Medien : Die Mär vom gütigen Diktator

Gewalt und Großmachtträume: Eine zweiteilige Arte-Doku zeigt den wahren Mussolini

Thomas Gehringer

Mussolini ist in Italien bei weitem nicht so geächtet wie Hitler in Deutschland. Der „Duce“ (Führer) habe niemanden getötet, erklärte Ministerpräsident Silvio Berlusconi noch im Juni 2005. Mussolini habe die Menschen nur zur Erholung in die Lager geschickt. Diese bemerkenswerte Äußerung war allerdings nicht der Grund dafür, dass Berlusconi, der seine Macht in einer Koalition mit ehemals neofaschistischen Politikern sicherte, im vergangenen Jahr abgewählt wurde.

Im Vergleich mit der Vernichtungspolitik des deutschen Nationalsozialismus erscheint der italienische Faschismus zwar als weniger monströs, aber auch Mussolinis Herrschaft war von brutalen Gewaltakten und Großmachtsträumen gekennzeichnet. „Wir können diejenigen widerlegen, die den Duce als gütigen, patriotischen Diktator ausgeben, der nur durch die Allianz mit Deutschland in die Irre geleitet wurde“, sagt der römische Historiker Emilio Gentile in der zweiteiligen Dokumentation „Il Duce und seine Faschisten, in Farbe“.

Der britische Autor Chris Oxley erzählt darin von den Anfängen der Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg, über Mussolinis Einsetzung als Ministerpräsident nach dem „Marsch auf Rom“ 1922 bis zu dessen Hinrichtung durch Partisanen am 27. April 1945. Der historische Abriss erinnert auch an die weniger bekannten und gerne verdrängten Kapitel: die Massaker in den Kolonien Libyen und Äthiopien oder die Bombardierung Barcelonas im Spanischen Bürgerkrieg. Ein bedeutender Aspekt ist auch Mussolinis Verhältnis zum Vatikan und zu Hitler-Deutschland. Als wichtige Quelle dient Oxley das Tagebuch von Mussolinis Schwiegersohn Galeazzo Ciano, der zeitweise Außenminister und 1943 am Sturz seines Schwiegervaters beteiligt war.

Die Originalaufnahmen in Farbe werden leider mit inszenierten, optisch der damaligen Zeit nachempfundenen Bildern derart gemischt, dass die eindrucksvolle Exklusivität des Dokumentarmaterials gleich wieder verwischt wird. Als roter Faden dient nicht nur Mussolinis Karriere, sondern auch die Lebensgeschichte eines faschistisch gesinnten italienischen Juden, der den „Duce“ glühend verehrte, ihm als Sprecher jüdischer Weltkriegs-Veteranen persönlich begegnete und später mit seiner Familie von deutschen SS-Angehörigen ermordet wurde.

Das ist eine legitime, beispielhafte Erzählweise, dennoch wirkt die historische Argumentation hier ein bisschen dünn. Mussolini hielt nachweislich wenig von Hitlers Rassenideologie, doch bei dem Vernichtungsfeldzug gegen die Juden halfen die Faschisten bereitwillig mit. Wie stark die antisemitischen Tendenzen in der italienischen Gesellschaft waren, bleibt unklar.

„Il Duce und seine Faschisten“; Arte, 20 Uhr 40. Der 2. Teil am 21. Februar

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