Medien : Die Tour der ARD

Jan Ullrich arbeitete gegen Honorar für das Erste

Joachim Huber

Die Auflösung des Kürzels „ARD“ lautet im Senderverbund: „Alle Reden Durcheinander“. Jetzt gibt es eine aktuelle Variation davon: „Alle Rätseln Durcheinander“. Wer also in der ARD hatte mit dem mittlerweile unter Dopingverdacht stehenden Radprofi Jan Ullrich einen lukrativen Honorarvertrag geschlossen, wer trägt die Verantwortung für diese Verwendung von Gebührengeldern?

Der Radprofi Jan Ullrich war spätestens mit dem Gewinn der „Tour de France“ 1997 ein Volks- und ein Fernsehheld. Die ARD reagierte rasch: Ein Jahr später wurde sie Sponsor von „Team Telekom“ mit Jan Ullrich. 1999 folgte der Vertrag mit dem Star: Jährlich wurde ihm eine sechsstellige Summe überwiesen, zuletzt wohl 195 000 Euro. Nach ARD-Angaben wurde Ullrich für „außergewöhnliche Aufwände“ wie ein tägliches „Tagebuch“ während der Tour de France, Auftritte in ARD-Shows oder Drehtage für Reportagen honoriert. „Das Ziel“, sagte ARD-Programmchef Günter Struve, „bestand darin, besondere Berichterstattungsmöglichkeiten über einen der prominentesten Sportler Deutschlands zu erhalten.“ Über die Höhe der Honorare und über zusätzliche Bonus-Zahlungen bei sportlichen Erfolgen sagte Struve nichts, und er sagte auch nichts dazu, dass in der ARD keiner auf die Idee kam, wie sehr die Voraussetzung von Berichterstattung, der Journalismus, ad absurdum geführt wird, wenn Ullrich aus derselben Kasse bezahlt wird wie der Journalist.

Günter Struve bestätigte, dass der erste Vertrag 1999 vom Saarländischen Rundfunk abgeschlossen wurde; der SR ist in der ARD traditionell für Radsport zuständig. Als Ullrich 2002 das erste Mal unter Doping-Verdacht geriet, ließ die ARD den Vertrag ruhen, ehe er im Sommer 2003 fortgesetzt wurde, diesmal von der SportA, der gemeinsamen Sportrechte-Agentur von ARD und ZDF. Pikantes Detail: Das ZDF hat von diesem Kontrakt nie etwas erfahren. Dieser wurde zum Ende 2006 gekündigt, nachdem Ullrich wegen Dopingverdachts noch vor der Tour de France 2006 von der Teilnahme ausgeschlossen worden war.

Das Bekanntwerden des Vertrages hat in der ARD eine große Fluchtbewegung ausgelöst. Fritz Raff, immerhin seit 1996 Intendant in Saarbrücken, sagte, dass er den 2003 erneuerten Vertrag mit Ullrich nicht gekannt habe, dabei wurde der Vertrag von der Gemeinschaft der ARD-Intendanten gebilligt, wie Günter Struve bestätigte. Klar ist: In der ARD wird gerade das Spiel „Haltet den Dieb“ gespielt.

Gedächtnislücken auch bei den Sportchefs der ARD-Sender, die Sportkoordinator Hagen Boßdorf daran erinnerte, allen sei der Vertrag bekannt gewesen. Auch hier die Frage, wer mit wem worüber redet? Hagen Boßdorf wird sich seine eigenen Gedanken machen. Das Veröffentlichen dieser Verträge soll ihn treffen. Die ARD-Chefs werden in der nächsten Woche entscheiden, ob der Vertrag dieses auch Stasi-verstrickten Journalisten als Sportkoordinator verlängert wird. Eine enge Geschichte wird das auf jeden Fall für Boßdorf, aber ob sie mit dem Ullrich-Vertrag enger wird? Boßdorf ist erst seit 2002 Sportkoordinator und als solcher gehalten, Verträge, die die ARDChefs abgenickt haben, umzusetzen.

Die Verbindung der ARD mit dem Profi-Radsport war durch den Aufstieg des Jan Ullrich sehr herzlich geworden. Der Team-Telekom-Sponsor ließ enthusiastisch von der Tour berichten, nachhaltig betrieben von Tour-Reporter Boßdorf. Tempi passati. Ende 2004 wurde die Partnerschaft zwischen ARD und Deutscher Telekom beendet, nicht aus höherer Einsicht, sondern weil weitere deutsche Rennställe an den Start gingen. Mittlerweile fährt Ullrich nicht mehr für das T-Mobile-Team, Boßdorf hat zum investigativen Doping-Journalismus rübergemacht, ARD wie auch das ZDF wollen mit den Sportverbänden nur noch Fernsehverträge mit einer Doping-Ausstiegsklausel abschließen.

In ARD-Kreisen wird Stein und Bein geschworen, dass es keinen zweiten derartigen Vertrag gebe. Der Jan-Ullrich-Vertrag sei ein Einzelfall, die berüchtigte Ausnahme.

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