Deutschlandradio : Radio-Flotte auf Kurssuche

Das Deutschlandradio treibt mit seiner Kulturwelle die Programmreform voran. Das Flottenkonzept der Sendergruppe fordert allerdings auch Opfer.

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Seit 20 Jahren. Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur werden bundesweit ausgestrahlt. DRadio Wissen ist über Digitalradio und Internet zu empfangen. Foto: dpa
Seit 20 Jahren. Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur werden bundesweit ausgestrahlt. DRadio Wissen ist über Digitalradio...Foto: picture alliance / dpa

Das Deutschlandradio mit seinen Wellen Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und dem Digitalsender DRadio Wissen setzt die vom Intendanten Willi Steul verordnete Programmreform fort. Damit sich die nationalen Hörfunkprogramme nicht gegenseitig Konkurrenz machen, hatte Steul für die Sender ein so genanntes Flottenkonzept entwickelt. Von Samstag an wird das Deutschlandradio Kultur mit einem neuem Programmschema senden.

„Das Programm von Deutschlandradio Kultur soll im Sinne eines Diskursradios Themen und Ereignisse als kulturelle Phänomene betrachten. Dabei wird unser weiterhin sichtbares Kennzeichen die Kulturalisierung der Politik und die Politisierung der Kultur sein“, sagte Programmdirektor Andreas-Peter Weber am Montag bei der Vorstellung des Programms. Mit der gegenseitigen Durchdringung von Kultur und Politik wolle der Sender an das Konzept des politischen Feuilletons anknüpfen. Die letzte Programmreform hatte das Deutschlandradio Kultur vor neun Jahren vorgenommen.

Kernstück der Reform ist die Sendung „Studio 9“, benannt nach dem Studio im Berliner Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz. „Studio 9“ wird am Morgen, am Mittag und am Abend ausgestrahlt. Das Markenzeichen der Sendung sollen diskursive Berichterstattung, Kulturkritik, Kommentare und Reportagen sein. Anders gesagt: Politik soll im kulturellen Kontext gesehen werden und umgekehrt.

In die Änderung des Programmschemas sind die Ergebnisse einer repräsentativen Hörerbefragung eingeflossen, die der Sender vor zwei Jahren in Auftrag gegeben hatte. Zu den 4000 Befragten gehörten sowohl regelmäßige Hörer des nationalen Kulturradios als auch Kulturinteressierte, die den Sender bislang nicht eingeschaltet hatten. Um sich ein Bild vom Deutschlandradio Kultur machen zu können, hatten diese Befragten zuvor CDs mit typischen Sendungen erhalten.

Der Reform ging eine Hörerbefragung voraus

Eines der Ergebnisse war, dass die Hörer das Programm durchaus zu schätzen wussten, sie aber zum Teil Schwierigkeiten mit der Wiederauffindbarkeit von Sendungsinhalten hatten, weil beispielsweise an sechs verschiedenen Stellen im Programm Bücher vorgestellt wurden. Ähnlich sah es auch für die Musikstrecke aus. Dies soll nun für die Hörer durch die Schärfung des Senderprofils einfacher werden. Dabei treten neue Schwerpunktsendungen an die Stelle der Sendung „Radiofeuilleton“. In der täglichen Morgensendung „Lesart“ um zehn Uhr steht die Literatur auf dem Programm, „Tonart“ – direkt im Anschluss – beschäftigt sich mit dem Musik. Am Samstagnachmittag ab 14 Uhr gibt es das Theatermagazin „Rang 1“, das Filmmagazin „Vollbild“ sowie das „Echtzeit“-Magazin, das sich mit modernen Phänomenen beschäftig.

Wenig Hoffnung für "2254"

Keine guten Nachrichten hatte Weber für die Freunde der nächtlichen Call-in- Sendung „2254“. Zum Flottenkonzept des Deutschlandradios gehört, dass Wortsendungen nachts dem Deutschlandfunk vorbehalten sind, Deutschlandradio Kultur wird in dieser Zeit sein Publikum mit Musik unterhalten. Für „2254“ bleibt da kein Platz. Von den Programmmachern, aber vor allem von den Stammhörern der Sendung war die geplante Einstellung des Programms, in der sich die Hörer sechs Mal die Woche über jeweils ein bestimmtes Thema austauschen, in den letzten Wochen darum massiv öffentlich kritisiert worden. Für sie ist „2254“ „die demokratischste Sendung des deutschen Radios“. Bei der Hörerbefragung gab es jedoch keine Stimmen zu dieser Sendung.

Programmchef Weber will nun mit seinen Kollegen vom Deutschlandfunk über eine Verlegung der Sendung reden, machte aber bei der Vorstellung der Programmreform am Montag wenig Hoffnung. Eine weitere Option ist die Verlagerung ins Digitalprogramm – entweder ins Internet oder zum Dokumentar- und Debattenkanal. Bei Dokdeb handelt es sich um den nahezu unbekannten vierten Kanal des Deutschlandradios. Er wird für die unmoderierte Übertragung beispielsweise von politischen Debatten aus dem Bundestag genutzt. Derzeit wird geprüft, ob der Auftrag für den Digitalkanal ausreichen könnte, ein Debatten- und Diskussionsprogramm wie „2245“ auszustrahlen. Die On-Air-Hörerdiskussion soll stattdessen in der zweistündigen Samstagssendung „Im Gespräch“ zu finden sein.

Zusätzliche Kosten entstehen dem Sender nach eigenen Angaben mit der Programmreform nicht. Außer für die neue samstägliche Philosophie-Sendung „Sein und Streit“, für die derzeit ein Moderator gesucht wird, werden alle Stellen mit dem vorhandenen Personal besetzt. Allerdings wurden dafür die Grenzen zwischen den Hauptabteilungen Politik und Kultur aufgeweicht, um diese Bereiche stärker miteinander zu verknüpfen.

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