Die unsichtbaren Kommunikatoren : Lauter, bitte!

Warum sind ausgerechnet Kommunikationswissenschaftler so unkommunikativ? Das muss sich ändern. Eine neue Tagesspiegel-Serie über Ergebnisse und Streitfragen des Fachs.

Stephan Russ-Mohl
Stephan Russ-Mohl fordert mehr Präsenz von Medienwissenschaftlern.
Stephan Russ-Mohl fordert mehr Präsenz von Medienwissenschaftlern.Foto: picture alliance / HELMUT FOHRIN

Kürzlich hat das Magazin „Cicero“ in einem Ranking die „500 wichtigsten deutschen Intellektuellen“ ermittelt, gemessen nach deren Präsenz im öffentlichen Diskurs der Republik. Ganze drei Medienforscher sind dort gelistet: Miriam Meckel (Uni St. Gallen), Norbert Bolz (TU Berlin) und Jochen Hörisch (Uni Mannheim). Nimmt man die Demoskopin Renate Köcher, den Medienforscher und Dokumentarfilmer Lutz Hachmeister noch dazu, sind es fünf – „Cicero“ führt sie als Sozialwissenschaftler. Und mit Jürgen Habermas, der im Ranking als Philosoph firmiert, aber einer der weltweit meistzitierten Kommunikationsforscher sein dürfte, kommen wir auf sechs. Zum Vergleich: In der Rangliste tummeln sich 33 Ökonomen, 45 Politik- und Sozialwissenschaftler, 20 Philosophen und 29 Historiker.

Wer zählt wirklich zu den Einflussreichen?

Journalisten lieben solche Rankings, weil sie Gesprächsstoff und Zahlen liefern. Sozialforschern sind sie ein Graus, weil sich so nimmer feststellen lässt, wer wirklich zu den Einflussreichen zählt. Trotzdem zeigt das Ranking eines: Die Medien- und Kommunikationswissenschaft ist im öffentlichen Diskurs nahezu unsichtbar. Dabei ist sie fachlich für die wohl dramatischsten Umwälzungen unserer Gesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts zuständig. Sie kümmert sich ums Internet, um Blogs, Suchmaschinen und um soziale Netzwerke ebenso wie um Print, TV und Radio, um die Digitalisierung und um deren Folgen.

Das Fach ist unkommunikativ geblieben

Schon der frühere Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz hat in der „Zeit“ geschrieben: „Die Kommunikationswissenschaft...“, solle „zur Aufklärungsinstitution für die gesamte Gesellschaft werden“, dazu gehöre „Kenntnis der Medienpraxis, Mut zur Aktualität, zur Schnelligkeit und zur pointierten Aussage. Und daran mangelt es.“ Getan hat sich seither nichts: Das Fach ist unkommunikativ geblieben. Das soll sich zumindest für die Tagesspiegel-Leser ändern. Alle 14 Tage werden von nun an drei Medienforscher an dieser Stelle Ergebnisse und Streitfragen ihres Fachs präsentieren.

- Der Autor leitet an der Universität Lugano das European Journalism Observatory (http://en.ejo.ch/)

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