Dichtung und Wahrheit im Journalismus : "FAZ" Leitartikel wirft Fragen auf

Durch eine Reportage in der "Süddeutschen Zeitung" weiß die Öffentlichkeit jetzt, wie es in der Küche von Bundesverfassungsgerichts-Präsident Andreas Voßkuhle zugeht. Doch woher weiß der Autor das? Ein "FAZ"-Leitartikel belebt eine alte Mediendebatte neu.

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In einem "SZ"-Bericht konnte man Andreas Voßkuhle ganz privat erleben.
In einem "SZ"-Bericht konnte man Andreas Voßkuhle ganz privat erleben.Foto: dpa

Ein kleines Wörtchen, mit großer Wirkung. Der Leitartikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) vom Donnerstag, „Schwer genießbar“, von Reinhard Müller befasste sich mit der anstehenden Wahlrechtsreform nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom Mittwoch. Der BVerfG-Präsident wird gleich am Anfang vorgestellt: „Andreas Voßkuhle mag kein Dressing. Aber er muss damit leben, dass ihm das von vermeintlichen Zeugen seiner Kochkunst angedichtet wird.“ Nanu, was meint „vermeintlich“, wer hat hier „angedichtet“? denkt der politisch interessierte Leser und erinnert sich – an eine Seite-Drei-Geschichte von Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ).

Am 10. Juli schrieb das Mitglied der „SZ“-Chefredaktion ein großes Porträt: „Der Verfassungsschützer. Andreas Voßkuhle leitet das berühmteste Gericht der Welt, und bisher hat er das gut gemacht. Nun wartet Europa auf ein historisches Urteil: Erlaubt das Grundgesetz die Eurorettung?“ Nach mehr oder weniger instruktiven Sätzen folgt in der Mitte die inkriminierte Passage. Prantl schreibt über Voßkuhle: „Zu den größten Geheimnissen der Republik gehört das Beratungsgeheimnis in Karlsruhe(...)Das Geheimnis lüftet sich in seiner Küche, bei ihm zu Hause. Die Küche ist sein Lieblingsort – der Ort, an dem das Fleisch geklopft, der Fisch entgrätet, das Gemüse gegart und das Essen abgeschmeckt wird. Man muss ihn am Küchentisch erleben. Man muss erleben, wie er ein großes Essen vorbereitet. Bei Voßkuhles setzt man sich nicht an die gedeckte Tafel und wartet, was aufgetragen wird. Eine Einladung bei dem kinderlosen Juristenpaar(...)beginnt in der Küche: Der eine Gast putzt die Pilze, der andere die Bohnen, der dritte wäscht den Salat(...)Jeder hat seinen Part, jeder hat was zu schnippeln, zu sieden und zu kochen, jeder etwas zu reden(..)Voßkuhle selbst rührt das Dressing. Man ahnt, wie er als oberster Richter agiert.“

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Was hat Prantl „erlebt“? Hat er geschnippelt? War er in der Präsidenten-Küche? Insinuiert er das überhaupt? Judith Blohm, Sprecherin des Verfassungsgerichts, teilt mit: „Ich kann Ihnen versichern, dass Herr Prantl weder für diesen Artikel noch zu einem anderen Zeitpunkt von Herrn Voßkuhle zu einem privaten Essen eingeladen wurde, geschweige denn aus persönlicher Anschauung mit den Kochgewohnheiten des Präsidenten vertraut sein kann.“ Dementsprechend habe Voßkuhle die diesbezüglichen Ausführungen Prantls mit einigem Erstaunen zur Kenntnis genommen. „Herr Voßkuhle ist das letzte Mal im Herbst 2010 in dem Dienstzimmer im Bundesverfassungsgericht mit Herrn Prantl zusammengetroffen und zwar anlässlich eines Interviews für die ,Süddeutsche Zeitung', das jedoch gänzlich andere Themen zum Gegenstand hatte.“

Das meint also: „vermeintlicher Zeuge“. Man muss nun nicht gleich an den Fall Pfister denken. Die Jury des Henri-Nannen-Preises hatte 2011 dem „Spiegel“-Redakteur René Pfister den Preis aberkannt. Pfister portraitierte Horst Seehofer detailliert am Pult seiner Modelleisenbahn, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein. Prantl schrieb auch ein Porträt, vielleicht hätte er an einer Stelle seinen, im wahrsten Sinne des Wortes, Standpunkt klarer machen sollen. Der renommierte Schreiber war für eine Stellungnahme am Donnerstag nicht zu erreichen. Heribert Prantl ist im Urlaub.

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