„Die Gentlemen baten zur Kasse“ : Dokudrama über legendären Postraub

Der Coup war spektakulär: Pfundnoten im Wert von 50 Millionen Euro erbeutete die Band um Bruce Reynolds aus dem Postzug von Glasgow nach London. Arte zeigt nun ein Dokudrama über den Raub von 1963, angereicht mit Szenen aus dem Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“.

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Archibald Arrow (Günther Neutze, l.) und „Major“ Donegan (Horst Tappert) in „Die Gentlemen bitten zur Kasse“.
Mit Stil. Die Anführer der Posträuberbande im Film „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, 1966: Archibald Arrow (Günther Neutze, l.)...Foto: Arte

„Unglaublich, sie haben einen Zug gestohlen“, lautete die erste Meldung im Polizeifunk, die Bruce Reynolds, der Kopf der Bande, abhörte. Der tolldreiste Coup vom 8. August 1963, bei dem aus dem Postzug von Glasgow nach London Pfundnoten im heutigen Wert von fast 50 Millionen Euro erbeutet wurden, hat eine einzigartige Medienkarriere hingelegt. Vor allem in Deutschland, wo der NDR nur zwei Jahre später nach den Berichten eines „Stern“-Reporters einen Dreiteiler produzieren ließ: „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ – ein Klassiker des Mediums Fernsehen in seinen frühen Jahren, als es noch schwarz-weiß war und die Straßen leer fegte.

Und: „Der erste reale TV-Krimi“, sagt Carl-Ludwig Rettinger, 58. Der Kölner Autor, Regisseur und Produzent setzt in seinem fast dreistündigen Zweiteiler „Die Gentlemen baten zur Kasse“ die alten Filmszenen wie dokumentarisches Material ein – neben „echten“ Archivbildern etwa aus BBC-Reportagen. Und angereichert durch neue Interviews und Recherchen, die nach Freigabe der Polizeiakten ergeben haben, dass ein Teil der Beute offenbar in den Taschen korrupter Polizisten gelandet ist. Das Bild vom Gentleman-Gangster dagegen hat die Jahrzehnte überdauert. Am Ende schlägt Rettinger noch eine moralische Volte zur Finanzkrise und den Bankern, deren Verhalten den Steuerzahlern ungleich höhere Summen gekostet hätten, ohne dass jemand eine Haftstrafe verbüßen müsste.

Nebenbei bemerkt sind Banker langweiliger, was in dem Zusammenhang auch ein nicht unerhebliches Vergehen ist. Geschichten von gewitzten Räubern dagegen, die den Reichen und der Polizei eine lange Nase drehen – so etwas liebt das Publikum. 1966 trat in einer solchen Rolle der schlaksige Horst Tappert in Erscheinung, ein Schauspieler Anfang 40, der später ein deutscher Exportschlager werden sollte. Tappert spielte Bruce Reynolds (im Film wurde der Name in Michael Donegan geändert), war immer elegant gekleidet und trug seine intellektuelle Überlegenheit bereits mittels eines versteinerten Gesichtsausdrucks à la „Derrick“ zur Schau. Ein Vorzeigegangster mit Stil, bevor er Deutschlands Vorzeigekommissar wurde.

Tappert wurde von Reynolds ausgezeichnet

Tappert starb 2008, erst posthum kam heraus, dass er im Zweiten Weltkrieg Mitglied einer in Russland operierenden SS-Panzerdivision war. Rettinger geht auf Tapperts Biografie nicht ein, eine Episode passt dann doch in seinen Film: 1998 erhielt Tappert den Fernsehpreis „Telestar“, überreicht von Bruce Reynolds, der seine Haftstrafe damals längst abgesessen hatte. Das Publikum im Saal bedachte sie mit stehenden Ovationen.

Mittlerweile ist auch Reynolds tot, gestorben im Februar 2013, während der Dreharbeiten zu diesem Film. Ein letztes Mal erinnert er sich vor der Kamera an den Coup seines Lebens („Das ist es. Das große Ding. Das ist das Eldorado“), ebenso wie seine Komplizen Gordon Goody, Jim White und andere Beteiligte oder deren Ehefrauen wie Charmian Biggs, deren Mann Ronnie, ein eher kleines Licht beim Überfall, der durch seine jahrzehntelange Flucht besondere Popularität erlangte. Charmian musste schweren Herzens der Scheidung zustimmen, damit ihr Mann mit neuer Geliebter und deren gemeinsamem Sohn unbehelligt in Brasilien bleiben konnte. Außerdem berichten ein ehemaliger Fahnder und Londons „pensionierter“ Unterweltboss Fred Foreman über die Hintergründe bei der Jagd nach den Tätern und der Beute. Als neutraler „Erzähler“ tritt Buchautor Nicholas Russel-Pavier in Erscheinung.

Tragende Figur des Films ist jedoch Bruce Reynolds Sohn Nick, der eine Reihe von Super-8-Filmen aus seiner Kindheit zur Verfügung gestellt hat. Sein Vater reiste auf der Flucht mit seiner Frau Frances und Nick durch Mexiko und die USA, ehe die Familie unerkannt nach England zurückkehrte. Im November 1968 flog Bruce Reynolds auf, wurde zu 25 Jahren Haft verurteilt, kam aber bereits 1978 wieder frei. „Ich hoffe, du hast dein Eldorado gefunden“, sagte Nick bei der Trauerfeier für seinen toten Vater, über den er nur voller Anerkennung spricht.

Mag sein, dass die Gangster ein bisschen zu sehr zu Helden stilisiert werden, dem Charme des TV-Klassikers kann man sich kaum entziehen. Nicht nur wegen des Wiedersehens mit Tappert, Siegfried Lowitz, Grit Böttcher und anderen Darstellern. Das dramatische, an den Fakten orientierte Spiel fesselt. Ein stilprägendes Stück TV-Geschichte, Vorläufer heutiger Dokudramen, in Szene gesetzt zuerst von Inge Meysels Ehemann John Olden und danach von Claus Peter Witt. Die bereits in Farbe gedrehte Fortsetzung, „Hoopers letzte Jagd“, ist weniger im kollektiven Gedächtnis geblieben.

„Die Gentlemen baten zur Kasse“,

Freitag, Arte, 20 Uhr 15

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