Die Probleme von ZDF-"heute" : Zwischen Gravitas und Hopsasa

Das ZDF kommt mit „heute“ nicht an den Erfolg von RTL-"Aktuell" und der "Tagesschau" heran. Warum die Nachrichtensendung vom Lerchenberg so halbherzig und unentschieden wirkt.

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Wer schaut Nachrichten vom Lerchenberg? Die durchschnittlichen Zuschauerzahlen dieser Woche sind für das ZDF wieder ernüchternd: „heute“ (mit Anchorman Matthias Fornoff) 3,25 Millionen, „RTL aktuell“ 3,33 Millionen und „Tagesschau“ 8,75 Millionen. Screenshot: Tsp
Wer schaut Nachrichten vom Lerchenberg? Die durchschnittlichen Zuschauerzahlen dieser Woche sind für das ZDF wieder ernüchternd:...

Wie können die Hauptnachrichten des Fernsehens herausragen aus der Flut der Informationen und dem permanenten Mahlstrom der Bilder? Die ARD hat zur Lösung dieses Problems einen Altar errichtet: ein Hochamt namens „Tagesschau“. Es ist strikt anders als die Spielshows und Fernsehfilme. Der Gegenpol sind News, die sich geschmeidig einfügen in die Sehgewohnheiten, um den Zuschauer raffiniert ins Seriöse zu locken. Das versucht „RTL aktuell“. Das Problem der täglich um 19 Uhr ausgestrahlten ZDF-Sendung „heute“ ist einfach beschrieben, aber schwer zu lösen: Diese Sendung hängt genau dazwischen.

In der „Tagesschau“ werden Meldungen im Stil der Verkündigung verlesen, relativ verlässlich sortiert nach deren Relevanz. Mal werden sie bebildert, mal gibt es eine Schalte ins Berliner Studio, aber nicht die Illusion, das sei ein Interview. Die Sprache ist präzise und eher offiziös, nie salopp. Es gibt stehende Wendungen und immer wiederkehrende stereotype Bilder: Oft müssen Politiker vor ihrem O-Ton schräg durch das Bild gehen. Es gibt auch Marotten. Viel zu viele Filmbeiträge enden mit Aufsagern der Reporter, denen man den Ehrgeiz anmerkt, sich zu zeigen. Aber gegenüber dem erwartbaren Bilderfluss bleibt die „Tagesschau“ sperrig. Wenn man so will, ist sie am wenigsten einfaches Fernsehen.

Trotz des Bemühens um Seriosität ist das bei „RTL aktuell“ anders. Das ist Fernsehen, das aus dem Vollen schöpft. Im lichten Studio wird nichts verkündet. Nachrichten werden geschmeidig erzählt. Komplexe Themen werden auf den Alltag heruntergebrochen. Nicht die Machttaktik der Parteien oder gar die Politiker sollen im Zentrum stehen, sondern der Bürger als Verbraucher. Politik ist Betroffenheit. Die Sprache ist am wenigsten abstrakt. Alles soll unbedingt verständlich sein. Sportnachrichten gibt es immer, am häufigsten zur Formel 1.

Die „heute“-Nachrichten des ZDF wollen zwar kein Magazin sein, wie das „heute“-journal, das durch den Duktus der Protagonisten Marietta Slomka und Claus Kleber Profil entwickelt hat, aber es soll auch kein Verlesen von Meldungen geben, sondern journalistische Moderationen. Tatsächlich aber sprechen Petra Gerster und Matthias Fornoff am häufigsten in Floskeln. Irgendwie soll die Sendung stilistisch lockerer sein als der große Bruder in der ARD, sie wirkt aber oft lediglich bemühter. Das Ziel ist unbedingte Verständlichkeit, was zu Erklärstücken führt, die den Zuschauer in die Rolle eines Förderschülers versetzen.

Das Studio soll hochmodern anmuten, aber die Moderatoren bewegen sich darin wie gelenkt. Sie tun so, als redeten sie mit dem Korrespondenten in Berlin oder Brüssel, dabei werfen sie ihm nur eine Eingangsfrage hin, damit er dann mit seinem Solo loslegen kann. Manchmal merkt man, dass Teile der Sendung vorher aufgezeichnet sind. Wie bei RTL gibt es immer Sport und zu diesem Zweck eine Doppelmoderation. Anders als in der „Tagesschau“ erfahren wir so zwar, dass Manchester City englischer Fußballmeister geworden ist, aber nicht, dass der THW Kiel im Handball das Double geholt hat.

Seit einiger Zeit gibt es im ZDF am Ende der Nachrichten immer ein paar süffige Bilder: von besonderen Aktionen wie dem Besteigen eines Hochhauses in Moskau oder dem Durchschwimmen des Rheins in Längsrichtung, der Expo-Eröffnung in Südkorea, Schallplatten aus Schokolade, Schneeballschlachten oder Tiere. Danach schmunzeln die Moderatoren.

Keine dieser Nachrichtensendungen ist schlechtes Fernsehen. Überall erfahren wir, dass Mladic in Den Haag vor Gericht steht. Wir bekommen mit, dass Verena Becker in Karlsruhe ausgesagt hat und François Hollande Berlin besucht. Es gibt keine völlige Identität der Themen, aber uns wird nichts unterschlagen. Bei allen gibt es die Tendenz, die internationale Politik gegenüber der nationalen nachrangig zu behandeln. Dennoch gibt es unterschiedliche Akzente.

Eine vierzehntägige Beobachtung zeigt, dass „heute“ und „Tagesschau“ zwar im Durchschnitt etwa gleich viele Themen haben, obwohl „heute“ deutlich länger ist. Über Gesundheit und Kriminalität berichtet „heute“ etwas häufiger und regelmäßig mehr als doppelt so lange über den Sport. Es gibt nicht nur obligatorisch einen Hinweis auf heute.de, sondern auch weitere Programmhinweise.

Unterschiede gibt es aber besonders in der Tiefenschärfe der Berichte. Schon Tage vor dem ZDF erklärt der ARD-Korrespondent aus Griechenland, dass die Partei Syriza für den Fall von Neuwahlen in allen Prognosen vorne liegt. Das ZDF zeigt uns, dass Norbert Lammert (CDU) zur Entlassung Norbert Röttgens nichts sagen will, in der ARD aber hören wir seine kritische Einlassung.

In der Kommentierung der Berliner Parteipolitik sind sowohl Ulrich Deppendorf in der ARD als auch Thomas Walde im ZDF erfrischend meinungsfreudig. Typische Unterschiede waren am Himmelfahrtstag zu besichtigen. Das ZDF hat sich für eine Vatertags-Reportage in Ich-Form entschieden. Eine junge Reporterin zeigt sich im Kreise trinkender und feiernder Männer, um dann in die Kamera zu sagen, ihr persönlich sei ein Ausflug im Familienkreis lieber. Die „Tagesschau“ dagegen erklärt die Bedeutung des Festes für die Christenheit.

„Der Trend verstärkt sich noch“, etwas „wirft seine Schatten voraus“, „Mannheim steht seit heute ganz im Zeichen des Katholikentags“, und zur Linkspartei heißt es im Vorbericht zur NRW-Wahl: „Aufgeben wollen die Genossinnen und Genossen allerdings noch nicht“. Aha! Das ist die Sprache von „heute“. Das ist alles nicht schlimm, aber eben auch kein besonders durchdachtes, variables oder interessantes Deutsch.

Gerne möchte die „heute“-Sendung etwas unkonventioneller sein, ist es aber gerade dann nicht, wenn es darauf ankommt. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch Bundesumweltminister Norbert Röttgen entlassen hat, melden zwar alle Nachrichtensendungen, dass dies ein bisher einmaliger Vorgang sei, aber die „heute“-Sendung ändert ihren Ablauf nicht und das anschließende „ZDF-spezial“ widmet sich den Fußball-Krawallen, während die ARD-„Tagesschau“ vor allem anderen Ausschnitte aus der Erklärung Merkels ausstrahlt. Das unterstreicht auch optisch, wie außerordentlichen dieser Vorgang ist.

Eine Spezialität der „heute“-Sendung sind dreidimensionale Animationen. Meist stehen die Moderatoren Petra Gerster oder Matthias Fornoff dann etwas ungelenk im Studio. Man merkt, dass die Moderatoren nicht sehen, was wir sehen. Sie wissen nur, bis wohin sie gehen dürfen – dann weisen sie mit der Hand ins Ungefähre, angeblich um uns etwas zu erklären, aber sie spulen nur ihren Text so ab, dass er auf die Bilder passt. Sehr beliebt ist der sich drehende Erdball.

Am 14. Mai steht Matthias Fornoff wieder einmal davor. Dann kommen Bilder von Schornsteinen, umfallenden Bäumen, überfüllten Straßen und toten Fischen. Es geht um den „Living Planet Report“ des WWF. Der Moderator sagt: „Wir gehen zu verschwenderisch mit den Ressourcen der Erde um.“ Dann sehen wir Regale in einem Supermarkt, gefilmt durch einen Einkaufswagen. Vor der Fleischtheke ploppt ein orangefarbenes Schild auf. Darauf steht „60 kg Fleisch“. Darunter ein zweites: „130 kg Milchprodukte“. Wir sehen Kühe. Dann eine Ernte. Auf dem Schild steht: „-60 %“. Auch drei Tage zuvor gab es solche Schilder. Es gab Bilder aus Kinderzimmern mit viel Spielzeug. Petra Gerster deutete in diese Richtung. Auf den aufploppenden Schildern stand „Arsen“, „Blei“, „Quecksilber“. Es ging darum, dass die Bundesregierung an den Grenzwerten für die Schadstoffbelastung bei Spielzeug festhalten will und darum die EU verklagt. Angeblich machen solche Schilder die Beiträge verständlicher. Wirklich?

Der Glaube daran zeigt die Absichten von „heute“. Es gibt wenig Vertrauen zum Text. Alles soll Bild sein und leicht verständlich. Matthias Fornoff bekundete schon, er würde stärker „positive Geschichten“ in die Sendung einflechten. Auch das „Guten Abend, meine Damen und Herren“ sei ihm zu förmlich. So sagt er schon mal ein flottes: „Guten Abend, liebe Zuschauer, herzlich willkommen“ in die Kamera.

„heute“ schwankt zwischen Gravitas und Hopsasa. Gravitas, ein offizielles Verkündigungsfernsehen, will keiner sehen, heißt es. Aber soll das ZDF deswegen die Marke „heute“ wirklich in die Richtung von positiveren Geschichten, salopper Sprache, mehr Sport und Schmunzelbildchen entwickeln?

Das Problem von „heute“ führt mitten hinein in Identitätsfragen, die für das ZDF insgesamt gelten.