"Deutschland von außen" mit Manuel Möglich : „Den Entscheidern fehlen Eier“

Im Interview spricht Manuel Möglich über seine neue ZDFneo-Sendung „Deutschland von außen“, Ironie im TV - und warum er mit Claus Kleber saufen gehen will.

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„Futuristischer neuer Deutscher“: So wurde Manuel Möglich von einer Deutschen in Brasilien genannt, die Ende des Zweiten Weltkriegs dorthin ausgewandert war.
„Futuristischer neuer Deutscher“: So wurde Manuel Möglich von einer Deutschen in Brasilien genannt, die Ende des Zweiten...Foto: ZDF

Herr Möglich, zu Beginn Ihrer Reportagereihe „Deutschland von außen“ bekennen Sie, nicht unbedingt stolz auf Ihre deutsche Herkunft zu sein. Ist das eine gute Voraussetzung für das Format?

Es ist die einzig mögliche Voraussetzung, ansonsten wäre der Blick eingefärbt. Ich wohne hier zwar wahnsinnig gerne. Aber ich spüre Unbehagen bei der Formulierung: „Ich bin stolz, Deutscher zu sein.“

Trotzdem sind Sie umhergereist, um sich ein Bild davon zu machen, wie Deutschland im Ausland wahrgenommen wird. Was haben Sie sich erhofft?
Ich hatte keine großen Erwartungen, es war Neugierde. Ich wollte wissen, wie man zurückkommt, wenn man nach Brasilien oder Rumänien fährt, wo es bestimmte geschichtliche Bezüge und Klischees gibt. Wie „das Deutsche“, wenn es das überhaupt gibt, von den Ururenkeln deutscher Auswanderer heute wahrgenommen wird.

Sind sie schlauer geworden?
Klar. Die BBC macht seit einigen Jahren eine jährliche Umfrage, was das beliebteste Land der Welt sei. In den letzten Jahren war es immer Deutschland. Ich konnte mir zwar zusammenreimen, warum das so ist. Aber ich wollte es genauer wissen. Ich bekam immer wieder die Sekundärtugenden zu hören: Die Deutschen sind pünktlich, fleißig und arbeiten super.

Das ist jetzt nicht wahnsinnig überraschend.
Stimmt. Aber wenn man sich länger mit Leuten unterhält, erfährt man auch anderes. In Namibia gibt es zum Beispiel sogenannte DDR-Kinder. Deren Eltern waren Ende der 70er, Anfang der 80er in Freiheitskämpfe verwickelt. Um die Kinder in Sicherheit zu bringen, schickte man sie in die DDR. Als die Mauer fiel, sind sie zurück in ihre Heimat. Mit zwei von ihnen habe ich gesprochen. Sie sagten, Freundschaften hätten in Deutschland einen höheren Stellenwert. In Namibia würde Freundschaft nur auf finanziellen Grundlagen aufbauen. Sobald einer kein Geld mehr habe, sei die Freundschaft kaputt.

In Brasilien trafen Sie eine Frau, die am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland ausgewandert ist, geistig dieser Zeit aber noch sehr verbunden scheint. Die Dame bezeichnete sie als „futuristischen neuen Deutschen“. Kompliment oder Beleidigung?
Da bin ich mir bis heute nicht sicher. Im Kontext des Gesprächs war es sicher ein Kompliment, weil ich klar andere Ansichten vertrete als sie. Allerdings weiß ich bis jetzt nicht, was ein futuristischer neuer Deutscher sein soll.

Sie kommen mit längeren Haaren, T-Shirt und Tattoos daher. Ist dieses Erscheinungsbild zu- oder abträglich für Ihre Arbeit als Reporter?
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich wahnsinnig unkonventionell aussehe. Mit kurzen Haaren wären die Gespräche nicht anders verlaufen. Ich konnte mich gut mit meinen Interviewpartnern unterhalten. Also scheint mein Äußeres weder von Nach- noch von Vorteil gewesen zu sein.

Bei Ihrer hochgelobten Reportagereihe „Wild Germany“ war es aber sicher hilfreich.
Ja, da hatte man bei manchen Gesprächspartnern einen Pluspunkt, wenn man tätowiert ist und keine Sätze sagt, die Leute vom ZDF sonst so sagen.

Für das Format beleuchteten Sie Skurriles. Bei den Bayreuther Festspielen suchten Sie zum Beispiel nach der Droge Crystal Meth. Kickt es da noch, sich jetzt auf Spurensuche in Deutschland zu begeben?
Warum nicht? Nach 24 Folgen „Wild Germany“ war für mich der Punkt gekommen, an dem die Themen nicht mehr zu steigern waren. Ich wollte was Neues machen. Ich kann mich für das eine und das andere begeistern. Ob das auch bei den Zuschauern der Fall ist, kann ich nicht sagen. Es wird sicher ein paar geben, die „Deutschland von außen“ öde finden.

Also ist die neue Sendung nicht mehr „kesses Zielgruppenfernsehen“, als das die „taz“ einst „Wild Germany“ bezeichnete?
Wahrscheinlich nicht. Das klingt jetzt ein bisschen unbedacht, aber ich habe mir nie viele Gedanken über die Zielgruppe gemacht. Was soll „kesses Zielgruppenfernsehen“ sein? Vielleicht eher das, was Joko und Klaas machen.

Ist zu befürchten, dass Sie seriös werden?
Nein. Der Ansatz hat sich durch das Thema ergeben. Gerade im TV ist heute viel Ironie im Spiel. Ich finde das gut, aber manchmal denke ich: Ein Funken weniger wäre nicht schlecht. Man macht sich dadurch angreifbarer, gleichzeitig ist es spannender. Ich mache weiter wie bisher. Das kann ein bisschen wild sein, aber auch mal ruhiger.

In einem Interview gaben Sie mal zu, Claus Kleber zu bewundern. Immer noch?
Bewundern ist übertrieben, aber ich finde ihn schon super. Er macht einen sauguten Job und ist der Boss unter den Nachrichtensprechern. Außerdem glaube ich, dass er ein cooler Typ ist. Mit ihm kann man bestimmt hervorragend einen saufen gehen und bekommt dabei unglaubliche Geschichten erzählt.

Liebäugeln Sie etwa mit dem Beruf des Nachrichtensprechers?
Das war nie mein Ziel. Wenn mir eine Karriere nachahmenswert scheint, dann die des britischen Reporters Louis Theroux. Der hat bei der BBC Ende der 90er das gemacht, was wir mit „Wild Germany“ versucht haben. Seine Reportagen waren ähnlich, liefen bei den Briten aber im Hauptprogramm. Das wäre hier undenkbar.

Sie klingen etwas verbittert.
Verbittert nicht, aber es ist doch so. Selbst wenn Ingo Zamperoni so eine Sendung machen würde, einer, der seriöser daherkommt als ich, würde das frühestens um 0 Uhr 30 gezeigt werden. Da wünsche ich mir von den Entscheidern mehr Eier. Dem Fernsehen in Deutschland fehlen Mut und Haltung.

Haben Sie damit persönliche Erfahrungen?
Konkret nicht. Der Redakteur, mit dem ich zu tun hatte, widerspricht allen Klischees eines Angestellten der Öffentlich-Rechtlichen. Für Themen wie HIV-Partys war er genauso zu begeistern wie für ruhigere. Trotzdem gibt es natürlich Bedenkenträger, auch wenn das nicht zwingend auf meine Arbeit gemünzt ist. Was hätte man zu verlieren gehabt, eine Sendung wie „Roche und Böhmermann“ im Hauptprogramm zu zeigen? Nichts.

Zu „Roche und Böhmermann“ waren Sie eingeladen. Die Gastgeberin fragte Sie, in welchem Swingerclub man Sie treffen würde. Unangenehm oder schmeichelhaft?
Ehrlich gesagt war es mir egal. Vielleicht musste Charlotte Roche das auch fragen, weil sie „Feuchtgebiete“ geschrieben hat, wo es ja viel um Sex geht. Nach der Sendung ist sie dann noch zu mir gekommen und hat sich erkundigt, ob die Frage für mich okay war. Das fand ich niedlich.

„Deutschland von außen“, Donnerstag, ZDFneo, um 23 Uhr 15

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