Die Story : Eine Marke und sechs Todesfälle

Die gefährliche Sehnsucht, die eigenen Grenzen zu überschreiten: Eine ARD-Doku empört sich über Red Bull, greift in der Argumentation aber zu kurz.

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Großes Medieninteresse: Der Weltraumsprung von Felix Baumgartner. Foto: dpa
Großes Medieninteresse: Der Weltraumsprung von Felix Baumgartner. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Red Bull möchte gerne in aller Munde sein. Mit seinen Getränken, aber vor allem als Marke, die für Jugend, Action, Risikobereitschaft steht. Dafür hat der österreichische Konzern über 500 Athleten, darunter viele Extremsportler, unter Vertrag genommen. Und produziert nicht nur Werbung, sondern Web-Videos, Fernsehen und Kinofilme, in denen die eigenen „Events“ weltweit vermarktet werden. Der größte Clou bisher: Felix Baumgartners Stratosphärensprung aus fast 39 Kilometern Höhe vor ein paar Monaten . Baumgartner hat es überlebt, andere nicht. Ein WDR-Film aus der ARD-Reihe „die story“ rechnet nun dem Konzern vor, es habe sechs Todesfälle in Zusammenhang mit Red-Bull-Werbung gegeben.

Als eine „Mischung aus Baghwan und Ikea“ beschreibt ein österreichischer Journalist im Film das Unternehmen des Milliardärs Dietrich Mateschitz. Red Bull, das freundliche Sektenhaus? Der schwer zu fassende Konzern versteckt sich jedenfalls hinter seinen gefeierten Sporthelden wie Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, auch die WDR-Autoren blitzten mit sämtlichen Interviewanfragen ab. Man muss diese Abschottung wirklich nicht sympathisch finden, und die PR-Masche mit dem extremen Adrenalinkick, die einen womöglich tödlichen Ausgang einkalkuliert, hat zweifellos einen zynischen Beigeschmack.

Aber der Film bleibt bei dem Empörungs-Gestus stehen, dabei nutzt Red Bull offenbar einen gesellschaftlichen Trend und kann auf „Komplizen“ bauen: auf Medien, die die spektakulären „Events“ und damit den Markennamen transportieren, und nicht zuletzt auf das Publikum, das sich gerne vom Nervenkitzel gefahrlos unterhalten lässt. Und diesen Nervenkitzel nutzen letztlich auch die Filmautoren, die die Aufnahmen vom tödlichen Sprung des Basejumpers Ueli Gegenschatz im November 2009 in Zürich in Zeitlupe zeigen und dazu den Schriftzug einblenden: „Wenn ein Getränk doch keine Flügel verleiht“. Das ist auch nicht besonders geschmackssicher.

Dieser Ueli Gegenschatz ist ein krasses Beispiel, denn der erfahrene Basejumper sprang tatsächlich nur deshalb von einem Hochhaus, weil Red Bull damit Aufmerksamkeit für den Start seines Mobilfunk-Angebots in der Schweiz erregen wollte.

Aber dass das Unternehmen Druck auf den Athleten ausübte, können die Autoren nicht belegen. Und auch die Witwe des im August 2009 verunglückten Eli Thompson oder der Vater des im März 2009 verstorbenen Shane McConkey, die beide bei Dreharbeiten für Red-Bull-Filme ums Leben kamen, trauern zwar um ihre Angehörigen, aber äußern keine Vorwürfe gegen den Konzern. Dass Red Bull nun auch noch einen Dokumentarfilm über McConkey produzieren lässt und den Extrem-Skifahrer über dessen Tod hinaus „verwertet“, ist natürlich fragwürdig, doch bisher ist von dem Film nur ein Trailer bekannt.

Extremsportler wissen zweifellos um ihr Risiko und gehen freiwillig einen vermutlich nicht schlecht bezahlten Pakt mit dem Konzern ein. Details zu diesem Geschäftsmodell erfährt man in diesem Film nicht. Und die gefährliche Sehnsucht, die eigenen Grenzen zu überschreiten, allein auf Red Bulls geschickte wie zynische Strategie zurückzuführen, ist auch zu kurz gegriffen. Thomas Gehringer

„Die Story: Die dunkle Seite von Red Bull“; ARD, 22 Uhr 45

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