Die Story : Eine Reportage über die Ultra-Szene im Fußball.

Der Fan, das unbekannte Wesen: Zum Image der Ultra-Szene in deutschen Fußballstadien. Dabei sind auch die "Eisenern".

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Guter Fan, böser Fan? Wenn die Sache so einfach wäre. Die Reportage „Der Feind in meinem Stadion“ erzählt einen prägnanten Fall: Marvin, 24, Mitglied des „Wuhlesyndikats“, einer Ultra-Fangruppe vom Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin, hat eine Anzeige wegen Landfriedensbruchs am Hals. Beim Auswärtsspiel in Köln ist er in einen Polizeikessel geraten, war zuvor von einer Polizistin mit Pfefferspray attackiert worden, wie er sagt, obwohl er selbst nichts getan habe. Marvin war vor dem Kölner Stadion mit einer Gruppe unterwegs, in der Einzelne offenbar die Konfrontation suchten, wovon es ein nicht sehr aussagekräftiges Video gibt. Während die Polizei darauf verweist, dass in dem anschließenden Verfahren jedem eine konkrete Straftat zugewiesen werden müsse, befürchtet Marvin Auswirkungen auf sein Medizinstudium in Leipzig. Vom 1. FC Köln hat er Post bekommen. Man beabsichtige, gegen ihn ein Stadionverbot auszusprechen.

Fans der "Eisernern" sanierten das Stadion

Dabei taugen die Anhänger der „Eisernen“ als Vorzeigefans: Sie sanierten in Eigenregie das Stadion An der Alten Försterei, die Ultras unterstützen soziale Projekte. Im Juli stand Marvin neben Jupp Heynckes auf der Bühne in Düsseldorf, weil er als einer der Initiatoren der friedlichen Fanprotestaktion „12:12“ ausgezeichnet wurde. Zwischen Ultras und Vereinsführung gibt es offenbar ein gutes Verhältnis. Union Berlin hatte neben dem FC St. Pauli als einziger Verein das Sicherheitspapier nicht unterschrieben, mit dem die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die angeblich zunehmende Gewalt in den Stadien bekämpfen will.

Cathérine Menschner, Autorin des „story“-Films, setzt dem negativen Image von Ultras ein differenziertes, aber sicher kein repräsentatives Bild (ein weiteres Beispiel) entgegen. Als zweites Beispiel neben Union Berlin dient der Bundesligist Hannover 96. Der Fan-Dachverband „Rote Kurve“, der sich unter anderem gegen Neonazis und Rassismus engagiert, hat sich aufgelöst – im Streit mit der Klubführung. Aufwendige Choreografien im Stadion seien seit dem vereinseigenen Maßnahmenkatalog nicht mehr möglich, kritisieren die Fans. 96-Präsident Martin Kind, der die eigenen, Bengalos abbrennenden Fans als „Arschlöcher“ bezeichnete, wollte dem WDR kein Interview geben. Kurz angebunden wirkt auch DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig: „Geben Sie dieser neuen Struktur doch erst einmal eine Chance.“

Welche Struktur? Dass die DFL das Papier vor allem auf Druck der Politik verabschiedete, wird nur mit einem Statement von NRW-Innenminister Ralf Jäger angedeutet. Zweifelhaft ist auch, ob Marvins Fall damit überhaupt etwas zu tun hat. Und die Pyromanie der Ultras? Wie sie denn mit ihren eigenen Kindern umgehen würden, wenn sie die Pyrotechnik mit ins Stadion brächten, fragt Autorin Menschner zwei 1. FC Union-Berlin-Fans. Beide sind sich einig: „Schwere Frage“. Die Kinder würde er erst mal in Sicherheit bringen, damit sie nicht daneben stehen, sagt einer.

„die story: Der Feind in meinem Stadion“; WDR, Montag 22 Uhr

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