Es half nichts: Das große Publikum hat sich erst nicht wirklich interessiert und das kleine dann auch noch abgewandt. Die Produktionsfirma Ufa Fiction wirkte ratlos und wandte sich im Angesicht der eingestandenen „Talfahrt“ direkt an die Zuschauer. Auf der Facebook-Seite des Unternehmens wurden offensive Fragen ans Publikum gestellt: „Was lief schief? Was hätte man anders/besser machen können? Liegt es an der Serie selbst? Oder an anderen Faktoren? Fragen über Fragen, die uns in diesen Tagen beschäftigen. Darum unsere Frage an euch: Wie seht ihr das?“

Für Donnerstag ist "Deutschland 83" zu komplex

Die Zahl und die Qualität der Reaktionen sind beachtlich. Sie fokussieren sich, wie Ufa Fiction schreibt, auf einige Aspekte. Der Inhalt von „Deutschland 83“ wird weniger in Regress genommen als folgendes Bündel an Gründen genannt: Imageproblem des Senders RTL, unzureichende Ausrichtung auf ein nichtlineares Nutzungsverhalten des Zuschauers, die Quotenerhebung, schließlich fehlendes/falsches Onlinemarketing, zu konservative PR.

Die Argumente mal durchdekliniert: RTL hat sich sein Publikum „erzogen“; Donnerstag ist der Serientag, an dem in der Autobahnpolizeiserie „Cobra 11“ jede Menge Blech durch die Luft fliegt. Die Komplexität der Handlung wie der Charaktere ist überschaubar, „Cobra 11“ ist episodisch angelegt. „Deutschland 83“ ist ein Bruch mit der Sendeplatztradition am Donnerstag um 20 Uhr 15 und ein Bruch mit der Serientradition von RTL. „Deutschland 83“ musste sich aus dem Stand gegen das Image des Senders und damit gegen die Erwartungen des RTL-Publikums durchsetzen.

"Deutschland 83" ist keine Serie, sondern ein Achtteiler

Das mag den mangelnden, nicht aber den nachlassenden Zuspruch der Serie erklären. „Deutschland 83“ ist de facto keine gewohnte Serie, sondern ein Achtteiler verteilt über vier Donnerstage – eine unglückliche Kombination aus altem Senderdenken und neuen Zuschauergewohnheiten. Großes Spannungsfernsehen lässt sich nicht länger portionieren und nur zu bestimmten Zeiten servieren. Der (junge) Zuschauer will seinen Zuwendungsrhythmus selber bestimmen und ihn nicht vom Sender bestimmen lassen. Das hat selbst die ARD gelernt, als sie die dritte Staffel „Weissensee“ an drei Abenden hintereinander ausgestrahlt hat. Jetzt und hier und gleich und komplett – der Wille zu nichtlinearer Nutzung lässt sich nicht zu linearem Einschaltverhalten zwingen. „Deutschland 83“ muss auch dafür büßen, dass RTL dieses neue TV-Grundgesetz zu negieren glaubte. Apropos Rhythmus, wer es gewohnt ist, sich seine Serien bei Netflix oder Amazon nonstop anzuschauen, tut sich, vorsichtig ausgedrückt, schwer mit diversen Werbeunterbrechungen, die RTL bei „Deutschland 83“ bringt, bringen muss. Ganz abgesehen davon, dass sich das HD-Format, via Festplattenrecorder aufgezeichnet, bei Kabelanbietern wie Vodafone auch nicht vorspulen lässt, über die Werbeinseln hinweg. Die RTL-Spots sollen schließlich gesehen werden.

Es muss also nicht am Inhalt der Serie liegen. Ufa-Fiction-Geschäftsführer Nico Hofmann war Feuer und Flamme, bevor „Deutschland 83“ startete. Hofmann hatte sich trotz mäßiger Quoten zum Auftakt stolz auf seine RTL-Serie gezeigt. „Ich bin mit den Werten zufrieden, entscheidend sind der gesamte Staffelverlauf über die nächsten drei Wochen, vor allem aber die Online-Abrufzahlen“, teilte Hofmann vergangene Woche der Deutschen Presse-Agentur mit. „Ich hatte in meinem Berufsleben selten ein derart positives nationales wie internationales Presseecho, das sehr auf die RTL Group und unseren Qualitätsansatz einzahlt.“ Entscheidend für die Fortsetzung werde demnach die weltweite Auswertung in etwa drei Monaten sein, wenn die Serie in ganz Europa gelaufen sei.

600 000 Abrufe bei RTL now

Dennoch, auch wenn die Abrufzahlen der bisherigen Folgen via RTL now im Internet bei circa 600 000 liegen, die TV-Quoten von Folge drei und vier sprechen eine deutliche Sprache. Das weiß auch „Deutschland 83“-Produzent Jörg Winger. „Nach der sehr offen und positiv geführten Debatte um ‚Deutschland 83‘ dürfen wir nicht komplett in alte Kategorien zurückfallen und alles an der GfK-Quote ausrichten“, sagte Winger dem Tagesspiegel. „Natürlich hätten wir uns mehr Zuschauer bei RTL im Free TV gewünscht, aber unsere Serie läuft auch bei RTLnow, bei iTunes und bei Amazon Video.“ Sie laufe in allen wichtigen internationalen TV-Märkten auf „tollen Sendeplätzen und den entsprechenden Plattformen. Wenn wir mal alle Zuschauer, die über all diese Wege ‚Deutschland 83‘ gesehen haben und auf lange Sicht noch sehen werden, zusammenzählen, dann sind wir ganz schnell bei Bestseller-Zahlen.“

Der Produzent geht sogar noch weiter. Winger würde wetten, dass RTL und Ufa „Deutschland 83“ bald als die international meistgesehene deutsche Serie überhaupt feiern werden.

„Deutschland 83“, Donnerstag, RTL, 20 Uhr 15

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