Die Tour zurück im Ersten : Schlechtes Gewissen statt Gelb-Fieber

Ein Deutscher in Gelb, zwei deutsche Etappensiege, doch im Ersten will die rechte Begeisterung nicht aufkommen. Wenn schon Tour de France, dann richtig, meint unser Autor. Ein Kommentar.

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Als Tony Martin in Gelb fuhr, hat sich auch der ARD-Kommentator gefreut.
Als Tony Martin in Gelb fuhr, hat sich auch der ARD-Kommentator gefreut.Foto: dpa

Tour de France – ARD. Deutschland fährt in Gelb, der Radprofi Tony Martin ist der Führende der Tour de France 2015. Dazu noch drei deutsche Etappensiege in fünf Tagen, besser kann es für die ARD nach ihrem Wiedereinstieg in die Liveberichterstattung von der Frankreichrundfahrt eigentlich nicht laufen. Wäre da nicht das permanente schlechte Gewissen, das die Moderatoren und Kommentatoren der ARD immer wieder durchklingen lassen. Es fällt ihnen nicht leicht, wieder von einem Sportereignis zu berichten, das man vor drei Jahren wegen systematischen Dopings verlassen hatte und zu dem man nun zurückkehrt, ohne wirklich an die Läuterung der Sportart zu glauben.

Lob für den Live-Stream. Da gibts das ganze Bild

Das spektakulärste Ereignis der bisherigen Tour de France 2015 musste die ARD ihren TV-Zuschauern nachreichen. Der Massensturz auf der dritten Etappe, in dessen Folge unter anderem der Träger des Gelben Trikots, Fabian Cancellara, ausschied, ereignete sich am Montag um kurz vor 16 Uhr und somit wenige Minuten, bevor die ARD mit der Tour im Fernsehen auf Sendung ging. Weil es das Erste mit Tour-TV nicht übertreiben will, werden bis auf wenige Ausnahmen nur die letzten ein- bis anderthalb Stunden des Rennens übertragen – jedenfalls im klassischen Fernsehen. Der Livestream auf der Homepage der „Sportschau“ beginnt wesentlich früher, zum Teil bereits direkt mit dem Start einer Etappe. Hier läuft das Rennen sogar noch länger als beim Konkurrenten Eurosport. Selbst auf die Kommentierung muss nicht verzichtet werden. Während Florian Naß die TV-Strecke begleitet, ist Florian Kurz der Kommentator während der reinen Onlineübertragung. Wer hingegen erst eingeschaltet hatte, als die ARD „offiziell“ mit der Tour auf Sendung ging, hat einen entscheidenden Moment dieses Rennens verpasst. Dafür wird um Punkt 17 Uhr gnadenlos zur „Tagesschau“ umgeschaltet, anstatt auf den ARD-Digitalkanal „Tagesschau24“ zu verweisen. Sicher: Bei Eurosport gibt es noch mehr Sponsoring- und Werbeunterbrechungen – aber nicht in der finalen Phase der Etappen. Der Spartensender bringt lieber in den ersten Rennstunden mehrfach kurz hintereinander Werbeblöcke, um sich am Ende komplett auf den Tourverlauf zu konzentrieren. Die Radsportfans danken es dem privaten Sender.

Noch nerviger sind jedoch die beinahe zwanghaft anmutenden Dopingkommentare von Florian Kurz und Florian Naß. Es ist zwar notwendig – und kann von einem öffentlich-rechtlichen Sender auch erwartet werden –, dass auch auf die unrühmliche Vergangenheit des Sports hingewiesen wird. Insbesondere dann, wenn einige der ehemaligen Dopingsünder noch immer im Sattel sitzen. Doch müssen Naß und Kurz das mehrmals täglich und an jedem weiteren Tag wiederholen und wiederholen, nur weil ein Alejandro Valverde durchs Bild fährt oder wieder ein Zug von Astana-Fahrer den Sprint anzieht? Wenn sich die ARD dafür entscheidet, den Zuschauerwunsch nach der Tour zu erfüllen, dann sollten sie den Auftrag ernst nehmen und nicht dauernd die Bedenken zur Schau stellen, einen Sport zu übertragen, dem man zutiefst misstraut. Das ist eine ganz einfache Entweder-oder-Entscheidung. Eine Entscheidung, die angesichts zweier deutscher Etappensiege nicht allzu schwerfallen dürfte. Schließlich gibt sich der Sender auf der anderen Seite ganz hip mit Social-Media-Beauftragter und eigenem Twitter-Hashtag #ARDtour.

Wo bleibt eine Doping-Reportage von Hajo Seppelt?

Anders verhielte es sich, wenn es Indizien für neue Dopingfälle gäbe. Doch selbst die ARD-Kommentatoren räumen ein, dass der niedrige Cortisolwert von Lars Boom aus dem Astana-Team nicht zwangsläufig ein Indiz für Doping ist, sondern auf eine Erkrankung hindeuten kann und darum weder vom Weltradsportverband noch von der Tour geahndet wird. Wenn schon Aufklärung, dann richtig: Eine Reportage von Hajo Seppelt und der ARD-Dopingredaktion wäre eine gute Idee gewesen. So aber muss sich das Erste nicht wundern, dass nur wenig mehr als eine Million Zuschauer die Tour in der ARD schauen. Die Radsportfans bleiben bei Eurosport.

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